Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1884)
- Date
- 1884-02-04
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227508--41480-3309953- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
94 plötzlich der Vogel Phönix aus seinem Vaterlande Arabien über dieses Meer geflogen käme. Seine Wellen ruhen nicht in bleierner Unbeweglichkeit, sondern sie ziehen, wie jedes andere Meer, weiße Schaumbrandungen um die Brüsten. Wenn ich noch den Glauben habe, daß kein Vogel über seine todbringenden Fluthen zu streifen wagt, so zerstört auch diesen der Anblick von Schwalben, die über dem Wasserspiegel! munter daherziehen. Auch einen Habicht sehe ich über die Ufer fliegen. Daß die Natur hier nicht erstorben ist, zeigen die Küsten auf der Seite Judäas, welche stellenweise von Pflanzenwuchs grünen. Ich sah Maremmen Etruriens, die trostloser erscheinen als diese Gestade des Todten Meeres. Ueberall hier lebt die schaffende Natur in schönen Formen der Felsenufer. Die Welle bespült den Strand wie im Mittel-! mecr in Zwischenräumen von drei bis vier Minuten. So wenigstens hat das Oskar Fraas beobachtet. Ich suche den Berg Nebo. Er muß ostwärts in Moab jenseits des Jordans stehen. Moses vom Nebo niederschauend auf dos verheißene Land, welches er nicht betreten darf und dann sterbend, ist wohl die großartigste aller religiösen Gestalten. Er stirbt und verschwindet. Niemand hat sein Grab gefunden bis auf den heutigen Tag. Man muß die Weisheit der Juden bewundern. Würde nicht der Menschheit vieles erspart worden sein, wenn auch das Grab Jesu niemand erfahren hätte bis auf den heutigen Tag? Das Ufer ist von Kies und Thon bedeckt und voll von Natronniederschlägen. Gerippe von Balsampappeln, Erdbeerbäumen und Tamarisken liegen umher, oder strecken halbversunken ihre kahlen mit Salzkrystallen umgezogenen Aeste gespensterhaft in die Luft. Es sind Treibhölzer, die der Jor- J dan und andere Zuflüsse in den See fuhren und seine Wellen bei Sturm an den Strand auswcrfcn. Ich möchte das Todte Meer im Gewittersturm sehen, wenn die Blitze Jehovah's die schwarzen Wogen umflackern. Lynch hat einen solchen Sturm beschrieben. Die bleiernen Wellen, die an sein Boot! schlugen, schienen wie Hammerschläge auf einen Amboß zu! fallen.! Aber jetzt lockt der Salzsee gerade so sireneuhast wie der Golf von Bajä. Selbst unsere Pferde sind von dieser blauen Fluth berückt. Eins taucht sein Maul hinein, um zu trinken, und zieht es mit einer Grimaffe des Entsetzens zurück, was das laute Gelächter der ganzen Karawane erregt. Wir Franken stürzen uns furchtlos in den Pfuhl des Lot. Kein merkwürdigeres Bad kann man auf der Erde nehmen. Sollte diese geheimnißvolle Salzwoge nicht Zauberkräfte haben, etwa wie der Styx, als Thetis ihren Sohn in ihn hinabtauchte? Das Wasier ist krystallhell, farblos und geruchlos. Es ist nur eine Fabel, daß es betäubenden Dunst aushaucht. Die Soldaten des Pompejus und Titus haben sic im Abendlande verbreitet, und daher hat Tacitus vom Todten Meer gesagt, daß es durch seinen Geruch den Anwohnern giftbringend sei und nie vom Winde bewegt werde („Hist.", V, 6). Kein lebender Organismus ist in ihm entdeckt worden. Wenn Fische aus dem Jordan sich ins Todte Meer verlieren, sterben sie sofort. Weder vegetabilische noch animalische Substanzen können durch Fäulniß seine Atmosphäre verderben. Nur Salze, Magnesia und Soda sind in ihm bis zur vollsten Sättigung aufgelöst. Das Wasser ist so dicht und schwer, daß ich mich nur mit Mühe in ihm bewegen kann; es hebt den Körper und stellt ihn aufrecht. Der Grund ist schlüpfrig wie Seife. Wenn ich mit der Hand davon hcraushole, ist es wie zäher, tveißlicher Lehm. Die Bitterkeit des Wassers ist wirklich schauderhaft. Die Augen schmerzen, wenn sie von ihm berührt werden. Das Thermo-! meter zeigt 16" R., die Luft hat 17°. Nach dem Bade haben wir das Gefühl der Erfrischung, und keiner von uns! spürt ein Brennen auf der Haut. Nur sind wir alle mit I einer Salzkruste überzogen." — | Vom Todten Meere wandte sich Gregorovius nach dem z Jordan und kehrte daun über Jericho nach Jerusalem zurück.! Wir wollen hier nur eine Stelle citiren, um den Contrast des j Ehemals und Jetzt zu bezeichnen: „Von 7 Uhr früh zu Pferd, j unsren Rückzug nach Jerulalem zu nehmen. Das Todte Meer strahlt im Morgenglanz. Kräftig wirkt gegen seinen blauen Spiegel das dunkle Castell. Vor uns nach Norden steigen die Terrassen Judäa's auf, und machtvoll steht der rothbraune Felsenberg Quarantana da, seinen Fuß in die Thäler des alten Jericho niedersenkend. Wir reiten nordwestlich am Wadi cl Kelt durch eine wohlbebaute Ebene, die auch Saatfelder hat. Zertrümmerte Wasserleitungen, einige mit sarazenischen Spitzbogen, sind sichtbar, und Ruinen von Gebäuden, die vielleicht Klöster oder Castelle gewesen sind. Dies herrliche Gefilde war einst von Aquädukten und Kanälen durchzogen und in einen Garten verwandelt. So beschreibt cS noch Strabo, der die Palmen und Fruchtbäume Jerichos und die Balsamgärten rühmt; und auch Plinius sagt, daß die hierucusische Ebene von Palmenhainen bedeckt und reich bewässert sei. Aus die Beduinen des Ghor muß Jericho den! Eindruck gemacht haben, wie Damascus auf die Araber des iHaurün. Was für die Gärten dort der Chrysorrhoas ist, das sind hier die Quellen Ain Sultan und Dük und der Wadi Kelt gewesen. Heute ist all diese Herrlichkeit zerstört, > außer jenem Wasserreichthum. Für die Cultur des Landes > fehlen Menschen, Mittel und eine sorgende Regierung."