Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1883)
- Date
- 1883-09-18
- Page
- Seite 621 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Bonn, 9. Septbr. (Notizen.) Man schreibt uns! aus Hamburg, 5. Juli. Am 15. August beging der Pre-! diger am hiesigen israelitischen Tempel, Herr vr. Jonas,! das Jubiläum seiner 25jährigen hiesigen Amtsthätigkeit. Die bei einer solchen Feier üblichen Ansprachen, Zuschriften und! Telegramme fehlten auch hier nicht; auch ein Ehrengeschenk der Gemeinde und freundliche Spenden Einzelner erfreuten den Jubilar. Eins nur möchten wir besonders hervorheben, weil es uns für die Zeit und für den hiesigen Platz charakteristisch scheint. Unter den Deputationen befand sich auch eine des Central - Vorstandes und eine andere der vierten Section des wohlthätigen Schulvereins, der in Folge der Anregung des Jubilars vor etwa acht Jahren ins Leben trat und sich die Unterstützung der die Volksschulen besuchenden armen Kinder zur Aufgabe stellt. Es sind dies mit verschwindenden Ausnahmen christliche Kinder, da die unbemittelten jüdischen Eltern ihre Kinder hier in die jüdischen Gemeinde- oder Stiftungsschulen schicken. Der Sprecher der erstgenannten Deputation war der evangelische Pastor Rode, der der zweiten der Hauptlehrer Lackemann; jener begrüßte den Jubilar als den Gründer des Vereins und als Mitglied des Central-Vorstandes, dieser richtete seine Ansprache an denselben als den Vorsitzenden der vierten Section. Beide ermangelten nicht darauf hinzuweisen, daß in unseren Tagen das Zusammenwirken der Angehörigen der verschiedenen Konfessionen auf dem Gebiete menschenfreundlicher Bestrebungen von besonderer Bedeutung sei. Am Sabbath Nachmu fand im Tempel die gottesdienstliche Feier des Jubiläums statt, bei welcher der Jubilar die Predigt hielt über das Thema: „Was predige ich?" mit Zugrundelegung des Textes aus dem Prophetenabschnitte des Sabbaths Jes. 40, 6—8. Dieselbe machte auf die dichtgedrängte Zuhörerschaft einen tiefen Eindruck und ist auf vielseitiges Verlangen im Druck erschienen. — Zu St. Germain-en-Laye ist, 81 Jahre alt. Leon Hal«vy, der Bruder desComponisten der „Jüdin", gestorben. Geboren 18' >2 zu Paris, studirte er Jura, fungirte von 1837 bis 1853 im Cultusministerium und wandte sich dann ausschließlich der Literatur zu. Bon seinen geschichtlichen und literargeschichtlichen Werken nennen wir das wiederholt aufgelegte „La Grece tragique1*, ein Werk, das ihm einen Preis seitens der Akademie eintrug, sodann seine „Poesies europeennes“, Uebersetzungen aus den ersten Dichtern des Auslandes, und seine Bearbeitungen ausländischer Dramen (Goethe's Clavigo unter dem Titel: Beaumarchais ä Madrid, Macbeth, Martin Luther nach Zacharias Werner, Elektra nach Sophokles) für die französische Bühne, während er mit seinen Originaldramen „Das Reh", „Der Spion", „Der Zweikampf" nachhaltige Erfolge zu erringen nicht im Stande war. Eine Biographie seines Bruders hat in französischen Musikerkreisen große Verbreitung erlangt. — Unter den Opfern von Jschia befand sich auch der taubstumme Maler Ginsberg, ein Jude. Seine irdischen Ueberreste trafen am Dienstag in einem einfach verschlossenen Zinksarge hier ein. Der Transport der Leiche währte so lange, weil das Schiff, das den Leichnam trug, Quarantaine halten mußte. Gestern wurde die Leiche in aller Stille in dem Erbbegräbniß der Familie des Entschlafenen auf dem jüdischen Begräbnißplatze zu Weißensee beigesetzt. Vertreter der Akademie der Künste und sonstige Berussgenossen gaben dem Verunglückten das letzte Geleite. — Den Notizen, die wir in vor. Nr. dem eben dahingeschiedenen verdienstvollen Solomon Pleßner gewidmet, fügen wir folgenden biographischen Nachruf der „Pos. Ztg." hinzu. S. Pleßner, im Jahre 1797 zu Breslau geboren, hatte sich bereits im 17. Lebensjahre außergewöhnliche Kenntnisse sowohl in jüdischtheologischer als auch in profaner Wissenschaft angeeignet, so daß er schon damals literarisch aufzutreten begann. Hierauf wirkte er zunächst 10 Jahre, von 1823—1833 in Festenberg und weitere 10 Jahre bis 1843 in Berlin als Prediger und Religionslehrer. Seine literarische Wirksamkeit aus dem Gebiete der Theologie, Bibelexegcse und hebräischen Poesie, sowie seine geistvollen Predigten verschafften ihm bald einen weitverbreiteten Ruf. Als jüdischer Kanzelredncr war er gewissermaßen bahnbrechend, denn er mar unseres Wissens der erste Prediger, der, auf dem Boden des streng konservativen Judenthums stehend, religiöse Vorträge in rein deutscher Sprache hielt, während dies bis dahin ausschließlich Monopol der der neologen Richtung angehörenden Prediger war. Die in den vierziger Jahren in aller Schärfe auftretenden religiösen Differenzen veranlagten ihn, seine Stellung in Berlin aufzugeben und aus den Wunsch vieler Freunde hierher zu übersiedeln, so daß er demnach volle 40 Jahre der hiesigen Gemeinde angehört hat. Hier entfaltete er seine ungewöhnliche Rednergabe in zahlreichen Borträgen, die er zumeist in der sogenannten neuen Betschule, ferner auch bei religiösen Feierlichkeiten in Vereinen und Privatkreisen hielt. Nicht nur sein umfangreiches Wissen, sondern auch sein freundliches Wesen, sowie ungcheuchelte, von Ostentation freie Religiosität waren es, die ihm bei Jung und Alt, bei den Anhängern der verschiedensten religiösen Richtungen die aufrichtigste Verehrung verschafften, so daß, obwohl er seit einigen Jahren bei eintreteudcr Altersschwäche seine öffentliche Wirksamkeit einstellen mußte, sein Hinscheiden eine Lücke in der hiesigen Gemeinde erzeugen wird. — In Bolsweiler (Elsaß) verschied der ehrwürdige Rabbiner Hirtz Lazard im 79. Lebensjahre nach 53jährigcr treuer und eifriger Amtirung. An seinem Grabe sprachen der Großrabbiner von Colmar, der Rabbiner von Mülhausen und der Rabbiner-Adjunct Weill aus Paris. — Man schreibt uns aus Christburg (Westpr.) verspätet: Am 1. Mai d I. rs*