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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-05-20 · Heft 21 (20.5.1884) · p. Seite 338

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 21 (20.5.1884)
Date
1884-05-20
Page
Seite 338 (sequence 14)
Language
German
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338 zur selben Zeit dasselbe von außen herein; das Thor geht auf und vor mir steht mein kleiner K'oritschoncr. Die beiden Schultern schlaff gesenkt, das Haupt traurig zur Seite geneigt, fragt er mich, an der Schwelle stehend, mit milder, zitternder Stimme: — Irasceris mihi? („Grollst Du mir'?") Ob ich ihm grolle? Und, demüthig den Hut vom Kopfe nehmend, fuhr er fort: — Ich kam zu Dir, Dich um Verzeihung zu bitten. Er, der Geprügelte, kommt um Verzeihung bitten Denjenigen, der ihn insultirt! Und ihn hat Niemand dazu gezwungen. Er hat keine Mutter, die ihn durch strengen Rechtspruch und mächtiges Gebot zu mir schickte'. Und dennoch kommt er hieher zu mir. Mir strömten die Thränen aus den Augen: ich siel ihm um den Hals und umarmte ihn. — Nein, nicht Du bittest mich um Verzeihung, nicht Du; ich, ich bitte Dich, mir zu vergeben. Und jetzt mußt Du mit hinein zu meiner Mutter und ihr sagen, daß wir uns versöhnt haben und hinfür uns gegenseitig achten wollen. — Darum bin ich ja just zu Euch gekommen. Hierauf ging er mit mir zur Mutter hinein und sprach: — Ich komme um Ihre Vergebung zu bitten, gnädige Frau, für die Beleidigung, die ich Ihnen zugefügt. Ich bin Sie waren unsere besten Freunde, mit ihnen konnten wir literarische Angelegenheiten am besten besprechen, sie liehen uns Bücher zum Lesen, ja selbst Pctöfi wurde von ihnen am besten portirt. Einmal geschah es, daß wir ein Konzert veranstalteten zum Besten einer zu errichtenden Jugendbibliothek. Musiker, Deklamatoren stellte die Schuljugend die Menge bei; doch gab es unter uns keinen geschulten Sänger, der Opern-Aricn vorzutragen verstand. Ein junger Jude, Philipp Gallia (später ward er Buchhändler), ein graduirter Mann von überaus vielseitiger Bildung, der dabei einen herrlichen Tenor und eine ganz vorzügliche Schule hatte, sagte auf mein Ersuchen seine Mitwirkung zu. Er sollte aus „Belisar" die Arie ,Trema Bisanzia, sterminatrice!“ singen. Den Text hatte ich ihm in's Ungarische übersetzt. Einige Tage vor dem Konzert hieß es, unter dem Publikum bereite sich irgend eine Demonstration gegen den jüdischen Dilettanten vor. Wir ließen uns dadurch nicht einschüchtern. Das Theater füllte sich mit Publikum; die Einnahme lieferte den Grundstein für die Schulbibliothek. Als die Reihe an Gallia's Gesang kam, harrte Alles voller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Mein jüdischer Sänger trat muthig auf die Bühne, vor der Schuldige, ich gestehe es ein. Denn worüber wir dis-! das Orchester hin, und kaum daß er anhub: „Zittere Byputirt, darin hat er Recht gehabt, der Moriz. Der Buchzanzia!", da erscholl im Auditorium eine Stimme. dröhnend, stabe „h" ist in der That ein Konsonant; nur aus poetischer! wie der Ruf eines Ochsentreibers: Licenz wird er zuweilen als „spiritus lenis" betrachtet. Der i — „Da giebt's keine Pferdehäute! Was sucht der Herr Prvfeffor hat mir dies klar und deutlich erklärt. Darum Jude da!" verzeihen Sie es mir, daß ich dem Moriz Veranlassung gab,! Aber dieser eine und einzige Demonstrant wurde durch mich zu schlagen. Seine Schläge haben mich nicht geschmerzt; das p. t. Publikum selbst im Nu mit solcher Raschheit aus denn der Moriz hat Recht und auch eine tüchtige Faust hat dem Zuschauerraum geschleudert, daß der Sänger sich in er. Und mit dieser Faust wird er den Juden vertheidigen, seiner Arie gar nicht zu unterbrechen brauchte. Und als der wann der Jude Recht haben wird. letzte Vers verklungen war: „Ein Meer von Blut soll Rache — — — — — — — — — — — — melden — Für jede Thrän' des edlen Helden", da erhob sich — — — — — — — — — — — — im Publikum ein brausender Orkan von Applaus und Eljcn Jn diesem Augenblick bin ich Philosemit geworden. rufen, der schier kein Ende nehmen wollte. Und der Philosemitismus war mir nie eine ideale — — — — — — — — — — — — Phrase: sie ging bei mir in Fleisch und Blut über. — — — — — — — — — — — — Wo immer ich von da ab in die Schule ging, überall Dieses geschah im Jahre des Heils 1842, vor 42 Jahren war ich bestrebt, zu erwirken, daß meine Schulkameraden mit in der Stadt Kecskemct. ihren jüdischen Kommilitonen anständig umgehen.; ..Welch große Fortschritte hat die Welt seither Im Kollegium zu Kecskemet hatte ich mir bereits einen j gemacht! hohen Rang errauft: da war ich der konstitutionell erwählte Vortänzer für den Juristenball, der erste Eminent in meiner Klasse und der erste Liebhaber bei den Dilettanten. Dieses hohe Ansehen wußte ich überall zur Geltung zu bringen, um die gebildeten Jünglinge der handeltreibenden Kecskemeter Judenschaft in unseren geselligen Kreisen einheimisch zu machen. Vermischtes. Rothschild und Schönerer. Nathanael von Rothschild will in Reichenau sich ein Sommerschloß erbauen und hat dazu Grund und Boden für einen

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