Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1884)
- Date
- 1884-01-29
- Page
- Seite 78 (sequence 14)
- Language
- German
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78 Lebens, und dabei auch den Gottesläugnern entgegentritt. Unter diesen Spruchdichtungen sind für die Pädagogik besonders die Sprüche Salomonis wichtig, welche anleiten wollen , „zu lernen Weisheit und Zucht, Verstand, Klugheit, j Gerechtigkeit, Recht und Schlecht," die besonders in den! ersten Kapiteln (1 — 9) auf die Jugend Rücksicht nehmen, aber auch später öfter das Verhältniß der Eltern und Kinder besprechen. Die Erziehung zerfällt nach ihnen in zwei Stücke, Zucht und Unterweisung, darum muß der Erzieher selber sein Herz der Zucht und seine Ohren den Worten der Erkenntniß hingeben (Spr. 23, 12). In der Zucht muß zu-> erst der natürliche Hang (die Thorheit) gebändigt werden! durch Rute und Rüge, die wiederholt in der Kinderzucht gei fordert werden. Gerade in der scharfen Zucht giebt sich die \ Liebe zu dem Kinde kund, doch wird die Weisheit entscheiden, wo Rüge und wo Schläge angewandt werden müssen. Die Zucht öffnet der Unterweisung das Ohr. Diese Unterweisung lehrt Gottesfurcht und Gotteserkenntniß, Einsicht in Recht und Gerechtigkeit; sie soll früh beginnen und auch zur Arbeitsamkeit, Mäßigkeit und Keuschheit anleiten. Worauf die Mädchenerziehung abzielte, läßt das Lob der iugendsamen Hausfrau (Spr. 31, 10 ff.) erkennen. In der Zeit des gespaltenen Reichs werden die Prophetenschulen besonders wichtig für Israel. Aus ihnen sind die Schriften der Propheten dieser Zeit hervorzegangen, aus denen klar wird, daß Gott, obgleich das bundesbrüchige Volk im ganzen die Gnade Gottes verscherzt hat, doch einen Rest auch in den elendesten Zeiten unter dem Volke hat, welcher zu dem Zukunftsziel, der Vollendung des Heils im Messias, sich im Gehorsam gegen Gesetz und Verheißungsrccht bereitet. In der seligen Zeit des Messias wird auch der Gegensatz zwischen dem heiligen Gotteswillen und der sündigen Menschennatur aufgehoben werden durch den neuen Bund, in welchem der göttliche Geist, welcher in der nun versöhnten Gemeinde waltet, Herz und Leben der Bundcsglieder heiligt, und auch die Jugend lehrt (Jes. 54, 13). So wurden die Propheten jetzt und auch später in der Verbannung Ausleger des Gesetzes, Verkündiger göttlichen Wortes, Rathgebcr und Tröster des armen Volkes im Hinblick auf das höchste Ziel Israels. 4. Nach der babylonischen Gefangenschaft stellte Esra das Gesetz unter dem Volke wieder her. Zugleich entstanden die Schriftgelehrten, welche die geschriebenen Offenbarungsurkunden auslegten. Ihre Bildung, welche sie in den höheren Lehranstalten zu Jerusalem, Alexandria u. s. w. empfingen, wurde eine gelehrte, aber nach und nach bildeten | sich auch andere Schulen, in welchen die Kinder im väterlichen Gesetz unterrichtet wurden. Wie hoch man die Schriftgelehrten schätzte, zeigt das Buch Sirach (38,25—39, 15), welches als Spiegel der pädagogischen Auffaffung neben dem Buche der Weisheit aus der nachexilischen Zeit gelten kann. Es ist eine Sammlung von Betrachtungen über den Weltlauf, die Lebensarten und Lebensweisen der Menschen in allerlei Ständen, Ordnungen und Altern. Das Gesetz des Lebens ist: Hüte dich vor allem Unrecht, und der Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht. Wer aber Gott fürchtet. der ehrt auch seine Eltern. Der Ruhm eines Menschen besteht in seines Vaters Ehre, und Schande ist den Kindern eine beschimpfte Mutter. Aber das Kind vermag nur die Eltern zu ehren, wenn die Eltern ehrbar sind. So faßt Sirach die Aufgabe Israels nicht tief genug auf. Die letzten Propheten stehen dem neuen Testamente geistig näher als die Apokryphen, von denen das Buch der Weisheit schon ganz die jüdisch-alexandrinische Weltanschauung erkennen läßt, welche besonders in Philo vertreten ist. Philo war im Jahre 41 nach Christo Gesandter der Juden bei Ealigula. In seinen Schriften hat er den platonischen Idealismus und die jüdische Glaubenslehre mit einander verschmolzen. Durch symbolische Auslegung findet er im alten Testamente die gesammte Bildung der übrigen Völker, namentlich der Griechen. Höher als alle menschliche Wissenschaft, die, weil sie die Seele von Jrrthümern und Anmaßung reinigt, zur wahren Bildung nothwendig ist, steht die wahre Weisheit der heiligen Schrift, zu deren Erklärung und Bertheidigung die anderen Wissenschaften dienen. Das!Ziel der Wiffenschaft ist, zu glauben, daß man nichts weiß, denn nur einer ist weise, Gott, der allein auch die Erkenn tniß der Wahrheit gewährt, zu der wir durch Frömmigkeit jund Glauben gelangen. Die wahre Weisheit ist die himm-! lische Ruhe der Seele in Gott. Darum ist Gott und die i Tugend das höchste Ziel. Der Mensch hat Anlage dazu, I aber diese muß geübt werden, und die Unterweisung darf j nicht fehlen. Das Kind ist in den ersten Jahren wie weiches | Wachs, darum muß es sorgfältig behütet und sorgfältig unter- | wiesen werden in den menschlichen Wiffenschaften, welche das! geistige Haus des Menschen erleuchten und ihn zur Weisheit!führen. Die Grammatik lehrt nicht allein lesen und schreii ben, sondern erforscht auch die Werke der Dichter und die Thaten der Väter in den Geschichtsbüchern, die Geometrie! erzeugt auch Schönheit und Ebenmaß im Innern der Seele, die Musik bildet die Gefühle, die Rhetorik schärft den Geist für höhere Einsicht, die Dialektik heilt die Täuschung des Geistes. Erst im späteren Alter tritt die Philosophie ein, damit der vollkommene Verstand die Tugend erzeuge. Auf die gewöhnliche Erziehung hatte diese gelehrte Bildung keinen Einfluß, doch gab es in fast allen Städten im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung Schulen für das Volk neben den gelehrten Schulen der Rabbinen.