Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1884)
- Date
- 1884-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vrerteljadrig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei asten Postämtern» außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig PhUippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an di« > Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr I - 12 M-) sind gleichfalls an letztere^ivMs zusenden. 48. Jahrgang. Leipzig» den 18. März 1884. No. 12. , Inhalt. Leitende Artikel: Der Mosaismus und die bildenden Künste. I. — Der zweite Neustettiner Synagogenbrand-Prozeß. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Frankfurt a. M. — Oesterreich-Ungarn: Prag, Pest, Zala-Egerßeg. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg, Aus Rußland, Aus Polen. — Rumänien: Bottuschan. — Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Münster: Literarische Notizen. — Feuilleton: Die Juden in Oesterreich. Qztiticf. j Bonn, 12. März. { Der Mosaismus und die bildenden Künste. i. Man hat es dem Mosaismus oft genug zum Vorwurf gemacht, daß er den bildenden Künsten — Skulptur, Malerei und Baukunst — feindlich gewesen, und zwar den beiden! ersteren durch das Verbot der Abbildung, und der Baukunst durch das Gebot, nur einen Tempel im ganzen Lande zu haben, eine Anbetungsstätte für die ganze Nation, soweit sie! im eigenen Lande oder auch außerhalb desselben ihre Wohnsitze habe. Und in der That hat der jüdische Stamm mit Ausnahme der jüngsten Jahrzehnte in diesen bildenden Künsten durch seine vierthalb Jahrtausende hindurch so gut wie nichts geleistet; denn selbst zum Bau des einen Tempels bedurfte er der Anweisung und Mithülfe der phönizischen Baukünstler. Nicht minder war es der Synagoge nicht gegeben, einen eigenen Baustyl für sich zu erfinden. Zu bewundern ist nur, daß die Kritik zuerst dem Mosaismus einen sehr späten Ursprung vindizirt, dann ihm aber wieder einen Einfluß auf das israel. Volk bis in dessen früheste Zeit zuschreibt. Aber an solchen Widersprüchen krankt noch die gegenwärtige Kritik. Dies ist wohl Grund genug, um uns einmal das Verhältniß des Mosaismus zu jenen Künsten klar zu machen. Man wird es uns Nachsehen, wenn wir, um unseren Gegenstand voll zu beleuchten, vorher eine, auch an sich nicht uninteressante Digression machen. Unserer Meinung nach ist bis jetzt zum vollen Berständniß des Mosaismus der Gesichtspunkt viel zu sehr vernachlässigt worden, daß der Mosaismus einen vollen Gegensatz zum aegyptischen Wesen, sagen wir der Kürze wegen zum Aegypticismus bildete und bilden sollte. Wir haben dies an verschiedenen Stellen unseres Bibelcommentars hervorgehoben und im Laufe der Zeit öfters Gelegenheit genommen, auf diesen Gesichtspunkt einzugehen. Prüfen wir diesmal das Sachverhältniß etwas genauer. Es ist von großer Bedeutung, daß Moses als in Aegypten geboren, am Pharaonischen Hofe erzogen, und in diesem Lande bis zu seinem 40sten Jahre verweilend dargestellt wird. Die Legende läßt ihn während dieser Zeit hohe Aemter in Civil und Militär und selbst im Priesterthum verwalten. Hiermit ist selbstverständlich ausgesprochen, daß Moses mit dem ganzen aegyptischen Wesen und Unwesen genau bekannt war, mit all' der Herrlichkeit der herrschenden Kasten und dem ganzen Elend des Volkes, mit all' den Hirngespinsten der Priester und Weisen und dem dichten Aberglauben der Masse. Als es nun galt, aus der angeschwollenen Masse der aus ägyptischer Knechtschaft geretteten Israeliten ein selbständiges Volk in dauernder Weise zu bilden und auf ein festes und sicheres Fundament zu stellen: so lag nichts näher, als all' das Unheil, die Gebrechen und Mängel des Aegypticismus zu vermeiden und zu verhüten. In dieser Opposition gegen den Aegypticismus finden wir nun den Mosaismus in allen Richtungen hin. Wir wollen nicht von 12