Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1883)
- Date
- 1883-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ fiir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Merk. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste j Nr. SS) und Oesterreich bei allen Posts Lmtrrn, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Gzepedition: Leipzig, Woßptcrh 18 In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlaashandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 47. Juhrgsug. Leipzig, den 2. April 1883. N>. 14. Inhalt. Leitende Artikel: Die gegenwärtigen Zustände. — Zur Religionsschule. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, München, Fürth. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Nyiregyhaza, Lemberg. — Belgien: Brüssel. — Großbritannien: London. — Serbien: Belgrad. — Palästina: Jaffa. — Bonn: Notizen, Kunstnotiz. — Feuilleton: Michel Beer. — Notizen. — Vermischtes. Bonn, 28. März. Die gegenwärtige« Instän-e. Eine schwere Besorgniß lastet auf den Gemüthern. In fast allen Landern der civilifirten Welt pocht die socialisnschanarchische Revolution an die Pforten der Gesellschaft, droht diese zu zertrümmern und das ganze innerhalb einer vieltausendjährigen Entwickelung errichtete Bauwerk umzustürzen. Nun, die Geschichte hat gelehrt, daß der Ansturm einer vermeintlich oder wirklich unterdrückten Menschenklaffe oder einer solchen von Noth und Armuth gedrängten gegen die wohlorganifirte Gesellschaft ohnmächtig ist, daß dagegen die Entwickelung der Gesellschaft selbst die Uebelstände und das Unrecht, unter welchen große Menschenklasien litten, zu überwinden und aus dem Wege zu schaffen vermochte. Eine sociale Frage gab es vom Ursprung der menschlichen Gesellschüft an und blickt uns warnend schon an der Schwelle der h. Schrift entgegen, symbolifirt in dem Bruderstreite und Brudermorde Kains und Abels. Während aber die blutigen Sklaven- und Bauernkriege und andere sociale Aufstände erfolglos für die empörten Mafien blieben, war doch die Gesellschaft im Stande, die Kasten zu sprengen, die Sklaverei abzuschaffen, die Leibeigenschaft aufzuheben und einen fteien Arbeiterstand zu schaffen. Denn die Gewerbefteiheit, die Freizügigkeit und die Gleichheit vor dem Gesetze, wie sie in allen rechtlichen und staatlichen Institutionen, besonders auch im allgemeinen Stimmrecht gegeben ist, haben den Arbeiter stand zu einem freien gemacht und diesem Ergebniß widerspricht die Abhängigkeit in den Lebenverhältniffen nicht, denn eine solche findet in allen Sphären der Gesellschaft statt. Jndeß werden durch dieses geschichtliche Resultat die drohenden Gefahren, die aus einer neuen Phase der socialen Zustände hereinzubrechen scheinen, an sich nicht beseitigt. In Rußland hat der Nihilismus zu außergewöhnlichen Freveln gegriffen und Staat und Gesellschaft in maßlose Verwirrung gestürzt. Wien wird nächtlicher Weise mit aufrührerischen Flugblättern und Plakaten überschwemmt und Ansammlungen der Maffe wurden versucht. In Deutschland sahen sich Regierung und Volksvertretung genöthigt, den Socialismus durch Entziehung der Preßfreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechtes mundtod zu machen. In Spanien hat die Regierung mit einer weitverzweigten Anarchistenverschwörung zu kämpfen. In Paris mußte man soeben die bewaffnete Macht aufbieten, um die Straßenaufläufe der Anarchisten zu unterdrücken. Wie weit die irisch-communiftisch-anarchische Empörung mit Revolver, Dolch und Dynamit vorgeht, zeigen tägliche Berichte. Es ist nicht zu verkennen, die socialistifck anarchische Partei hat ihr Netz über ganz Europa ausgebreitet, große Schaaren von Anhängern gewonnen und kennt weder religiöse und sittliche, noch gesetzliche Schranken. Sie hält sich zu Allem berechtigt, um Alles zu erlangen. Da drängt sich uns die zwiefache Frage auf: woher stammt diese schreckensvolle Erscheinung mitten in der nach Freiheit, Recht und Gesittung strebenden Gesellschaft? und durch welche Mittel wäre sie zu bekämpfen, abzuschwächen, zu beseitigen? 14