Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1883)
- Date
- 1883-09-25
- Page
- Seite 639 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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639 Als ich nahe war, sie zu überschreiten, stieß ich auf eine Grenzwacht, die, da ich ganz ohne Legitimation mar, mich verhaften wollte. Ich gab ihr Alles, was ich an Rubeln noch besaß: sie nahm sie und wollte mich dennoch fortschleppen. Ich machte sie aufmerksam, daß fie von keinem Juden mehr etwas erhalten würde, wenn sie den empfangenen Lohn nicht respektire. Das leuchtete ihr ein und mit Hohngelächter ließ sie mich die Grenze passiren. — Ich kam nach Lemberg. Dort hatten unsre europäischen Brüder ein Büreau eröffnet, um die dazu geeigneten Flüchtlinge nach Amerika zu senden. Ach, Vetter, was habe ich da gelitten! Ich, der im Wohlstände erzogen, und Spenden auszutheilen gewohnt war, mußte mich unter die Bettler reihen und von kärglichen Ellmosen leben. Tausende waren schon vor mir fortgesandt; zu Hunderten drängten wir uns vor der Thüre des Büreaus, viele Tage im Regen und Unwetter. Endlich kam auch ich an die Reihe, und man fügte mich zu den Transportablen. So ging cs auf der Eisenbahn bis Hamburg. War auch die Verpflegung kärglich, so stärkte uns doch das Gefühl der Sicherheit und das Mitgefühl, das man uns überall bezeigte. Ich kam auf ein Schiff und langte in New-2)ork an. Als ich das Schiff verließ, zahlte man mir zehn Dollars aus und sagte mir: Nun helft Euch selbst, mehr können wir nicht für Ench thun; Ihr seid Eurer zu Biele und unsre Mittel sind erschöpft. Acht Tage könnt Ihr in Castle-Garden verweilen. Als ich aber Castle-Garden betrat und die vielen, vielen Unglücklichen und Elenden sah, Männer und Frauen, Kinder und Greife, die hier zufammengchäuft waren, wollte ich ihre Zahl nicht vermehren und schritt hinaus in die Straßen von New-2)ork. — Was nun beginnen? Hatte ich doch nichts gelernt, was ich hier nutzbar machen könnte. Ich kaufte mir für fünf Dollars einige kleine Waarc und ging damit hausiren. Da ich aber der Landessprache nicht mächtig war, ging es schlecht und ich hatte den Preis meiner Waare bald aufgezehrt. Ta stieß ich auf einen Leidensgcnoffen, der sich einen kleinen Laden eröffnet hatte. Ta er nicht schreiben konnte, nahm er mich zu seinem Gehilfen an und ich strengte mich mit allen Kräften an, ihm Dienste zu leisten. Aber nach vier Wochen konnte er seine Gläubiger nicht bezahlen und mußte suchen, ihnen zu entkommen. Darauf ging ich unter die Eisenbahnarbcitcr. Aber da ich schwächlich war und bei der schlechten Nahrung immer schwächer wurde und am Sabbath nicht arbeiten wollte, jagte man mich bald fort. Ich verdingte mich als Heizcrgchilfe auf einem Dampfer, wo ich Tag und Nacht Kohlen zum Kessel zu tragen hatte. Bei der dritten Station setzte man mich wieder an's Land, da ich bei der ungewohnten großen Hitze mehrere Male ohnmächtig geworden. Ich kehrte nach New-Zork zurück; ich machte mich zum Diener der Diener, zum Knechte der Knechte. Doch mein guter Wille langte nicht aus; es mißglückte mir Alles und ich redete mir ein, das wäre die Strafe für das Menschcnblut, das ich vergossen. Ich kam gänzlich herunter und so — trafst du mich." Der Erzähler hatte längst die Röthe aus seinem Gesichte wieder verloren, sein Haupt hatte sich auf die Brust gesenkt und die bleichen Lippen zitterten bei den Worten, die er sprach und die dumpf aus feiner Brust hervorquollen. „Entsetzlich, grausig!" ries Bendit am Schluffe des Berichtes seines Vetters aus. Nach einigem Stillschweigen fragte er diesen: „Und ist dir keine Spur von deiner Mutter und Schwester geworden?" Der Gefragte erhob den Blick zu ihm und erwiderte: „Du kannst dir denken, daß sobald ich einige Cents mir absparen konnte, ich immer wieder nach Borodnow, Slidnow und nach allen Orten, wo ich Verwandte vermuthete, schrieb — keine Antwort erfolgte." — „Und sind deine Briefe zurückgekommen?" — „Die Mühe hat man sich wohl in unsrer lieben Heimath erspart." — „Nun, so soll dies meine erste Sorge sein. Ich schreibe morgen an meinen Agenten in Petersburg, das ist der rechte Mann für eine solche Aufgabe. Er soll keine Mühe und keine Kosten scheuen, um deine Mutter und Schwester aufzufinden, und wenn er sie gefunden, bestens auszustaffiren und hierher zu senden. Sie waren ja auch, wie du bemerktest, nicht ohne Mittel. Gieb die Hoffnung nicht auf, guter Junge; du bist an einem Wendepunkte deines Geschickes angelangt und nun wird Alles gut gehen." — „Ja, du heißt mit Recht Bendit, d. h. in unsrer heiligen Sprache Boruch, der Gesegnete, und wen Gott segnet, der breitet auch Segen um sich her!" — Bendit sann noch einige Zeit nach, dann sagte er: „Gut, jetzt ist Alles fertig. Das Erste, was du zu thun hast, das ist, was ich selbst zuerst gethan: die Sprache gründlich lernen. Wir haben hier einen Lehrer, der vor vielen Jahren aus unsrer Gegend hier eingewandert. Der bringt dich in einigen Monaten so weit. Dann stelle ich dich in meinem Geschäfte an. Tenn, siehst du, ich bin zwar reich, dennoch aber unermüdlich fleißig. Nicht um des Geldes willen, sondern zuerst, weil das Leben ohne Arbeit unerträglich ist, dann, weil meine Frau nicht meinen soll, daß ich von ihrer Gnade leben will, und endlich, weil man seinen Standcsgenossen doch immer zuvor kommen will. Hast du dann die hiesigen Berhältniffe kennen gelernt, so etablire ich dich mit einem mäßigen Kapital, damit du auf eigenen Füßen stehen kannst. Nun noch Eins. Erzähle meiner Frau von deinem Mißgeschick nichts, j Hier zu Lande schätzt man nur den Besitz, den Armen hilft man, aber mißachtet sie. Die Leute meinen es nicht schlimm, aber es ist dies einmal der Zug, der herrschend ist, und dem , man sich nicht entziehen kann. Du sollst für meinen wohlanständigen Verwandten gelten, dem ich auf einige Zeit die schuldige Gastfreundschaft erweise. So komm jetzt, wir wollen , dein Aeußeres umschaffen, dann nehmen wir einen Wagen