Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1884)
- Date
- 1884-06-24
- Page
- Seite 414 (sequence 10)
- Language
- German
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414 wie der Religionsunterricht insbesondere, der Todtenbestattungsverein, die Armen- und Krankenpflege, alles das wurde zeitgemäß von ihm verbessert. Das größte Lob aber gebührt unstreitig dem Jubilar für die Einführung der Predigt beim Gottesdienst, wie bei freudigen und traurigen Anlässen der Gemeinde. Und so wie Herr Rabbiner Pucher stets bemüht war, die Begriffe wahrer Gotteserkenntniß nach innen zu klären und zu verbreiten, so griff er auch oft zur Feder, wo es galt, seinen Glauben gegen falsche Beschuldigungen nach außen zu vertheidigen und böswillige Angriffe von seinen Glaubensbrüdern abzuwehren. H. Mendelssohn. —. Aus Kaschau wird geschrieben: Am 10. d. M. fand im Beisein des Oberzespans, des Vizegespans, des Bürgermeisters und der Stadtvertretung, ferner der Spitzen der Confessionen und Lehranstalten die feierliche Eröffnung der neuen israelitischen Schule statt. Nach einem die Feier eröffnenden Psalmgesang hielt der Vorsteher Dr. David Kain die Festrede, in welcher er betonte, daß die Schule des an der Stirne des Gebäudes ersichtlichen Sinnspruches „Treu dem Vaterlande" stets eingedenk sein werde und daß er behaupten könne, daß schon heute in Kaschau jedes Judenkind richtig ungarisch spricht. Ieuilleton. Der Zug nach Jerusalem. Eine Erzählung aus alter Zeit. H. Das Fest nahete. Am nächsten Morgen wollte man die Wallfahrt antreten. Am Abend vorher versammelten sich die Bewohner des Dorfes, um noch einmal Alles zu besprechen, was nach alten Brauche zu dem Zuge gehörte und wie er auszuführen sei, und damit auch Diejenigen, welche die Pilgerfahrt nach Jerusalem noch nicht mitgemacht hatten, genau unterrichtet wären, hielt der Vorsteher einen Vortrag darüber, dem Alle aufmerksam lauschten. Wir ziehen, sagte er, zuerst nach der Kreisstadt und lagern dort auf dem freien Platze — in die Häuser einzutreten, ist nicht Sitte — bis die Züge aus den anderen Ortschaften des Kreises angelangt sind. Am Morgen in der Frühe rust der Beamte des Kreises aus: „Auf! laßt uns nach Zion ziehen, zum Tempel des Ewigen unsres Gottes!" Dann ordnet sich der Zug nach der Größe der Orte, aus welchen sie gezogen, und unter fröhlichen Gesängen beschreitet er die Straße nach Jerusalem. In der Nähe der h. Stadt angelangt, wird ein Bote vorausgesendet, der deffen Ankunft meldet. Priester und Leviten und Schatzmeister des Tempels kommen ihm entgegen. In den Straßen der Stadt stehen die Bewohner vor ihren Häusern und begrüßen uns mit den Worten: „Brüder, seid uns willkommen in Frieden!" Sobald man bis zum Tempelberge gekommen, ordnet man noch einmal die Erstlingsfrüchte in den Körben, die schönsten obenauf und mit Blumen verziert, ein Jeder nimmt selbst seinen Korb auf die Schulter und besteigt den Berg, bis man in den Vorhof einzieht. Da stimmen die Säuger unter den Leviten den Psalm: „Ich erhebe Dich Ewiger, denn Du hast mich aus der Tiefe gezogen und ließest meine Feinde nicht über mich triumphiren!" Ihr wißt, daß man an die Körbe Tauben hängt; die werden jetzt dem Priester zu Ganzopfern überreicht, und indem nun ein Jeder seinen Korb dem Priester händigt, spricht er die Worte des Bekenntnisses, welche die Thora vorschreibt; der Priester macht eine Wendung mit dem Korbe, indem er die Hand darunter gelegt; man vollendet die Bekenntnißworte und der Priester setzt den Korb am Altäre nieder. Da wirft sich der Darbringende auf die Kniee und spricht anbetend die Gefühle und Wünsche seines Herzens vor dem barmherzigen Allerhörer aus. Dann beginnen die Opfer und die Freudenmahle und jedwede Familie ist glücklich und befriedigt, im Bewußtsein, daß sie ihre Pflicht gethan und daß ein gnädiger Gott über sein Volk waltet und ihm Sicherheit und Ueberfluß gewährt. — Auf allen Gesichtern der Zuhörer leuchtete die Hoffnung auf die kommenden schönen Tage und auf den Anblick der Herrlichkeiten, die sie im Tempel und an den Prachtwerken Jerusalems schauen würden. Strömten doch alle Bewohner des Landes zu Hunderttausenden dorthin, und feierten ein Fest der Verbrüderung, an dem nur Eintracht und Friede herrschte und das Herz sich erweiterte in Freundschaft und Zusammengehörigkeit. Man sah ein großes Ganzes vor sich, von welchem jeder Einzelne ein Glied, ein gleichberechtigtes und gleichgeachtetes war. In der Frühe des Morgens erschienen alle Bewohner, die abziehenden und die zurückbleibenden, am Ausgang des Dorfes. Nur die Greise und Kinder und einige jüngere Männer, um jene zu bedienen und vorkommenden Falles zu beschützen, sollten diesmal in der Heimath Zurückbleiben. Bevor man sich trennte, wurde gemeinsam das Wallfahrtslied angestimmt, und aus tiefbewegtem Herzen erhob sich der Gesang bei den ersten Strahlen der Morgenröthe zum wolkenlosen Himmel hinauf: Ich freute mich, da sie zu mir sprachen: Zum Haus des Ewigen laßt uns gehen! Bald stehen unsre Füße in deinen Thoren, Jerusalem. Jerusalem, du wohlgebaute, Dahin die Stämme Jah's hinaufziehen. Des Ewigen Namen zu verherrlichen. Betet für Jerusalems Frieden! Ruhe denen, die dich lieben!