Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 128 (25.10.1838)
- Date
- 1838-10-25
- Page
- Seite 518 (sequence 4)
- Language
- German
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und der Magistrat, Lm Aufträge der Königlichen Regierung', die dieses Institut ganz absonderlich begünstigt, griff energisch ein, und erledigte die gerechte Beschwerde auf dem Wege exekutiver Beitreibung. Freilich war der Anblick der Repartilionsliste an dieSynagogenthüre geheftet,^ben nicht geeignet die gereizte Stimmung zu besänftigen. Indexen war die Lektion derb zwar, aber heilsam. Sie benahm manchen Böswilligen, oder Irregeleiteten den Wahn, als braucht man das Schibvlet: Auflösung der Gemeinde, nur auszusprechen, um so fort aller Verpflichtungen quittLzu sein. — Dies der flüchtige Umriß des traurigen olim. Das nieminisse juvat durfte hier seine Geltung einbüßcn. Von diesem Blatte in den Annalen unserer Korporation muß sich jedes Auge beschämt und widerwillig abwenden; 'cs blicke nun freudig und hoffnungsvoll, oder scheel und stechend auf das erfreulich gestaltete Jetzt. Eine ausführliche, pragmatische Darstellung des Verfalls unseres Gemcindewescns mag überhaupt einer gewandtern Hand Vorbehalten bleiben. Ref. hat weder den Beruf noch die Neigung, diese Erscheinungen bis in ihre Quellen zu verfolgen. Er müßte in Regionen und durch Gänge hinabsteigen, an die weder sein Auge, noch sein Fuß gewöhnt sind. — Mit inniger Befriedigung wendet sich das befreicte Gemüth auf die Gegenwart, welcher als einer neuen Schöpfung, die Verwesung nothwendig vorhergegangen zu sein scheint. Die Wohlgesinnten, bisher wie vom Alp des Mißverstandes und der Zerwürfniß gedrückt, ermannten sich endlich und schritten zuvorderst zur Wahl einer neuen Verwaltungsbehörde. Do facto hatte die alte, aus innern und äußern Gründen in ihrer Thätigkeit paralysirt, längst zu fungiren aufgehört; und da sie nun ihren Rücktritt von den Geschäften förmlich ausgesprochen: so konnte die Neuwahl auch de jure vor sich gehen. ■*>- Und glücklicher konnte sie nicht ausfallen. An die Spitze trat der Kaufmann, Herr Hermann Levisohn, ein Mann, der in der vieljährigen Verwaltung städtischer Aemter die anerkennende Achtung unserer christlichen Mitbürger erworben, feine insinuante Weltbildung, praktisch sicherer Blick, vielseitige Geschäftökenntniß, energisches Durchgreifen, wo eS das Rechte, rücksichtsloser Freimut!), wo es den Kampf mit Mißbrauch und Borurtheil gilt; rastlose, einer sehr schwankenden Gesundheit Trotz bietende Thätigkeitalle diese Eigenschaften kamen ihm auf dem dornenvollen Posten, zu dem er einmüthig berufen worden, trefflich zu Statten. Nicht minder glücklich war die Wahl der Personen, die ihm beigeordnet wurden. Wir heben unter den 3Aeltesten und 7 Depulirten diejenigen hervor, die thätig an der Verwaltung theilnehmen: Hr. Zoller, von anerkannter Herzensgute und viel bewährtem WohlthäugkeitSsinn; Hr. Zacharias Prausnitz, in seinem Geschäftsleben von unbeflecktem Ruf, und bei einer etwas harschen Außenseite im Stillen ein edler Helfer der Nothleidenden; Hr. Burgheim voll strenger Rechtlichkeit, festen , entschiedenen Sinnes — dem freilich etwas mehr Biegsamkeit zu wünschen wäre —, achter Religiosität, gründlichen Wissens und genauer, aus vieljähriger Theilnahme an den frühern Gemeinde- Verwaltungen, erwachsener Kunde des Geschäftsganges; Hr. L. Kuhn, raschen, lebhaften Wesens und mir aufopfernden Eifer in DaS eingreifend, wofür fein Jntereffe einmal gewonnen ist: die Herren Hilsbach und Reisner, durch regelmäßige Schulbildung der jüngern Generation und ihrer Bestrebungen zugewendet, voll offenen, regen Sinnes für eine ordnungsvolle zeitgemäße Gestaltung der Geureinde - Angelegenheiten: alle diese Männer bildeten einen, gerade durch diese verschiedenartigen Momente, lebendigen, zusammenwirkendcn Organismus. Die kleinen Differenzen, die aus den heterogenen Persönlichkeiten nothwendig entspringen mußten, gingen in den, alle Glieder dieses Ganzen beseelenden, Gedanken auf: das Zerwürfniß in der Gemeinde soll und muß aufhören! Dieser Gedanke gab A5en Math, an die herkulische Arbeit zu gehn, und diesem guten Werke Zeit, Kraft und selbst die eigne Meinung zu opfern. Fürchtete ich nicht Saiten zu berühren, die mißtönend klingen würden: ich konnte jenes Epithel: „Herkulisch" durch eine genaue Parallele mit der bekannten Mythe hinlänglich rechtfertigen. Aber lasten wir den Witz als hors de saison und bleiben bei der Sache. Vor Allem mußten die Mittel aufgetrieben werden, um nur den dringendsten und unabweivlichsten Forderungen genug zu thun. Die Verwaltung hatte sichS aber von vornherein zum Grundsatz gestellt, nur in äußerster Noth den Weg richterlicher Procedur einzuschlagen, und so lange noch der leiseste Schimmer der Hoffnung auf gütliche Beilegung durchleuchtet, die Gewalt des Wortes an dem Gemüth und derVernunft der Mitglieder zu versuchen. Eine schriftliche Aufforderung erging an die Gemeinde. Und so entschieden wirkte daS täglich mehr und mehr sich befestigende Vertrauen, daß jener Ruf auch in dem betäubtesten Gemüth Anklang fand. Mir wenigen Ausnahmen zeichneten Alle verhältnismäßig freiwillige Beitrage. Und schon ult. Juni, also nach einer siebenmonatlichen Amtsführung erfreuete sich die Verwaltung an dem genugthuenden Resultat, das sich bei der Kaffen-Revision herausgestellt hat, daß nach der vollständigen Tilgung der bedeutenden Rückstände an Gehalten, Legats-Zinsen, Armengeldern, Brautsteuern, ein reiner Ueberschuß von 300 Thlr. in Kaffe verblieb. — Die Aufmerksamkeit des Vorstandes richtete sich jetzt auf einen andern freuenden Schaden in der Gemeinde. Die Filial-Synagogen hatten im Laufe der Zeiten den Hauptsynagogen immer mehr Boden abgewonnen. Bequemlichkeit, Widerspruchsgeist, Wichtigmacherei und wie die kleinlichen Schwächen noch heißen mögen, veranlaßen die angesehensten Mitglieder die Nebensynagogen zu besuchen. Die Töchter waren der Mutter so zu Kopfe gewachsen, daß sie in die Lange deren Existenz bedroheren. Abgesehen von dem positiven, materiellen Abbruch an Synagoqal- Revenüen, trug diese Zersplitterung der Gemeinde das Ihre reichlich bei, das gemeinsame Band zu lockern, und den, ohnehin erschlafften Gemeinsinn den Rest zu geben. Alle schon unter den frühern Verwaltungen projektirten Versuche, diesem Unwesen zu steuern, waren eben beim Versuch geblieben. Der alte Mißbrauch war durch „die heiligende Kraft deS Jahrs" zum Recht geworden, und daraus wollte man sich nicht verdrängen lassen. - Herr Levisohn, die geneigte Stimmung der an Zahl, wie an Gehalt überlegenen Mehrheit benutzend, trat, nachdem er die mannichfaltigen individuellenJntereffen mit Klugheit und Umsichtim Stillen zu beschwichtigen gewußt, plötzlich hervor und dem eben bekannt gewordenen Beschluß folgte die rasche That auf dem Fuße. Auf Einen Schlag waren die Klipp-Synagogen, bis auf die Licktenstädt'sche, die auf ein Legat basirt und nur von Nicht-beisteuerüden besucht werden darf, für immer geschlossen. Hie und da ließ sich ein dumpfes Murren verlauten; mitunter ging es auch in ein ohnmächtiges Toben über. Es war geschehn! Wer nun früher an Sabbat- und Festtagen unsere große Synagoge besuchte und mit unheimlichen Grauen die geringe Anzahl der Andächtigen — oft kaum mehr als die rigouro'ö-Legale Zahl von 10—in dem öden Raum sich verlieren sah: der erfreuet sich jetzt wenigstens an diesem „Schmuck deS Königs": „des Volkes Menge." Freilich vermißt der Schönheitssinn noch manche wesentliche Zierde. Noch dünkt unser Synagogen-Publikum das disharmonische Schreien, das Ueberbieten in grellen Mißtönen, das Accompagniren des Vorbeterö, nothwendige Momente der Andacht. — Die Kaddisch-Hymne wird jetzt, ebenfalls auf Anordnung deS Vorstandes von sammtlichen Bctheiligten in Chor gesprochen. Eine nicht genug zu preisende Verbesserung! Ein ganzer Codex minutiöser Herkömmlichkeiten, der, beiweitem noch nicht alle Fälle erschöpfend, dem kleinlichen Hader an heiliger Stätte einen bequemen Tummelplatz einräumte, ist dadurch ganz überflüssig gemacht. Aber so lange der Sinn für Ordnung und Harmonie noch nicht zum Durchbruch gekommen; so lange der Kaddisch-Sagende glauben wird, durch eine Oktave höher im Schreien, oder durch ein rascheres Tempo im Reciriren, seine Eltern im Paradiese um eine Stufe höher und um ein gut Theil schneller zu fördern: so lange wird sich unser armes Ohr bei dieser Verbesserung in der Liturgie schlecht befinden. — (Schluß folgt.) Redacteur Dr. L. Philippsorr. — Verlag von Baumgartners Buchhaudlung. — Druck von I. B Hirschfeld.