Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1884)
- Date
- 1884-06-03
- Page
- Seite 365 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227525--41772-3310274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
305 unglücklichen gewandelt worden. Wir müssen hier aus dem sie einen Kameraden Lügner schimpfen wollte; wir konnten Vorwort deS Verfassers eine Stelle anführen, welche das nicht ahnen, daß erlauchte Abkömmlinge einer par exeellence Motiv zu der jetzigen Veröffentlichung aussprechen soll, und sporenklirrenden Gentry die hohe Praerogative der Kaste die an sich durch die Kraft und Innigkeit der Sprache und generalisiren, das erlauchte Raubritterthum ihrer Abnen endes Gedankeninhalts werth ist wiedergegeben zu werden: „Wenn ich mich nun aber doch entschließe, diese Blätter der Oeffentlichkeit zu übergeben, so geschieht dies, weil inzwischen viel Neues und Unerwartetes in der Welt geschehen, Unerwartetes wenigstens für uns Alte, die wir zu unserer Zeit mit ganz anderen Gedanken uns getragen, ganz andere Ziele verfolgt haben, als ein künstliches Mittelalter über unser Geschlecht heraufzubeschwören, und die Rohheit der krassesten Selbstsucht, der bornirtesten Eitelkeit mit der Toga des Antisemitismus zu umhüllen — ja wir Alten, die man jetzt als unpraktische Menschen, als Idealisten zum alten Eisen wirst, weil wir einst für eine Zeit der freien lichten Erkenntniß, für den ewigen Frieden eines großen Menschcnbundes, kurz für die Erfüllung der messianischen Menschheitsidee geschwärmt haben, wir können trotz Allem und Allem die alte Marotte nicht fahren lassen, wir können es selbst heute noch nicht glauben, daß man zur Kräftigung des Nationalbewußtseins das Uneinheitsdogma der Menschheit verkünden, daß man ihre Trennung in Stämme und Raffen zur Basis des politischen Lebens, zur Bedingung der Entwickelung des selbsteigenen Wesens machen müsse, daß man den „bewaffneten Frieden" wie einen Drachen an den Marken lagern läßt, der von Zeit zu Zeit mit seinem Schuppenpanzer rasselt, und inzwischen das Mark der Völker verzehrt: ja wir können es nicht begreifen, daß man heute den Hinducultus galvanisirt, indem man über das Hochfeld der Geschichte den männcrfreffenden Moloch auf dem knarrenden Wagen des i Nationalismus führt, unter deffen kreischende Räder freilich' nicht die begeisterten Priester, aber die berauschten Völker sich' werfen sollen. Natürlich konnten wir nicht ahnen, daß einst ein großer Völkerarzt, der die heroische Tinktur von „Blut und Eisen" erfunden, plötzlich zu den veralteten Quacksalber-Mittelchen greifen würde, um die große Wunde der Zeit mit einem „gelben Flecken" zu decken, die große Magenkrankheit des Jahrhunderts — denn schließlich sitzt unser Uebel im Magen — mit den Mitteln der Sympathie oder vielmehr der Antipathie zu heilen; daß Professoren ihre anrüchige Weisheit mit Ammenmärchen wattiren, protestantische Priester — Torquemada spielen ... doch nein, ich nehme den Namen zurück — der furchtbare Mönch war ein Charakter, mächtig, wild, heißflammend wie die Autoddases, die er angezündet, er haßte, aber heuchelte nicht, und nie wurde er in öffentlicher Verhandlung der Cortes der Fälschung geziehen; auch haben wir nirgends gelesen, daß die hoffnungsvolle Gaffenfügend von Madrid feines Namens sich bedient hätte, wenn canaillisiren, und daß Diener der Gerechtigkeit und der Wissenschaft zu Lakaien der niedrigen Wuth und Selbstsucht sich verdingen würden. Ja, wir armen Träumer, deren Jugend auf den Hochgefilden freier deutscher Wiffenschaft, edler Humanität sich getummelt — dies konnten wir wahrhaftig nicht träumen, daß einst unsere burschikosen Epigonen mit ihren respektablen Bierbäffen eine Hep - hep Marseillaise singen würden. Weil dies nun aber doch geschehen, weil man das alte Lied von neuem beginnt, Schreckensmärchen, die man längst in die Rumpelkammer geworfen, wieder vorsucht und galvanisirt, dem Wolf der Raubsucht ein frommes Lammfellchen umhängt, dem verpönten Socialismus die Nothtaufe giebt — und wenn dies Alles nicht mehr helfen, wenn der auf die Lüge gepfropfte Fanatismus nicht mehr ziehen!will, das Raffe Pferd des arischen Vollblutes vorreitet, um j das abgetriebene semitische Rößlein als gar nicht turnirfähig , aus der europäischen Arena auszuschließen.Du glaubst, mein Leser, wir seien am Ende, und jetzt käme die gehar-! nischte Abwehr dieser widerlichen tückischen Rohheit, denkst j vielleicht bei dir selbst, viel zu viel Pathos für solche Kleinigkeit , um dies bischen Judenhetze willen wird Europa sich j auch nicht echauffiren —, aber Tu irrst, wir sind nicht am Ende, sondern erst am Anfänge, es handelt sich hier gar nicht um die Juden allein, (obgleich wir selbst in diesem Falle, wenigstens für uns, auch ein bischen Selbstzweck wären), das Ziel ist ein viel größeres, die Judenhetze ist nur ein Experiment, nur ein Vorspiel der großen Tragödie, die man vorbereitet, wir Juden sind nur das dürre Holz, an dem die flammende Volksrohhcit praffelnd auflodern soll, bis sie stark genug sein wird, um den „frohen frommen" Weltbrand zu entzünden, der endlich sich selbst verzehrend matt zurücksinken soll in seine eigene Asche, um in dieser Asche Buße zu thun. Wenn es dann ringsum hübsch finster sein wird, wenn die Menschen hübsch mürbe geworden sein werden, dann ist der große Plan der Vollendung nah', dann ist die Zeit reif, daß die „Geschichte wiederum umkehren" und von uenem beginnen soll. Weil nun dieser Plan, wie es scheint, so hübsch ver- : borgen gehalten wird, daß nicht nur die Mafien keine Spur von ihm haben, sondern selbst die Hauptakteure, oder die sich dafür halten, nur Maschinen sind, die glauben „zu schieben und geschoben werden" — weil vielleicht die Direktoren selbst nicht das ganze Elend überschauen, das sie in Scene setzen, weil sie sich vielleicht keine ganz klare Rechenschaft geben von dem furchtbaren Weltbrand, den sie entzünden, während sie nur die Illustration ihrer Lieblingsidee im Auge 23