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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-12 · Heft 24 (12.6.1883) · p. Seite 389

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 24 (12.6.1883)
Date
1883-06-12
Page
Seite 389 (sequence 7)
Language
German
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389 rede meinte er, wenn Abg. Richter die Juden angreifen und das Alte Testament vertheidigen wollte, so würde er sich um das Volk verdient machen. „Die großen Verwüstungen, welche der Antisemitismus in unserem Volke im Erwerbs¬ und literarischen Leben hervorgerusen hat, haben uns zu einer Reaktion gedrängt. (Sehr richtig! rechts - wir meinen, daß dies eine der unerwiesenen und obschon widerlegt immer wiederholten Phrasen Stöckers ist!) Ich weise den Vorwurf, daß die Bewegung gegen das Judenthum, wie ich sie treibe, eine Schmach sei, absolut von mir ab (Lachen links). Wir halten es für eine Ehre (erneutes Gelächter links), daß endlich unser Volk beginnt, sich aus diesen Ketten frei zu machen. Die „Gartenlaube" hatte 90° 0 ihrer Gründer unter den Juden (der Präsident bittet den Redner bei der Sache zu bleiben)." Er citirt eine Stelle aus der von einem Juden verfaßten Schrift Ben Sareh Militans und äußert die Ansicht, „daß in der semitischen Literatur eine Quelle des Verderbens für unser Volk liege." Richter erwidert hierauf, daß er keine Veranlassung fühle, den allgemeinen Bemerkungen Stöckers bei dieser Gelegenheit etwas zu antworten. Er weist nach, wie Stöcker das, was er (Richter) gesagt, gerade ins Gegentheil umgekehrt hätte. „Wir kennen ihn ja in dieser Beziehung zur Genüge (sehr wahr! links; Unruhe rechts), aber es ist zweckmäßig, wenn man ihn aufs Neue ertappt, das vor der Oeffentlichkeit klar zu stellen." Baumbach-bemerkt: „Herr Stöcker hat getadelt, daß ich den! Antisemitismus eine Schmach genannt hätte. Dieser Ausdruck rührt bekanntlich nicht von mir her (hört, hört! linkst wenn ich auch völlig diese Ansicht theile; ich habe immer auf dem Standpunkt Lessings gestanden: es hat mich immer! mehr verdrossen, wenn Christen oft so ganz vergessen wollten, daß unser Herrgott selbst ein Jude war." (Lebhafter Beifall linkI). Hiermit war die Sache abgethan, der wir über Haupt keine weitere Bedeutung beilegen, als daß sich auch dies Mal die Conservativen der Verantwortlichkeit für Stöcker mitunterzogen. Lächerlich ist die Behauptung Stöckers, daß ihn und seine Partei der Semitismus zur Reaktion gedrängt habe, während er doch in seiner ganzen Natur reaktionär ist und in einem Lande, wo eö gar keine Juden giebt, z. B. in Spanien, gewiß zu den kirchlichsten Reaktionären gehört hätte. — Hefter die Berliner Gymnasial- und Realschul Abiturienten im Jahre 1882 sind statistische "Notizen veröffentlicht worden, welche zu einigen Betrachtungen veranlagen können. Dem religiösen Bekenntniß nach waren von den Gymnasiasten 172 evangelisch, 58 jüdisch, 9 katholisch und 1 altkatb. Unter den 58 jüdischen Abiturienten sind 27 Mediciner, 2 Juristen, 8 Mathematiker und Naturwissenschaftler. 10 Philologen und Historiker, 2 Kauffach und 1 «tudirender des Baufachs. Die 75 Realabiturienten sind bis aus 9 evangelisch, von -diesen .sind 6 jüdisch (2 moderne Philologen, 1 Studirender des Baufachs, 1 Kaufmann und 2 Mathematiker und Naturwissenschaftler) und 3 Katholisch. — Aus diesen Zahlen geht das große Berhältniß hervor, welches die jüdische Jugend unter den Berliner Abiturienten einnimmt, zugleich aber auch, wie sehr unter ihr die Hoffnung auf eine günstige juristische Laufbahn gesunken ist, während sich fast die Hälfte dem medicinischen Berufe wieder zuwendet, in dessen Ausübung sic von etwaigen in der Verwaltung vorherrschenden Tendenzen unabhängig sind. Darin drückt sich aber auch die Entschiedenheit aus, mit der sie ihrer väterlichen Religion treu zu bleiben gedenken. Berlin, 1. Juni. ^Privatmitth.) Gestatten Sie mir, hinsichtlich der so überaus sympathischen Correspondenz in "Nr. 22 d. Ztg. auf noch einige Punkte der Spendenliste für die Friedrich-Wilhelm-Victoria- Stiftung aufmerksam zu machen, welche, falls sie unerwähnt bleiben, leicht in den betr. Gemeinden Verstimmung erregen dürften. Es sind dies: 1. Die außerordentlich rühmenswerthe Spende der winzigen Gemeinde Nienburg a. d. W., woselbst der Vorstand allein 500 Mk. gegeben hat, während weitere 100 Mk. von Einzelspendern aufgebracht worden sind. 2. Das ebenso praktische, wie erfolgreiche Verfahren der Gemeinde Halberstadt, wo ein eigenes Sammelcomite die! Summe von 600 Mk. erzielte. 3. Erfreulich ist es zu sehen, in welcher Weise sich theilweise durch Spenden der Synagogen - Vorstände, theilweise durch breite Sammlungen die Gemeinden der Provinz Posen an dem edlen Werke betheiligt haben. Fast 1000 Mk. hat die eine Provinz gespendet, ohne daß übermäßig hohe Einzelbeiträge zu verzeichnen wären; und gerade diese Allgemeinheit der Betheiligung ist es, was gerühmt werden muß. Neustettin, 22. Mai. Wegen des Synagogenbrandes, der großes Aufsehen erregte, weil er gerade in die Zeit der antisemitischen Hetzereien siel, ist gegen fünf jüdische Einwohner die Anklage auf Brandstiftung erhoben worden. Ob die Sache schon vor dem nächsten Schwurgericht zur Verhandlung kommen wird, ist zweifelhaft, da, wie die Kösl. Ztg. meldet, die Angeklagten, denen eine fünftägige Frist zugestanden war, um sich darüber zu erklären, ob sie die Einleitung des Vorverfahrens beantragen wollen, sich sämmtlich für das Vorverfahren erklärt haben. O esterreich-Ungarn. Wien, 25. Mai. Am gestrigen Vormittag fand im Saale der Handels-Akademie die zehnte ordentliche General- Versammlung der „Wiener Israelitischen Allianz" statt. Dem vom Präsidenten dieses Vereins, Herrn Joseph Ritter v. Wertheimer, vorgetragenen Rechenschaftsberichte über die Thäügkeit des Vereins im Jahre 1882 entnehmen wir die folgenden wesentlichen Momente: Die Hauptthätigkeit des Vereins

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