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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-22 · Heft 17 (22.4.1884) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 17 (22.4.1884)
Date
1884-04-22
Page
Seite 273 (sequence 13)
Language
German
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273 von unseren Borfahren, dann das Erfreuliche erzählt, und 5. Mos. 27, 5 erläutert." Uns aber fällt hierbei ein Anderes auf. Wenn der Batcr seinem Kinde und den Anwesenden überhaupt die Bedeutung dieses Abends und dieser ganzen Feier erläutern sollte, so erwarten wir wohl, daß der große Lehr- und Gedankeninhalt des Peßachfestes in dessen geschichtlicher und ideeller Bedeutung in schwungreicher Weise znm Ausdruck gebracht werde. Statt dessen werden nur die äußerlichen Formalitäten, welche „diese Nacht von allen anderen Nächten unterscheiden", ausgestellt und in Fragcform gebracht, und ohne hinlängliche Beantwortung gelassen. Nun, wir wollen es nicht verhehlen: im Judenthume, in seiner Geschichte und seinen Geisteserzeugnisfen treffen sich oft das Große und das Kleine, das Erhabene und das Gewöhnliche dicht bei einander. Soeben haben wir in dem ersten Absatz die Aussprache höchster sittlicher Grundsätze und der tiefsten Bewegung der Volksseele bewundert, und werden nun unvermittelt zur Betrachtung kleinlicher Aeußerlichkcitcn geführt. Urtheileu wir aber unbefangen, und nicht bloß vom Standpunkte der gegenwärtigen Geistesrichtung und Sprachweise, so müssen wir zugestehen, daß ein solches Verfahren dem Geiste des Volkes zusagend ist und dessen Befähigung entspricht. Tie Mehrzahl der Menschen vermag nicht lange auf der Höhe einer erhabenen Anschauungsweise zu verweilen. Gerade je lebhafter sie in ihrem Gemüthe angeregt worden, desto schneller verlangt sie, daß ihr Interesse durch naheliegende, für sie greifbare Gegenstände geweckt werde. Und dies ist es, was die jüdischen Volkslehrer und die Urheber der Hagadoth so recht verstanden haben. Sie schrieben ganz und gar aus dem Volksgciste heraus und für denselben. Dadurch gewannen sie dessen Zuneigung und dies erklärt zu einem großen Theite die Anhänglichkeit des Volkes durch so viele Jahrhunderte hindurch an den überlieserten Erzeugnissen der alten Zeit. Man darf diese nicht blos der Pietät und einem ancrzogenen Pflichtgefühl zuschreibcu, sondern auch wesentlich dem Umstande, daß in allen jenen der Volksgeist des jüdischen Stammes in Anspruch genommen und seiner eigenthümlichen Weise Befriedigung geschafft war. Wir gestehen ein, daß in dieser Beziehung wir Männer der Gegenwart von unseren Alten viel lernen könnten. Ter Gegensatz der neueren Bildung zu der Prosa der alten Zeit hat in unsere Kanzclberedtsamkeit und Literatur einen pathetischen und poetischen Schwung gebracht, der über die Sphäre der Masse hinausgeht, sie allerdings momentan ergreift und über sich selbst erhebt — jedoch nicht lange, und der größere Theil der Zuhörer oder Leser vermag ihm nicht zu folgen. Aue diesem Gefühle heraus mag es auch gekommen sein, daß in der jüngsten Zeit viele jüdische Kanzclredncr ihre Vorträge mit einer Menge von Midraschstellen durchsetzen und ausschmücken, was vielen Zuhörern zusagt, dann aber wieder die Einheit und den Gesammteindruck stört, wenn nicht ganz und gar aufhebt. Wenn also jenes alte Verfahren, kleinlichen Acußerlichkeiten einen großen Raum zu gewähren, dazu beigetragen hat, die gottesdienstlichen Akte dem gegenwärtigen Geschlechts ungenießbar zu machen, so dürfte man andrerseits bei der Umgestaltung des Gottesdienstes diesen nicht allzusehr und systematisch auf ein ideelles Hochplateau versetzen, weil er dadurch der Fassungskraft der Menge entrückt und weniger genießbar gemacht wurde. Doch kehren wir zur Hagada zurück. Und doch erfolgt auf jene angeregte Frage alsbald eine Antwort. Sie ist ein naives ar§umentum all liominem. ganz dem Volksgeiste entsprechend. „Wenn der Heilige, gepriesen sei er! unsere Väter nicht aus Aegypten geführt hätte, so wären wir, unsre Kinder und unsere Kindcskinder Knechte dem Pharao in Aegypten." Ter gegenwärtige Mensch wird sofort cinwcnden: glaubt man wirklich, daß, wenn die Israeliten die 33 Jahrhunderte hindurch Sklaven geblieben wären, sie noch heute cristircn würden? daß sie sich nicht unter dem Volke verloren hätten, oder irgend eine geschichtliche Umwälzung sie befreit oder vernichtet hätte? Jndeß sieht man aus obigen Worten, daß in den altjüdischen Kreisen ein stärkerer Glaube an sich selbst vorhanden gewesen, als in dem gegenwärtigen Geschlechte. Tie Juden hatten die Erfahrung gemacht, daß sie Jahrhunderte hindurch „geknechtet" sein konnten, ohne ihre innere Freiheit und Selbständigkeit zu verlieren. Dazu kommt noch eine geschichtliche Thatsache. Tie ländliche Bevölkerung Aegyptens war unter den Pharaonen diesen leibeigen und der Despot konnte nicht bloß über ihr Eigenthum und deffen Ertrag, sondern auch über die Personen nach Willkür verfügen, und that dies auch in größtem Umfange, ^hut, diese Fellahs von vor 4 Jahrtausenden, sind noch die Fellahs von heute, in ihrer geistigen und leiblichen Eigenthümlichkeit. Sie haben sich trotz dieses Druckes erhalten, und zwar ganz so, wie sie in den ältesten Zeiten waren. — Kurz, aus dieser Jdentiffeiruug des heutigen und des ehemaligen Geschlechtes wird die Verpflichtung gezogen, noch heute das Peßachfest und zwar in der vorgeschriebenen Weise zu feiern, und es heißt weiter: „Selbst wenn wir allesammt Weise, allesammt Kundige, allesammt Greise, allesammt Kenner der Lehre wären, wäre cs für uns eine Pflicht, vom Auszuge aus Aegypten zu erzählen, und wer recht viel davon erzählt, der ist lobcnswerth." Ter Gedanke, der hierin liegt, ist immerhin nicht ohne Bedeutung. Abgesehen davon, daß Allen, ohne Unterschied der Einsicht und Kenntnisse dieselbe religiöse Pflicht auferlegt wird, wird mit jenen Worten angedeutet, daß in der Geschichte und in der Bedeutung des Peßach eine solche Fülle von Gedanken, Lehren und Principien enthalten ist, daß der Weiseste, Einsichtsvollste und Kundigste erst recht des geistigen Inhalts so

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