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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-06-24 · Heft 26 (24.6.1884) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 26 (24.6.1884)
Date
1884-06-24
Page
Seite 411 (sequence 7)
Language
German
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411 den Verband, die Gemeinde Allenstein, die Vertreter der Ge-, da sie den Antisemitismus groß gezogen oder doch groß ziehen meinden und die Leiter des Verbandes anschlossen. Während ließen. Namentlich ist es das ungarische Abgeordnetenhaus, der Verhandlungen sowohl als bei dem Festmahl herrschte eine gehobene Stimmung, und so verschieden die religiöse Richtung der Theilnehmer gewesen sein mag, alle waren von dem Gedanken durchdrungen, daß das allen Gemeinsame im' Verbände seine Stütze und Förderung finde. j Anclam, im Juni. Im November v. I. suhr der Vor-' steher der jüdischen Gemeinde zu Anclam, ein Herr U, in; Begleitung eines anderen jüdischen jungen Mannes in einem Coupä 3. Klasse von Greifswald nach Anclam. In demj selben saß bereits ein feingekleideter Herr, der möglicherweise ein etwas jüdisches Aussehen gehabt haben mag. Es stiegen' dann in dasselbe Eoupä zwei Uhrmacher und ein Stellmacher aus Anclam ein. Diese Drei begannen in allen Tonarten über die Juden zu schimpfen, sie besprachen den Tißa-^ Eßlarer Fall, da hätten die Juden die Richter bestochen :c.' Die jüdischen Mitreisenden schwiegen beharrlich. Nun^ mehr rückten sie dem fremden Herrn zu Leibe, beleidigten j denselben, drohten ihm, und als derselbe immer noch keine Miene zu seiner Vertheidigung machte, so schlugen sie ihn mit den Fingern auf die Nase, mit der Faust unter das^ Kinn u. s. w. Mittlerweile kam die Station Anclam, wo' das freche Spiel sein Ende dadurch erhielt, daß die Herren dort aussticgen. Der Vorsteher U. stellte sich dem fremden insultirten Herrn vor, und als die Gegenvorstellung erfolgte, zeigte es sich, daß der Fremde der Premier-Lieutenant v. B. sei, der in Cioilkteidung dritter Klasse fuhr. Nun forderte Herr U. den Lieutenant auf, diesen Vorfall anhängig zu machen, da im Nichtfalle er das entschieden thun wolle; die beiden Herren erboten sich als Zeugen, und der Herr v. B. mußte wohl oder übel Anzeige machen. Ties that er auch bei seinem Regiment und kam dieser Fall gegen die Beschuldigten vor dem Schöffengericht zu Anclam jüngst zur Verhandlung. Als Schöffen fungirten zwei christliche Bürger, den Staatsanwalt vertrat der Bürgermeister von Anclam, Zeugen waren der gedachte Vorsteher und der junge jüdische Mann; als Kläger und Zeuge erschien der Offizier in Begleitung seines Hauptmanns. Tie Verhandlung endete mit der Verurtheilung von zwei der Angeklagten zu je zwei Monaten Gefängniß und sämmtlichen Kosten, der dritte der Angeklagten wurde sreigcsprochcn, weil nach Aussage der Zeugen derselbe sich nicht an der Affaire betheiligle. Oesterreich-Ungarn. Bonn, 13. Juni. (Privatmitth.) Ter Antisemitismus ist die Vorschule der Anarchie! Dieser von uns wiederholt geltend gemachte Satz bewährt sich jetzt ganz besonders in Ungarn. Die leitenden Kreise des Magyarenstaates haben deshalb eine schwere Schuld auf sich geladen, welches die Verantwortlichkeit trifft. Jahre lang hat es Jstoczy die schmälichsten Reden ruhig halten lassen und nur mit Lachen beantwortet. Jstoczy wußte aber wohl, was er that; denn seine von der Tribüne des Hauses erklungenen Reden, die ungehindert und unbestritten blieben, drangen hinaus in das Land und faßten Wurzeln im Volke. Jahre lang ließ die Regierungspartei Jstoczy in ihrer Mitte sitzen, und gab ihm hierdurch das autoritative Ansehen, das diese Partei im Lande besaß. Auf einen Wink von Tißa würde er gleich Anfangs aus dieser Partei ausgeschlossen worden sein, wozu diese sich erst entschloß, als die brutalen Ausbrüche des anarchischen Antisemitismus in ganzen Comitaten ihre Verwüstungen begonnen hatten. Erst dann entschloß sich Tißa, kräftige Reden dagegen zu halten, während er im Schoße seines Ministeriums einen ausgesprochenen Antisemiten aufrecht erhielt. Man hat lange mit dem Feuer gespielt, weil es eben nur die Juden traf; nun ist es zu einer Fcuersbrunst ausgeartet. Die Ruhe und Mäßigung, in welcher die Wahlbewegung zuerst sich abspielte, ist in der jüngsten Zeit einem Sturm von Anarchie gewichen. Täglich laufen Nachrichten von Aufständen und Emeuten ein, deren Opfer in der Regel die liberalen Candidaten sind. Zuletzt tritt bei diesen das antisemitische Element ein und wirft sich plündernd und mißhandelnd auf die Juden. So namentlich am 8. d. M. in Kalocsa, wo die liberale Partei vom Pöbel fürchterlich zugerichtet wurde und zuletzt die Antisemiten die Läden der Juden erbrachen und plünderten. Es ist dies nur ein Bild, das an vielen Plätzen wiederholt erscheint. Man wird erst aufathmen, wenn die Wahlen mit dem 22. beendet sein werden. Wien, 12. Juni. (Privatmitth.) Der ehemalige Minister für Cultus und Unterricht, Herr W. Josef Jiricck, erhielt den Orden der eisernen Krone, zweiter Classe, mit welchem die Erhebung in den Freiherrnstand verbunden ist. Ich erwähne hier dieser Thatsache, weil Herr I. Jiricck, zur Zeit als er Minister war, daran ging, die kaiserliche Entschließung vom 18. August 1870, welche die Errichtung einer öffentlichen israelitischen theologischen Lehranstalt bewilligte, zur Ausführung zu bringen. Er war nur kurze Zeit im Amte und seine Nachfolger ließen die Sache einschlasen. Nicht minder wichtig ist die Errichtung einer Anstalt zur Heranbildung von israelitischen Religionslehrern, für die eigentlich gar nichts geschieht, und doch ist bei uns in Oesterreich der Religionsunterricht obligat. Schließlich noch eine Bemerkung: Es ist mir jüngst ein neues jüdisches Journal zur Hand gekommen, welches, wie es scheint, die Fahne der Opposition aufhißt. Nun hätten wir gegen ein Oppositionsblatt gar nichts einzuwenden, wir

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