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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-29 · Heft 18 (29.4.1884) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 18 (29.4.1884)
Date
1884-04-29
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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Nun, wir haben während unsrer ganzen Wirksamkeit den^ Grundsatz befolgt, daß, wo irgend innerhalb des Judenthums | sich Leben regte, eine Kraftäußerung zu Tage strebte, ein! Gedanke die Geister zu bewegen und zur Bethätigung des Interesses führen könnte, dies mit aller Kraft zu fördern, wenn wir uns auch die Wege und Mittel zum Ziele anders dachten. Wir bestanden niemals so eigensinnig auf unsrer Ansicht, uni nicht, wenn das Ziel das gleiche war, der Meinung Anderer nachzugeben. Wir hielten zwar diese Synode für ein Experiment, doch immerhin für ein nützliches, worüber nun die Erfahrung zu machen sei. Jedenfalls war die Aufgabe gestellt, und sic mußte möglichst gelöst werden. Die Synode fand zu Leipzig vom 29. Juni bis 4. Juli 1869 in 8 Sitzungen statt.') Die Gemeinde zu Leipzig hatte in ausgezeichneter Gastfreundschaft alle lokalen Vorbereitungen für die Versammlung und die Theilnehmer derselben, sowie die angemessensten Vorkehrungen getroffen. Es hatten sich zur Synode 83 Theilnehmer eingefunden, darunter 25 Rabbiner, 9 Prediger und Lehrer, 12 Gelehrte. Vertreten waren außer von den Rabbincn 37 Gemeinden, aus denen wir hervorhebcn Berlin, Breslau, Wien, Brüffel, Dresden, Leipzig, Glogau, Nürnberg. Tcplitz und andere mittlere und kleinere Gemeinden. Ans nicht zum Deutschen Reiche gehörigen Ländern erschienen als Vertreter aus Brüffel der Großrabbiner Astruc und der Präsident des Consistoriums Lassen, aus Bukarest, Krakau, der Schweiz, Manchester, New- Z)ork, Prag, Postelberg, Szcgedin, St. Thomas je einer, aus Teplitz zwei, aus Wien fünf. Zum Vorsitzenden wählte die Versammlung den Prof. vr. M. Lazarus, und präsidirte derselbe in der ausgezeichnetsten Weise, und gereichten namentlich seine Eröffnungs- und Schlußrede zur Erhebung und Befriedigung der Versammlung, sowie Aller, deren Jntereffc ihr zugewandt war. Allerdings wurde ihm sein Amt durch die würdigste und besonnenste Haltung aller Theilnehmer, auch bei sehr erregten Debatten, erleichtert. Als erster Gegenstand aus die Tagesordnung wurde der Antrag des Schreibers dieses über die Prinzipien des Judenthums in politischer, socialer und intcrconfessioneller Beziehung gestellt. Es war einer ersten Synode angemessen, eine solche Kundgebung zu promulgiren. Die Zeitverhältniffe erforderten es, denn noch war auf die von uns bewirkte und eingereichte Petition von 481 Gemeinden das förmliche, die Gleichstellung sanktionirende Gesetz des norddeutschen Bundes nicht erfolgt, und andrerseits war das ökumenische Conzil im Vatican versammelt, welches den Syllabus und die Encyclica Pius IX. zu dogmatisiren hatte. Andrerseits war auch jetzt die Con- 1) Uebcr die Vorbereitungen zur Synode ziehen sich die Berichte den Jahrg. 1869 der „A. Z. d. I." von S. 61—505 hindurch. Der Bericht über die Versammlung ielbst findet sich von T. 525 — 593 sowie noch S. 777. Die stenographischen Berichte und die Protokolle erschienen bei Louis Gerschel in Berlin im Nov. 1869. tinuität mit dem Pariser Sanhedrin und der Erklärung der, ersten Rabbinerversammlung zu Braunschweig zu bethätigen. ' Der Antrag wurde durch eine Rede begründet, welche in allen ihren Einzelheiten von der Versammlung durch Bezeugung der Zustimmung als Ausdruck derselben anerkannt wurde. -) Der Antrag, welcher auf den Antrag des Großrabbinen Astruc durch Akklamation einstimmig zu einer Erklärung der Synode erhoben wurde, lautet in seiner Schlußredaktion folgendermaßen: „Die Versammlung erklärt: die jüdische Synode erkennt das Judenthum in Uebereinstimmung mit den Prinzipien der neueren Gesellschaft und des Rechtsstaates, wie diese Prinzipien im Mosaismus verkündet, und in der Lehre der Propheten entwickelt worden sind, nämlich in 11 ebereinstimmung mit dem Prinzip der Einheit des Menschengeschlechts, der Gleichheit Aller vor dem Gesetze, der Gleichheit Aller in Pflichten und Rechten dem Vaterland nnd dem Staate gegenüber, sowie der völligen Freiheit des Individuums in seiner religiösen Neberzeugung und dem Bekenntniß derselben; die Synode erkennt in der Entwickelung und Verwirklichung dieser Prinzipien die sichersten Bürgschaften für das Judcnthum und seine Bekenner in der Gegenwart und in der Zukunft, die lebenskräftigsten Bedingungen für den uneingeschränkten Bestand und die höchste Entfaltung des Judenthums; die Synode erkennt deshalb in dem Frieden aller Religionen und Confessionen unter einander, in der gegenseitigen Achtung und Gleichberechtigung derselben, sowie in dem nur mit geistigen Waffen und in strengsittlicher Weise geführten Kampf um die Wahrheit Eines der großen Ziele der Menschheit; die Synode erkennt daher als eine der wesentlichen Aufgaben des Judenthums, diese Prinzipien zu bekennen, zu fördern, zu vertreten, dafür zu wirken und zu schaffen." — Hierauf ging man zu den Anträgen der Nnterrichtscommission über, in deren Namen Herxheimcr und Hochstädter schriftliche Berichte verlasen und Dr. Gustav Philippson mündlich referirtc. Die betr. Anträge wurden nach längerer Debatte an die Commission zu veränderter Formulirung zurückgegeben. In der dritten Sitzung kam es noch zu einer Verhandlung über einen Antrag des vr. M. Engel aus Wien, über den Fall, wie ein von einer jüdischen Mutter! geborener, aber unbeschnitten gebliebener Knabe von religiöser Seite zu behandeln sei? Der Antrag wurde einer Commission für die nächste Synode überwiesen. Fast einstimmig sprach sich die Versammlung in der vierten Sitzung für die nunmehr endgültig redigirten Paragraphen der Unterrichts-; 21 Außer in den Protokollen haben wir dieselbe in der Broschüre: „Zur Charakteristik der ersten jüdischen Synode (Berlin, Gerschel, 1869) veröffentlicht.

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