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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-18 · Heft 38 (18.9.1883) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 38 (18.9.1883)
Date
1883-09-18
Page
Seite 617 (sequence 7)
Language
German
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617 In Csatar sind m der Nacht vom Samstag mehrere Juden- Häuser abgebrannt, in Gr.-Kanizsa gab cs vorgestern bei Tagesanbruch Feuer in einem Hause, wo ein Jude ein Magazin besitzt. Ernste Unruhen brachen in Szigetvar aus. Die Tumultuanten, von denen einer getvdtet und vier schwer verwundet wurden, richteten eine gräuliche Verwüstung an. Mehrere Escadrons Husaren, mit scharfen Patronen versehen, sind freilich zu spät mittelst Separatzuges dorthin geschickt. In dem nahen Köttsc versuchte der aufgestachelte Pöbel die Judenhäuser zu stürmen. In Szent Peter, von wo Militär nach Zala - Apati anläßlich der dortigen Kirchweihe gezogen wurde, gab es in der verflossenen Nacht Excesse gegen die Juden. Sofort wurde Militär dorthin beordert. Auf Requisition des Stuhlrichters ist heute von Also Lendva Militär nach Lenti dirigirt worden, wo gestern Unruhen vorkamen, zu deren Unterdrückung die Srtspolizei ungenügend war. In Czegled herrscht große Aufregung unter dem gegen die Juden aufgehetzten Volke, so daß man einem Ausbruche der Krawalle mit Schrecken entgegensieht. In Hinblick auf das Umsichgreifen der antisemitischen Hetzereien wird nach Beßprim, Fünfkirchen und Stcinamanger Militär dirigirt. Nyiregyhaza, wo seit dem Urtheil im Tißa-Eßlarer Prozesse kaum eine Nacht vergeht, in welcher man nicht die Fenster einiger Juden eingeworfen hätte und wo ernstere Unruhen befürchtet werden, soll militärisch besetzt werden. Ueberall werden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen, die Gefängnisse sind überfüllt. In Kroatien wird auf die antisemitischen Agitatoren, welche sich aus Ungarn in großer Anzahl im Lande Herumtreiben, von den Behörden stark gefahndet. In Folge der wiederkehrenden Tumulte in den verschiedensten Gegenden des Landes ist die Stimmung eine sehrgedrückte , die Situation eine steigend unbehagliche und besorgnißerregende: man kennt die im Hintergründe dieser Ausschreitungen stehenden Anstifter, man zeigt auf diese „Herren" mit Fingern und läßt sie straflos ausgehen. Handel und Verkehr stocken vollständig, der Credit schwindet immer mehr. Tie hervorragendsten Fabrik-?- und Handelsfirmen in Brünn und Wien haben beschlossen, den ungarischen Kaufleuten den Credit zu entziehen oder ihn möglichst einzuschrünken: böhmische Fabrikanten wollen keine Verbindungen mit Ungarn mehr eingehen. Alle Klassen der Bevölkerung leiden durch die Ausschreitungen, alle — ohne Ausnahme, am meisten freilich die Juden, deren Leben und Eigenthum in Gefahr schwebt. ‘SeÜVt fj zlc I] Kow. Deutschland. Berlin, 6. Sept. (Privatmitth.) Die bevorstehende Neuwahl der Stadtverordnetenversammlung ruft fortwährend Wählerversammlungen hervor, in denen die Antisemiten oder „Christlich-Socialen" Niederlagen erleiden. So auch in einer sehr stürmischen Versammlung am 3*>. August. Es fanden sehr lebhafte Discussionen zwischen Fortschrittlern und Socialdemokraten statt. Auch Christlich-Sociale waren anwesend. Der Abg. Träger sagte unter Anderm: „Von jener andern Partei aber, die die ganze Aufregung hervorgebracht, müsse sich jeder freisinnige Mann fern halten. Schon die erste Bezeichnung dieser Leute, die sich Christlich Social nennen, ist eine Lüge; das sind keine Christen, die den Religionshaß predigen, die es so weit gebracht haben, daß man in Ungarn Berlin für die dortigen Greucltbatcn verantwortlich macht. (Stürmischer, allseitiger Beifall.) Bekämpfen wir gemeinsam diesen Feind; und wenn wir freisinnigen Parteien uns nicht einigen können, dann mögen auch wir uns gegenseitig bekämpfen; verlieren wir aber nicht die Achtung vor uns selber, das würde der Anfang vom Ende, würde der Triumph für unfern gemeinsamen Feind sein." (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) — Es gelangte folgende, von liberaler Seite eingebrachte Resolution mit großer Majorität zur Annahme: „Tie im Concerthause Sanssouci tagende Versammlung communaler Wähler erklärt, daß sie bei den bevorstebenden Stadtoerordnetenwahlcn jeden Candidaten unterstützen wird, welcher der entschieden freisinnigen Richtung angehört und die nöthigc Bürgschaft dafür gewährt, das allgemeine Wohl der Stadt zu fördern; dagegen erklärt die Versammlung auspatriotischen Gründen und im Interesse der weiteren sittlichen und materiellen Entwicklung der Commune Berlin die Wahl jedes Candidaten mit aller Kraft zu bekämpfen, welcher der sogenannten Berliner konservativ-antisemitischen Richtung angchört." — Auch die Socialdemokraten stimmten für diese Resolution. — Unter den Spfern, welche das große Eisenbahnunglück auf dem Steglitzer Bahnhof kostete, war auch eine jüdische Familie, Horwitz. lieber das Begräbniß derselben wird folgendermaßen berichtet: Donnerstag Vormittag erfolgte die Beisetzung der vier bei der Steglitzer Katastrophe verunglückten Mitglieder der Familie Horwitz auf dem neuen jüdischen Friedhof in Wcißensee. Unweit der offenen gemeinj samcn Grabstätte war ein weiter Halbkreis von hohen exoi tischen Gewächsen und blühenden Pflanzen gebildet. Hier

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