Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1884)
- Date
- 1884-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung -es Zudmthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Aeituna erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Mart. Abonne-! ment in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchj Handel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Bonn. | In redactionellen Angelegenheiten , wende man sich an vr.L.Philippson in! Bonn direct, in allen übrigen an die I Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr t2 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. GXpeöitiorr: Leipzig, Woßpccth 18. “ 48, Jahrgang. Leipzig, den 1t>. Februar 1884. No. 8. Jjriialt. Leitende Artikel: Offenes Sendschreiben an die ungarische Unabhängigkeitspartei. — Die richtige Erklärung einer Talmudstelle. Bon Vr. Landsberger. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Könitz. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Aus Ungarn, Pest. — Großbritannien: London. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Vermischtes: Die Regeraristokratie in Nordamerika. — Wie weit es wieder geht. — Nachtrag: Berlin. SieitcvCDe €Xztif.cC. Bonn, 13. Februar. Offenes Sendschreiben au die ungarische Auabhangigkeitspartei?) Im Leben aller Böller treten Zeiten ein, in welchen sich die Zustände und Verhältnisse so verworren und verwickelt gestalten, daß selbst die besten und edelsten Geister in Unklarheit und Schwanken gerathen. Solche ungewöhnliche Lagen veranlasien auch außergewöhnliche Mittel und Wege, sich zu verstehen und zu verständigen. Und aus diesem Grunde; gestatte ich mir, obschon Ausländer, Folgendes an die ungarische Unabhängigkeitspartei zu richten. Zu den bevorstehenden Reichstagswahlen hat die Unabhängigkeitspartei ein Manifest an die ungarische Nation gerichtet. In demselben spricht sie das „Beharren auf ihrem Grundprinzip aus, daß die Institutionen auf dem Grundsatz gleicher Rechte und Pflichten basirt, im Geiste der Freiheit und wahren liberalen Fortschrittes, entsprechend den Poftulaten geistiger und materieller Entwickelung der Nation entwickelt werden" — so wie den „Wunsch, daß unter den Nationalitäten des Vaterlandes freie Conkurrenz der Eultur, auf dem Gebiete der Berfaffung und bürgerlichen Rechte volle Rechtsgleichheit existire". Später wird hinzugefügt: 1) Dieses „Offene Sendschreiben" haben wir dem „Pester Lloyd" zur Veröffentlichung zugeichickt, und hat dieses sehr geachtete Btatt es bereits in der Sonntagsnummer (vom 10. Febr.) im Hauptblatte gebracht. Redaktion. „Wir wünschen, daß die Religionsfreiheit sich dergestalt verwirkliche, daß sie mit den Existenzbedingungen des Staates nicht collidire, und daß sich die Anhänger der freien Religionen entsprechend organisiren sollen." Die Unabhängigkeitspartei bekennt sich also noch heute zu den von ihr stets vertretenen Grundsätzen der vollen Rechtsgleichheit, der Gleichheit in Rechten und Pflichten und der Religionsfreiheit. Demungeachtet fährt das Manifest gleich darauf fort: „Es giebt aber noch eine Frage, über die wir uns bei dieser Gelegen-; heit äußern müssen. Diese Frage hält die Gemüther in Auflegung und fordert eine Lösung. Es ist die Judenfrage."! Jeder Unbefangene wird sich verwundern, nach einer patheti-! schen Verkündigung der Rechtsgleichheit und der Religionsfreiheit auf eine — „Judenfrage" zu stoßen, die „eine Löhsüng fordere!" Sagt doch die einfache Logik, daß mit der Rechtsgleichheit und Religionsfreiheit aller Staatsangehörigen! auch die „Judenfrage" gelöst ist, daß in einem Staate der l Rechtsgleichheit und der Religionsfreiheit über die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Verhältnisse eines Theiles der Bolksmasse nach ihrer Confession eine Frage nicht mehr exisiire. Jene Principien proklamiren, vertreten und vertheidi- > gen und nun doch wieder einen Theil der Staatsangehörigen der Frage nach ihrer politischen und sozialen Stellung im i Staate unterziehen, die Lösung dieser Frage von Bedingunj gen, die erfüllt oder nicht erfüllt werden können, abhängig > machen, erscheint als ein Widerspruch in sich. Wir meinen, das Manifest konnte von einer starken antisemitischen Bewegung sprechen und nach den Mitteln fragen, um diese zu beseitigen — aber von einer Jndenfrage durfte es nicht