Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1883)
- Date
- 1883-03-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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W i ■; ■4 t % 'Utlgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein nnpartciischcs Organ fftr alles jüdische Interesse. , Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 2 Merk. Abonne- I ment in Deutschland (Postzeitungsliste j Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern. außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeöitiorr: Leipzig, Woßpkcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlaastzandluiig. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 47. Jahrgang. Leipzig, den 20. März 1883. No. 12. Inhalt. Leitende Artikel: Die Culturmission des Judenthums und feiner Bekenner. — Dec jüdische Stamm. HI. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Altona, Aus Hinterpommern, Hannover, Aschaffenburg, Fürth, Aus Württemberg. — Oesterreich- Ungarn: Wien. Bon der Donau. Pest. — Frankreich: Paris. — Türkei: London, Äonstantinopel. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Eine Fahrt nach Amerika. LoitsiiO» 6lrbii:el. Bonn, 14. März. Die Culturwisfiou des Iudeuthums und seiner SeKeuuer. Es hat noch keine Zeit gegeben, in welcher die Geschichtsforschung einen so breiten Raum in der geistigen Thätigkeit und der Literatur der civilisirten Völker eingenommen, wie in der Gegenwart. Sowohl der kritischen Durchforschung der Details und der Zusammenfassung derselben zu Gesammtbildern, als auch dem tieferen Verständniß aller geschichtlichen Erscheinungen in ihrem Zusammenhänge und ihrer Culturbcdeutung wird die ausgedehnteste und eifrigste Arbeit und Mühewaltung gewidmet. Und doch wird gerade in unserer Zeit jeder autoritative Werth aller geschichtlichen Ergebnisse, betreffen diese die überlieferten und entwickelten Erkenntnisse, oder die geschichtliche Entwickelung der politischen und socialen Verhältnisse, am meisten bezweifelt, am nachdrücklichsten bestritten, so daß man in Gefahr steht, den mit so hohem Interesse erforschten geschichtlichen Faden durchschnitten zu sehen, der uns aus dem Labyrinthe, aus dem verworrenen Gewebe der menschheitlichen Erscheinungen herauszulciten allein befähigt wäre! Was Wunder deshalb, daß in der jüngsten Zeit auch die Culturmission des Judenthums nnd seiner Bekenner bald ernstem Verneinen, bald spöttischem Lächeln begegnet. Von christlich orthodoxer Seite werden wir dies immerhin erklärlich finden; auch von der extrem radikalen Partei wird es uns nicht verwundern; bei Männern unbefangener Prüfung jedoch hat sich in den jüngsten Jahren ein Umschwung kundgegeben, indem sie die früher so oft aufgestellte These, daß das Judenthum mit dem Erstehen des Christenthums abgestorben und überflüssig geworden, im Angesichte der geschichtlichen Erscheinungen aufgegeben haben, und allmählich zu einer gegentheiligen Ueberzeugung gelangen. Was die Antisemiten betrifft, so geben sie durch Wort und Gebühren von selbst die Culturmission der Juden zu, denn in ihren leidenschaftlichen Angriffen legen sie den letzteren eine überaus nachhaltige Bedeutung bei, schreiben ihnen also unwillkürlich eine Lebenskraft und Wirksamkeit zu, wenn auch in pejorem partem, und zwar in allen Zeiten und Zonen, die weit über j das Maß der Wirklichkeit hinausgeht. Alle diese fassen wir heute nicht ins Auge, sondern vielmehr daß im Schoße der Juden selbst, namentlich in einem nicht geringen Theile der Jugend, und zwar besonders der intelligenten studirenden Jugend, der Zweifel, ja die Leugnung hinsichtlich der Culturbedeutung der Juden überhand genommen. Sowohl die kosmopolitische Wissenschaft als der staatlich nationale Patriotismus haben ihren Theil hieran und nicht in geringem Grade die dem kurzsichtigeren Menschen gewöhnliche Mißachtung des eigenen Werthes, der eigenen Kraft und Natur, nicht wie diese letztere in der Person, wohl aber wie sie in der Genoffenschaft, der man angehört, sobald diese in der Minorität ist, besteht. Dieser Theil der jüdischen Jugend tritt mit den Anschauungen in Widerspruch, welche in den letzten sechs Jahrzehenten sich in den Juden selbst, in ihren geistigen Leitern und Wortführern zum klaren Bewußtsein i'