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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-25 · Heft 39 (25.9.1883) · p. Seite 628

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 39 (25.9.1883)
Date
1883-09-25
Page
Seite 628 (sequence 2)
Language
German
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628 gegen die Obrigkeit, Plünderung, Mord und Brand, darauf spekulircn sie nicht, wie es die Antisemiten thun, und wie namhafte Häupter derselben sich an der Spitze solcher Banden oder doch als ihre vermummten Treiber und Führer bethätigt haben. Davon fühlen sich die Conservativen compromittirt. Sie möchten von den Antisemiten die Beförderung und Hülfeleistung bei Wahlen, die Umstimmung der Volksgesinnung und andere solche Vortheilchen entgegennehmen; auch stimmen sie mit ihnen darin überein, vor Allem den Juden wieder die bürgerlichen Rechte zu entziehen — alles dies soll auf dem Wege der Rede und Schrift, nicht durch Gewallthaten erreicht werden, und wo letztere eintreten, ziehen sich mißbilligend die Conservativen zurück. Wer ist aber nun in dem Bündniß zwischen Antisemiten und .Conservativen der düpirte Theil gewesen? Die ersteren gewiß nicht; diese haben ihre Zwecke und die Wege, auf denen sie sie erreichen wollen, klar und unzweideutig ausgesprochen. Die letzteren aber gedachten sich der Antisemiten als Werkzeuge zu bedienen — und sehen sich nun durch deren Handlungsweise vor den Augen aller Welt compromittirt. Nicht wenig durch diese Vorgänge ist der gesunde Theil des Volkes ab' und zurückgeschreckt worden, und während die Conservativen noch „von dem conservativen Hauche, der durch das Volk gehe", träumten, ist derselbe wieder verflogen. In Folge dessen ziehen sich die Conservativen von den Antisemiten zurück. Wir haben unter Anderem das „Conservative Vereinsblatt, Organ des conservativen Landesvereins im Königreich Sachsen", Nr. 11 vom 16. August vor uns, in welchem das Programm des Vereins aufgestellt wird. Da heißt es Nr. 3: „Wir wollen ein volles, gesetzlich gesichertes Maß bürgerlicher Freiheit für Alle und eine wirksame Betheiligung der Nation an der Gesetzgebung." Wir finden in dem ganzen Programm keine Einschränkung dieses Grundsatzes. Meinen es die Männer dieses Programms aufrichtig, so trennt sie eine weite Kluft von den Antisemiten. Diese wollen eben „ein volles, gesetzlich gesichertes Maß bürgerlicher Freiheit für Alle" nicht, sie wollen eine Confession, ein bestimmtes Bolkselement dieses Maßes bürgerlicher Freiheit berauben. Welche Klassen später Nachkommen sollen, etwa alle die, welche der orthodoxen Kirche nicht anhangen, lassen sie noch im Dunkel. Das Wort „für Alle" können sie nicht unterschreiben, sondern sie bestreben sich, es auszumerzen, es in der deutschen Reichs- und in der preußischen Verfassung zu streichen. In einem weitern Aufsatze derselben Nummer heißt es: „Mit einem internationalen, spezifischen Antisemitismus haben wir Conservative nichts zu thun." Der Dresdner und der Chemnitzer Anlisemiten-Congreß war international; cs waren Vertreter außerdeutscher Länder oder doch Nichtdeutsche, die sich als solche Vertreter gerieten, zugegen. Die Conservativen wollen also don diesem internationalen Antisemitismus nichts wissen. Aber doch wohl von einem deutschen? auch dies verneinen sie'; darum wird hinzugefügt: sie haben auch mit einem „spezifischen Antisemitismus" nichts zu thun, d. h. mit einem solchen, der sich nur als Antisemitismus und nichts weiter bekundet. Dies wäre nun recht erfreulich, wenn nicht die Herren Conservativen dem Antisemitismus in verschämter Weise und dem obigen Satze aus ihrem Programm entgegen doch wieder die Hand böten. Kurz vorher heißt es: „Die deutsche Judenfrage, die für uns eine sociale ist." Das heißt doch nichts Anderes, als zur Hauptthüre lassen wir den .Antisemitismus nicht herein, denn das würde uns compromittiren, aber zur Hinterthüre recht gern, und ist er einmal drinnen, kann er sich breit machen wie er will. Dies bethätigt denn auch das angezogene „Bereinsblatt" hinlänglich, indem es viel von der „Beschimpfung des Christenthums durch die Juden", viel von den „durch die Juden bezahlten Blättern" faselt, wofür es nicht ein einziges Beispiel anzuführen vermag und sich nur auf eine Stelle des „Reichsboten", also doch wieder eines durch und durch antisemitischen Blättchens, stützt, eine Stelle, die nichts als grobe Unwahrheiten enthält. Unter diesen Umständen werden wir uns nicht düpiren lassen und den Conservativen nicht glauben, wenn sie versichern, sie seien nicht antisemitisch. Wir meinen nämlich, daß sie viel mehr antisemitisch sind, als die Antisemiten conservativ. Wollen übrigens diese Herren sich auch fernerhin noch vom Antisemitismus düpiren lassen, so können wir es nicht hindern, und die Folgen werden ihnen einst deutlich werden. Der Lelizionsuulerrichl und die Kiemen Gemeinden. Wir haben in vor. Nr. einige Zahlen über die verhältnißmäßig sehr große Frequenz der höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend zu Berlin mitgetheilt, und wissen unsere Leser, daß ein gleiches Berhältniß auf allen höheren Lehranstalten der Monarchie und annähernd in den übrigen deutschen Staaten, in Oesterreich und theilweise selbst in Rußland stattfindet. Es geht daraus die Nothwendigkeit hervor, daß der jüdische Religionsunterricht in alle diese Lehranstalten schulplanmäßig eingeführt werde, was in Preußen noch immer erst theilweise der Fall ist. Nicht minder aber verdient unsere Aufmerksamkeit der Religionsunterricht in den kleineren Gemeinden, in welchen er größtentheils im Argen liegt, d. h. gar nicht vorhanden ist. Wir erhalten hierüber folgende Zuschrift aus dem Publikum. Neumarkt i. Schl., 9. Sept. 1883. Was den Leitartikel in Nr. 29 der „A. Z. des I." betrifft, so hat mich derselbe hauptsächlich darum so sehr

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