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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-08 · Heft 19 (8.5.1883) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 19 (8.5.1883)
Date
1883-05-08
Page
Seite 311 (sequence 13)
Language
German
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311 begängniffe wohnten die Minister, das diplomatische Corps und fast die ganze Finanz- und Geschäftswelt Kairos bei. Der Nachlaß des Verstorbenen soll 100 Millionen Francs betragen. Catlavi Bey lebte streng nach dem jüdischen Glauben, dem er angehörte. In Kairo besaß er eine stattliche Anzahl von Häusern, nebst einem schönen Palais, das er seiner Zeit — Catlavi war österreichischer Schutzbefohlener — dem Kronprinzen Rudolf, als dieser Egypten besuchte, zur Verfügung gestellt hatte. Der Verstorbene war auch als Wohlthäter der Armen bekannt. Kaiser Franz Josef hatte ihn während seiner Anwesenheit in Egypten mit einem hohen Orden bedacht. — Aus Halberstadt wird uns geschrieben: Dem vor wenigen Wochen entschlafenen Oberlehrer Gerson Basch folgte am 13. d. M. im Alter von 74 Jahren Gerson Josaphat, der hier 47 Jahre als Rabbinats-Affeffor und Klausrabbiner gelebt hat. — Aus Leipzig berichtet man, daß am 26. d. M. Banquier Samuel Alexander Byck gestorben ist. Unsre Leser kennen ihn als einen bedeutenden philosophischen Schriftsteller, den Verfasser der „vorsokratischen Philosophie der Griechen" (s. Jahrg. 1878, S. II. 242.), der „Physiologie des Schönen" (das. S. 785), endlich der Rechtsphilosophie" (Jahrg. 1880, S. 661.). Namentlich die beiden ersteren Schriften haben sich des Beifalls der competentesten Beurtheiler, z. B. Friedrich Bischer's und Moritz Carriere's zu erfreuen gehabt. Um so mehr waren diese trefflichen Geisteserzeugniffe, die insbesondere auch eine bedeutende Kenntniß der griechischen Literatur erwiesen, zu bewundern, als der Verstorbene Autodidakt gewesen, Gymnasium und Universität nicht besucht hatte und einem Lebensberufe oblag, der gewöhnlich dem wiffenschaftlichen Streben wenig Zeit und Raum gewährt; nur eiserner Fleiß und große Begabung konnten zu so schönem Ziele führen. Aeuilleton. Die Äu-en in Fez. Das jüngste Semestral-Bulletin der All. isr. univ. enthält einen Bericht über die Juden in Fez, der den Zustand unserer Glaubensgenoffen in Marokko so recht vor Augen führt — in Fez, das im 11. Jahrhundert in der jüdischen Theologie eine so ehrenhafte Rolle spielte. Gebeffert können diese Zustände erst werden, wenn auch über dieses muhamedanische Land eine europäische Großmacht die Hand legt. Die Stadt Fez besteht aus zwei Theilen: das alte und das neue Fez. Die Altstadt durchaus nur von Muselmanen bewohnt, zählt ungefähr 100 000 Seelen und läßt sich in zwei Claffen scheiden: den Adel und das Volk. Der Adel vom christlichen oder barbarischen Ursprung ist ziemlich civilifirt. Er hat einen großen Unternehmungsgeist; er reist in Europa, in Amerika und hält den ganzen Handel und die Industrie in seinen Händen. Seine Beziehungen zu den Israeliten sind sehr freundliche. Das Volk ist im Gegentheil, faul, unwiffend und fanatisch. Es hat eine drohende und wilde Haltung und betrachtet mit Abscheu Alles, was nicht die Religion Muhameds bekennt. Die Israeliten, welche in dieser Stadt wohnen, sind wenig zahlreich, es sind hauptsächlich Kaufleute. Das neue Fez umschließt den kaiserlichen Palast und das jüdische Mellah. Es ist hauptsächlich bewohnt von den Civil- und Militärbeamten des Sultans. Die Juden sind ganz zurückgeblieben und tragen deutlich das Gepräge der Unterdrückung, in der sie der Haß der Muselmanen hält. Das was mich am meisten betrübt hat, das ist die Erniedrigung, zu welcher die Israeliten verurtheilt sind: sie sind gezwungen, barfuß zu gehen. Im Winter waten sie bis zu den Knieen im Koth, und im Sommer werden ihre Füße versengt unter dem Einfluß einer stets brennenden Sonne. Diese barbarische Sitte verursacht oft schwere Krankheiten bei den Israeliten. Beschützte und Nichtbeschützte find so genöthigt, eine Entfernung von ungefähr ^3 Kilometer zurückzulegen, wenn sie sich zu ihren Geschäften nach Alt-Fez begeben wollen. Das Mellah oder Ghetto ist nördlich von Neu-Fez und östlich von der anstoßenden Residenz des Cherif gelegen. Die Häuser darin sind geräumig, bequem gebaut, von zwei bis vier Stockwerk. Mehrere Familien bewohnen ein und dieselbe Etage; ich habe 30 in einem Hause gezäht. Die Straßen j sind krumm, eng und finster. Trinkwaffer ist dort im Ueberfluß vorhanden, aber die Reinlichkeit der Straßen läßt viel i zu wünschen übrig. Die israelitische Bevölkerung zählt nach ziemlich begründeten Berechnungen, mindestens 15 000 Seelen. Einige Hundert dieser Familien sind mehr oder weniger reich; sie! leiten Handlungshäuser mit Beziehungen zu Europa, andere erfreuen sich eines gewissen Wohlstandes, sie machen den ' Detailhandel, sei es in Magazinen, sei es auf Märkten; die i größte Zahl übt das Gewerbe der Schneider, Schuster, Tischler, Goldschmiede, Sattler, Klempner, Schmiede, Goldsticker, Maurer, Münzer rc. und lebt von der Hand in den Mund; die letzten, die ärmsten leben von der öffentlichen Wohlthätigkeit. Den intellektuellen Zustand zu schildern, ist eine traurige Aufgabe. Es schmerzt mich zu sagen, daß die jüdische Bevölkerung im Allgemeinen, wenn auch der eingeborenen Be- > völkerung überlegen, wenig unterrichtet ist; der Jude ist von ^furchtsamem und traurigem Charakter, Tröstung in seiner

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