Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1883)
- Date
- 1883-09-18
- Page
- Seite 618 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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standen die vier Särge nebeneinander; am Kopfende waren > hohe schwarze Tafeln errichtet, an denen man die Namen! „Johanna und Isidor Horwitz", „Jda und Helene Horwitz"! las. Auf den Sarg von Isidor Horwitz hatte der englische Conversations-Club, dem der Verstorbene angehört, einen großen Lorbeerkranz mit Atlasschleife und Inschrift nieder-, gelegt; an einem andern Kranze, welcher der verstorbenen; Jda Horwitz gewidmet war, las man die Worte: „Seiner werthen Collegin das Personal der Firma Julius Michaelis". In letztgenanntem Hause war die Verstorbene angestellt gewesen. Eine nach vielen Hunderten zählende Trauerversammlung aus allen Confessionen füllte den Friedhof. Rabbiner Dr. Nngerleider, der die Gedächtnißrede hielt, schilderte das glückliche Familienleben der Verstorbenen, die Treue und Liebe der Gatten zu einander, die selbst im Tode Eins geblieben, das Loos der zurückgebliebenen drei kleinen Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren, die auf so fürchterliche Art plötzlich vater- und mutterlos geworden sind. Mit tiefer Bewegung gedachte er ferner der in so blühendem Alter fortgerafften Jda Horwitz, die die Stütze ihrer alten Mutter gewesen und die sich durch ihren vortrefflichen Charakter die Liebe und Achtung ihrer Mitmenschen in hohem Grade zu erringen wußte. Hieran knüpfte der Redner die eindringliche Mahnung an die Trauerversammlung, den Frieden unter den Lebenden zu erhalten. — Das jüngste, elternlos gewordene Kind der Familie Horwitz ist, wie wir hören, von einer Frau Schlesier adoptirt worden. — Wie wir an andrer Stelle mittheilen, befand sich unter den auf der Insel Jschia Verunglückten auch der taubstumme Maler Ginsberg, Jude. Wie wir glauben, war er ein Sohn des Dr. Ginsberg, früheren Directors in Seesen. Dem „Börsen-Cour." zufolge haben die beiden Geschwister des Malers Ginsberg, dessen Hinterlassenschaft sich auf 800,000 Mk. beläuft, den Betrag von 100,000 Mark zu einer Stiftung für nothleidcnde Künstler bestimmt. Bon den Zinsen dieser 100,000 Mk. sollen Künstler in Berlin. München und Wien, an welchen Orten der Verstorbene gelebt hat, unterstützt werden. — Bekanntlich beabsichtigt Stöcker, anläßlich des Lutherfestes in Wittenberg Reden zu halten. In einem „ Offenen Briefe" des dortigen Kreisblattes versuchte nun ein Anonymus die Sache so darzustellcn, als ob Magistrat und Stadtverordnete von Wittenberg den Herrn Hofpredigcr eingeladen hätten. Darauf hin sind nunmehr in öffentlicher Sitzung die Stadtväter der Sache näher getreten. Sie haben einstimmig den Beschluß gefaßt, „die in dem „Offenen Brief" an den Hofprediger Stöcker im „Wittenberger Kreisblatt" enthaltene Insinuation gegen die Stadtverordneten, als hätten dieselben den Herrn Hofprediger cingeladen und als ob sie sich auf sein Erscheinen freuten, als unwahr zurückzuweisen." (Es ist dies nicht das erste Dementi, das Stöcker erfährt k) — Nach dem von Professor Bökh herausgegebenen statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin besuchen die städtischen Gymnasien evangelische Schüler 5036, katholische 213,° jüdische 1643; die städtischen Realschulen evangelische 5411, katholische 145, jüdische 598; höhere städtische Töchterschulen evangelische Schülerinnen 3165, katholische 67, jüdische 1269. Hierzu bemerken wir: Nach der letzten Volkszählung hatte Berlin 1,122,504 Einwohner, worunter 53,949 Juden, 80,818 Katholiken, 982,780 Evangelische und 3961 andere Christen. Hiernach stellen sich die Verhältnisse so: Einwohner Berlins Gymnasialschulen Realschulen Töchterschulen Juden 4.8 24 10 28,5 ®/o Evangelische 87,5 73 88 70 „ Katholiken 7,2 3 2 1,5 „ And. Christen 0,3 — — — Wir dürfen hierbei auf die hohe Zahl der jüdischen Zöglinge der höheren Töchterschulen aufmerksam machen. Für diese kann nicht der Ehrgeiz, sondern vielmehr der Bildungstrieb geltend sein. Die höhere Bildung erschwert sogar den Mädchen, wenn sie ohne Vermögen, die Verheirathung. Posen, im Sept. (Privatmittth.) Die hiesige „Israelitische Waisen Knaben-Anstalt", die sehr wacker verwaltet wird und mit ihren Zöglingen die besten Erfolge erzielt, hat vor einiger Zeit ihren 45. Bericht (Jahr l882) veröffentlicht. Die Anstalt hatte 23 Waisen in der Erziehung, von welchen 11 aus unsrer Stadt, 7 aus der Provinz und 5 Pensionäre waren. Die Einnahmen beliefen sich auf 15,718 Mk., von denen 3,430 dem Fond zugeführt werden konnten; so daß auf den Kopf des Zöglings 534 Mk. verausgabt wurde, was bei der guten Verpflegung nicht zu hoch erscheint. Dennoch hatte der Vorstand Veranlassung folgende Worte seinem Berichte voranzuschicken: „Die Verhältnisse unserer Anstalt haben im abgelaufenen Verwaltungsjahr eine erhebliche Veränderung nicht erfahren. Der öfters auftauchende Plan ihrer Erweiterung ist über das Stadium guter Wünsche immer noch nicht hinausgekommen. Die uns zur Verfügung stehenden Mittel, wie sie sich aus den Jahresbeiträgen und den Erträgnissen aus dem vorhandenen Besitzstand zusammensetzen, genügen allenfalls für die Erhaltung der Anstalt in dem gegenwärtigen, sehr bescheidenen Maßstabe, erweisen sich aber für jede, noch so wünschenswcrthe Ausdehnung als unzulänglich. Gerade die Provinz, aus der Jahr für Jahr immer zahlreichere und dringendere Gesuche an uns gelangen, betheiligt sich an der Sustentation der Anstalt, deren Wohlthaten sie reichlick mitgenießt, nur in mangelhafter Weise. Trotzdem halten wir an der Hoffnung fest, daß wir durch die Mitwirkung hochherziger Menschenfreunde im Laufe der Zeit in den Stand