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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-11 · Heft 37 (11.9.1883) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 37 (11.9.1883)
Date
1883-09-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein lmpartciischcs Organ für alles jüdische Interesse. I Diese Leitung erscheint wöchentlich.! Preis vierteljährig S Mark. Abonne- > ment in Deutschland (Postzeitungsliste | Pr. SS) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buch- [ Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeörLion: Leipzig, Htoßpccrh 18. In redactionellcn Angelegenlieiren wende man sich an Dr. L. PhiUppson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlui'g. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleiäisalls an letztere einzusenden. 47. Jahrgang Leipzig, den 11. September 1883. M,. 37. Inhalt. Leitende Artikel: Der Umschwung. — Die Eidesabnahme. II. — Die Excesse in Ungarn. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Braunsberg, Straßburg. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Bonn: Notizen. — London: Literarische Notizen. — Feuilleton: Correspondenz: Die erste Entlassungsfeier des amerikanischen Rabbiner-Seminares. — Historische Notizen. icticiu1« flifidcf. Bonn, 5. September. Der Umschwung. Schon als die Antisemiten ihre Wühlereien mit einigem Erfolge begannen, gab es einige Einsichtsvolle — in der Zeit einer heftigen Bewegung ist deren Anzahl immer gering — welche alsbald erkannten, daß die Tragweite dieser Agitation eine ganz andere und viel verderblichere sein werde, als im Allgemeinen geglaubt wurde. Fragte man die Antisemiten nach ihren Zwecken und Zielen, sowie nach dem Wege, auf welchem sie jene zu erreichen gedächten, so erhielt man nur eine sehr verworrene und selbst in ihrem Sinne unpraktische Antwort. Um so klarer war es, daß sie lediglich auf die niedrigen Leidenschaften der Masse, auf eine Erhitzung der Gemüther, auf Tumult, Gewaltthat, Anarchie losgingen. Dies leuchtete denen, die sehen wollten, um so mehr ein, wenn sie sich die Männer betrachteten, welche die Führerrolle übernahmen, und die Mittel, die sie in Anwendung brachten: Stöcker, Förster, Henrici, von Liebermann, Marr und Genossen und ihre Wühlereien in Massenversammlungen. Sie spielten die Rolle der Demagogen und der Schauplatz ihrer Thaten waren Kneipen und öffentliche Bersammlungssäle. Dies Alles schien nur gegen die Juden gerichtet zu sein, und da gab es Zahllose, die längst an der berechtigten und gesetzlich gesicherten Existenz der Juden ein Aergerniß gefunden, oder von Neid und Mißgunst gegen sie geplagt waren, die überhaupt nicht begriffen, daß ein Jude auf ein Stück Brod Anspruch machen dürfe, das ein Nichtjude haben könnte. Als nun die Tumulte in Pommern und Preußen, die Blut- und Raubscenen in Rußland, die Erneuten in Preßburg und anderen ungarischen Orten ausgebrocheu, konnte man meinen, daß den Verblendeten über die eigentlichen Ziele des Antisemitismus die Augen aufgingen. Aber bei aller Entrüstung und dem Mitgefühl, die man empfand, wollte die Einsicht nicht kommen. Waren doch jene Greuelthaten — nur gegen die Juden gerichtet. Ten Beweis lieferten viele Zeitungen, namentlich in Deutschland, die alles Mögliche und Unmögliche aussuchtcn und die verleumderischesten Uebertreibungen nicht scheusten, um zu beweisen, daß die Juden selbst daran scbuld wären und den Haß des Volkes auf sich gezogen hätten. Hier ist es nun, wo die neuesten Ereignisse denn doch einiges Licht schassen. Man weiß jetzt, wie in Rostow am Don und in Jekaternioslaw, wie ferner in Pest die plündernde Masse sich ebenso auf christliche Läden und Besitzthümer, wie auf jüdische warfen, daß unter den bloß sklandalsüchtigen Elementen sich die verbrecherischesten, auf Plünderung und Vernichtung des Eigenthums ansgehen den Banden des Tumultes bemeistern und ihren ttricg gegen die Besitzenden führen. So fängt man an zu begreifen, daß die Tragweite der antisemitischen Hetzereien eine zwiefach gefährliche ist. Sie gewöhnen einerseits die unteren Massen an Verhöhnung der Gesetze, Widerstand gegen die Obrigkeit, an Emeuten und Excesse aller Art; sie führen andererseits zur Anarchie, zur socialistischen Revolution, da die Raub- und Plünderungssucht sich alsbald gegen alle Besitzenden richtet, alles Besitzthum gefährdet und die Auflösung aller gesellschaftlichen Ordnung hervorruft. Alles dies ist so natürlich 37

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