Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1884)
- Date
- 1884-03-18
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Antrag des Centrums gestimmt. Werden die Ultramontanen noch immer ihre alte Fabel wiederholen, daß die Juden die Schürer des Culturkampfes seien?! — Nach der Beerdigung der Leiche von Eduard Laster haben die Abgeordneten Dr. Bamberger, vr. Georg v. Bunsen, v. Forckenbeck, vr. Friedrich Kapp. Rickert und Schräder Namens ihrer politischen Freunde an den Präsidenten des Repräsentantenhauses zu Washington und an den Senator Karl Schurz Dankschreiben gerichtet. Das Schreiben an den Letzteren lautet: »Berlin, 27. Januar. Die Unterzeichneten beehren sich im Aufträge der heute hier versammelten Mitglieder aus allen Theilen des Deutschen Reiches, Ihnen, Herr Senator, den wärmsten Dank für den beredten Ausdruck inniger Theilnahme und freundschaftlicher Hochachtung auszudrücken, den wir in Ihrer ausgezeichneten Rede bei der Leichenfeier unseres verblichenen Führers und Freundes Eduard Laster in New-Iork gefunden haben. Die Liberale Bereinigung verbindet mit dieser Danksagung die heißesten Wünsche für die Wohlfahrt und das Gedeihen der mächtigen und emporstrebenden Bereinigten Staaten Amerikas und für die Befestigung nnd Weiterentwickelung der wechselseitigen Freundschaft zwischen beiden Nationen." Und dieses einfache und völlig folgerichtige Schreiben hat die „Nordd. Allg. Ztg.", das bekannte officiöse Blatt, »niederträchtig" zu nennen gewagt! Man wollte eben von Anfang an nichts weiter, als die Ansichten des deutschen Publikums über das Beileidsschreiben des amerikanischen Repräsentantenhauses in Verwirrung bringen, was auch glücklich gelungen ist. Jndeß in solchen Angelegenheiten ohne reale Bedeutung kommt es auf die Tagesmeinungen gar nicht an: die Geschichte giebt ihr Verdict ab. — In den jüngsten Tagen haben sich die Secessionisten und die Fortschrittspartei zu einer „deutschen freisinnigen Partei" vereinigt. Aus ihrem Programm heben wir Nr. 2 hervor, welche folgendermaßen lautet: „II. Wahrung der Rechte des Volkes: Erhaltung des geheimen, allgemeinen, direkten Wahlrechtes; Sicherung der Wahlfreiheit, insbesondere auch durch Bewilligung von Diäten; Preß-, Bersammlungs-, Bereinsfreiheit; Gleichheit vor dem Gesetz ohne Ansehen der Person und der Partei; volle Gewissens- und Religionsfreiheit; gesetzliche Regelung des Ver hältnisses zwischen dem Staate und den Religionsgesellschaften unter gleichem Rechte für alle Bekenntnisse." — Am 5. d. M. fand in den Baruch Auerbach'schen Waisen-Erziehungs-Anstalten die Einführung des neugewählten Directors, Herrn vr. Brann, durch den Vorsitzenden des Curatoriums, Herrn Stadtverordneten Louis Liebermann, statt. Bonn, 3. März. (Privatmitth.) Professor Conrad hat jüngst eine Schrift „Das Univerfitätsstudium in Deutschland während der letzten fünfzig Jahre (Jena, Fischer. 1884)" herausgegeben, in welcher er constatirt, daß die Gefahr der Ueberproduction an studirten Leuten nicht nur in Preußen, sondern im gesammten Deutschen Reiche besteht und beständig zunimmt. Die Zahl der Bewohner Deutschlands hat sich währendes Jahrzehnts 1872 bis 1882 um etwa 13 Prozent, diejenige deutscher Studenten dagegen um mehr als 62 Prozent vergrößert. Während des letzten halben Jahrhunderts hat diese Zahl sich nahezu verdoppelt. Man zählte auf den Universitäten Deutschlands: im Sommer 1833 etwa 13,000 Studirende „ Jahre 1860 „ 12,000 „ „ 1872 „ 15,000 „ „ 1883 mehr als 25,000 „ So hat sich auch in Preußen seit dem Jahre 1872 die Zahl der Gymnasiasten von 60,000 auf 77,000 erhöht. Es versteht sich von selbst, daß die aus diesen Thatsachen gezogene Schlußfolgerung des Berfasiers in einer nachdrücklichen Warnung vor weiterer Zuwendung zu den gelehrten Berussarten besteht. Die Ueberfüllung derselben ist für die Betheiligten ebenso bedenklich, wie für die gesammte Nation, denn sie hat die Bildung deffen zur Folge, was der Culturhistoriker Riehl bereits vor 25 Jahren mit dem treffenden Ausdruck „gebildetes Proletariat" bezeichnet^ Ganz besonders aber ist in Betracht zu ziehen, daß die eigentliche Schwierigkeit erst nach Beendigung der Studien, während der länger und immer länger werdenden Wartezeit beginnt, innerhalb welcher es keine Stipendien, sehr häufig auch keine elterlichen Unterstützungen mehr giebt und die Ansprüche nichtsdestoweniger zunehmen. Bei dem großen Prozentsatz, welchen gegenwärtig die jüdische Jugend den höheren Lehranstalten zuwendet, Hallen wir es auch für unsere Pflicht, die Eltern, besonders die unbemittelten, vor der übermäßigen Wahl der llniversitätsstudien nachdrücklich zu warnen. Wir haben es oft genug schmerzlich wahrgenommen, wie selbst unbemittelte Eltern sich die schwersten Opfer auferlegten, um ihre Söhne durch das Gymnasium zu bringen, wie diese jungen Leute dann zu ringen und mit den größten Entbehrungen zu kämpfen hatten, um die Universitätsstudien zurückzulegen, wie die Eltern in den süßesten Hoffnungen schwelgten, welches Glück nun ihrem Kinde und durch dieses ihnen selbst bevorstehe, und sich in vielen Fällen bitter getäuscht fanden; denn selbst die Praxis läuft de» Medicinern nicht nach, und die Juristen haben eine lange Wartezeit durchzumachen, für andere Zweige giebt es für Juden eine schwierige, oft seltene, oft ganz ausbleibende Förderung. Der Jude besitzt eine große Zuversichtlichkeit auf die Zunkuft und „Gott wird schon helfen!" lebt ihm im Herzen und auf den Lippen. Dies ist schön und hilft auch wirklich bisweilen zum Erfolge Nicht selten aber