Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1883)
- Date
- 1883-09-25
- Page
- Seite 638 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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638 neu aufgehende Sonne des Lebens erscheinst, daß ich dich nur in die Nacht der Schrecken und des Elends versetzen kann." — „Nun, mein Junge," erwiderte Bendit, „laß nur die Strahlen dieser Sonne schon jetzt die finstere Nacht beleuchten. Du kennst ja den Grundsatz unsrer Altvordern: Auch dies ist zum Guten!" — „Ja, theurer Vetter, wenn diese Zuversicht auf Gottes Fügung und Vorsehung nicht in mir gelebt und mich nicht immer wieder emporgerifien hätte, längst wäre ich der Verzweiflung, dem Selbstmorde anheimgefallen. Aber zuletzt dachte ich, Gott hat dich zum Verhungern bestimmt, darein mußt du dich ergeben und ausharren, bis das Ende da ist. Und für diese Zuversicht bin ich nun belohnt, da ich dich und in dir einen Retter und Beschützer gefunden! . . . Doch ich will anfangen. Du weißt, mein Vater war ein wohlhabender Spezereihändler mit guter Kundschaft in Bochodnow. Bis zu meinem 1ö. Lebensjahre besuchte ich die Talmud-Thora; mein Vater hatte den Ehrgeiz, aus mir, seinem einzigen Sohne, einen Rabbiner bilden zu wollen. Aber obschon ich mir, wie sie sagten, recht hübsche Kenntnifie angeeignet, fühlte ich mich doch nicht dazu geneigt und ging lieber meinem Vater zur Hand, was er denn auch schließlich nicht ungern sah. Ich besorgte ihm seine Schreibereien, verkaufte Häringe und Schnaps und wog Thee und Zucker ab. Als ich mich dazu geschickt zeigte, wollte mein Vater mich verheirathen. Aber ich widerstrebte dem mit aller Kraft, denn ich sagte mir: wer noch keine Familie ernähren kann, muß auch keine haben wollen. So vergingen einige Jahre. Da kam die Zeit jener wüsten Unruhen, und bald zeigte es sich, daß unser offenes und von allem Militär weit entferntes Städtchen von der Räuber- und Plündererbande heimgesucht werden würde. Die in die Stadt kommenden Bauern sprachen es offen aus, daß sic am nächsten Sonntag mit einer solchen Bande Hereinbrechen und Alles demoliren würden, was den ungläubigen Juden gehöre. Mein Vater ging zum Ortsvorsteher und bat ihn flehentlich, uns zu schützen. Er legte ihm auch einen Hundertrubelschein aus den Tisch, den der Vorsteher lächelnd einstrich und ihm versprach, das Seinige zu thun. Er that dies freilich nicht, und seine zwei Polizisten ließen sich hernach den vom Pöbel geraubten Schnaps wacker schmecken, ohne sich um uns zu kümmern. Wir schickten meine Mutter und meine kleine Schwester zu ihren Verwandten nach Slidnow und gaben ihr den größten Theil unsres baaren Geldes mit, da wir hofften, daß dieses in den Wäldern versteckte Oertchen den Raubbanden entgehen würde. Wie sie gesagt, geschah cs und am Sonntag strömten die Bauern mit Aexten, Knüppeln und Heugabeln bewaffnet, an ihrer Spitze Strolche und vermummte Gestalten, in die Stadt. Sie johlten und lärmten auf den Straßen, und als es dunkel geworden, brachen sie in die Häuser, Läden und Magazine der Juden ein. Wir hatten alle Zugänge zu unsrem Hause verrammelt. Doch nicht lange, und unsre Thüren und Läden krachten unter den Axthieben und fielen zertrümmert herab. Mein Vater und ich waren auf das Schlimmste gefaßt; aber ich hatte mir vorgenommen, unser Leben theuer zu verkaufen und deshalb ein großes, scharfes Meffer unter meine Weste gesteckt. Wir traten dem hereinstürzenden Haufen ruhig entgegen, gaben ihm freundliche Worte, boten ihm Alles an, was an baarcm Gelde da war, eine Uhr und einen Ring, und stellten es ihm frei, von den Vorräthen zu nehmen, was ihnen beliebte. Aber das war ihnen Alles nicht genug. „Du mußt mehr haben, du mußt mehr geben!" schrieen sie, schlugen auf alle Möbel los, drängten und stießen uns. Plötzlich sah ich einen wilden Menschen seine Axt über dem Haupte meines Vaters schwingen, und im Begriff, auf dasselbe einzuschlagen. Ich riß mein Meffer heraus und stieß es blitzschnell in die Brust des Mörders. Ein fürchterliches Geheul entstand, noch einen Augenblick und ich sah meinen Vater unter den Hieben zusammenbrechen. Da erfaßte mich eine unbeschreibliche Wuth, und ich schlug mit meinem Meffer wie ein Beseffener um mich, stach rechts und links, was ich erreichen konnte. Die feige Menge wich vor mir aus und obgleich von hinten Hiebe auf mich regneten, so wurde die Gaffe doch vor mir frei und ich stürzte auf die Straße hinaus. Wie ich weiter, wie ich aus der Stadt hinaus kam, weiß ich nicht. Ich eilte dem nahen Walde zu, barg mich in ein dichtes Gebüsch und sank erschöpft zu Boden. Welche Gefühle durchwühltcn meine Brust! Das Entsetzen über das Geschehene, der Schmerz über den Tod meines Vaters, die Befriedigung der Rache, da ich an die Wunden dachte, die ich ausgethcilt, und die mich das blutgetränkte Meffer noch fest in der Hand halten ließen, die düstere Zukunft, die meiner wartete . . . Die Nacht war dunkel, ich verfiel in schweren Schlaf. Die Sonne weckte mich: als ich an den Saum des Waldes geschlichen, sah ich noch Flammen aus der Stadt heraufschlagen; ich wußte, daß Alles verloren sei . . . Zurück konnte ich nicht; ich wußte, daß ich der Volkswuth zum Opfer fallen würde, und wenn dies nicht, so würde mich die Hand des Strafrichters soffen und wegen Mordes und Körperverletzung mindestens in die Bergwerke schicken. Geholfen wurde uns nicht, aber für jede Selbsthilfe wurden wir verantwortlich gemacht. Ich wanderte tiefer in die Waldung hinein und suchte nach Slidnow zu kommen. Aber ich erfuhr von einem flüchtigen Glaubensgenoffen, daß auch dieses Städtchen ein Opfer der Räuberbande geworden, daß sich jedoch die dortigen Juden vorher geflüchtet hätten. Ich streifte nun durch das Land, um zu! erfahren, ob und wohin sich meine Mutter und Schwester geflüchtet hätten. Alles Suchen und Fragen war vergebens; ich konnte keine Spur von ihnen ausfinden. Meine Kräfte j drohten mich zu verlassen, ich wandte mich der Grenze - zu.