Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1883)
- Date
- 1883-03-13
- Page
- Seite 178 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Während der muselmännischen Herrschaft im Kaukasus j wurden die Juden fast ganz tatarifirt, sie nahmen viel von der Lebensweise, den Gebräuchen und Sitten der Muselmänner an, behielten jedoch ihre Sprache (die t'arsidotatisehe) bei. j Allmälig eigneten die Juden sich noch Eigenthümlichkeiten | derjenigen Bolksstämme an, zwischen denen sie gerade lebten. Die Kenntniß der Gesetze der jüdischen Religion sowie die Kenntniß der althebräischen Sprache ist nicht sehr verbreitet, selbst nicht unter den Rabbinern. Der Verfasser konnte nur mit Schwierigkeit sich mit den Rabbinern verständigen. Die Kenntniß des Lesens nnd Schreibens der Sprache, welche am Aufenthaltsort der Juden gerade gesprochen wird, ist trotz der Wichtigkeit nicht sehr verbreitet. In den Dörfern wird ein muselmännischer Mulla, in den kleinen Städten ein kundiger Tatare dafür bezahlt, daß sie für die Einzelnen die Briefe schreiben oder irgend welche andere Papiere abfassen. Um den Unterricht der Kinder kümmern sie sich wenig oder gar nicht. Als Lehrer fungiren die Schächter, welche auch sonst die Obliegenheit der Rabbiner erfüllen. Sobald diese kein Fleisch zu schächten haben, so beschäftigen sie sich mit dem Unterricht der Kinder. Sie lehren die Knaben lesen und schreiben und machen sie mit dem Inhalt der Bibel bekannt, jedoch nicht mit dem hebräischen Text, sondern mit einer farsisch-tatischen Uebersetzung. Für den Unterricht wird äußerst wenig an Geld oder in Geschenken bezahlt. Wer Schächter oder Rabbiner werden will, begiebt sich nach Derbent zu dem dortigen Oberrabbiner oder in irgend einen Ort nach Rußland. Dabei fassen sie nur die zum Schächten nothwendigen Fertigkeiten und Kenntnisse ins Auge, weil dieser Beruf seinen Mann nährt; um anderes Wissen kümmert sich der jüdische Jüngling nicht. Wie sollte er sich auch andere Kenntnisse aneignen? Ein solcher kaukasischer Judenjüngling, der nach Rußland zu seinen Glaubensgenossen kommt, versteht weder den Jargon der russischen Juden noch Russisch, um sich gehörig mit ihnen zu verständigen; er ist auch nicht im Stande, sich in so kurzer Zeit alle jene Sprachfertigkeit rc. zu erwerben; er begnügt sich mit dem Allernothwendigsten, was zu seinem Handwerk gehört. Kommt er nach Hause, so gilt er daselbst doch als ein gelehrter Rabbiner und ist ein angesehener Mann. In jeder jüdischen Gemeinde im Kaukasus finden sich übrigens doch immer einzelne Individuen, welche Althebräisch verstehen, d. h. wenigstens den Urtext der Bibel lesen können; doch sind solcher wenig. In Derbent z. B., wo 200 jüdische Familien leben, giebt es nur 20 Personen, welche Hebräisch verstehen; in Arag unter 90 Familien nicht mehr als 8 Personen, in Kuba unter 1000 Familien etwa 25 bis 30 Personen, in Grosnoje unter 200 Familien nur 5 bis 6 Personen; in den anderen Dörfern (Aul) wohl nur allein die Rabbiner, selten ein anderer. Sofort nach meiner Ankunft in einem jüdischen Dorfe — schildert der Berfasser — suchte ich die Schule auf. Man führte mich gewöhnlich in ein kleines enges in der Nähe der Synagoge gelegenes Haus oder in das Quartier des Rabbiners. Schüler waren wenige vorhanden; in einem Dorfe von 200 Häusern nicht mehr als 15 Schüler. Der Rabbiner sitzt auf dem Erdboden oder auf einem Teppich, um ihn — die Knaben; wenn sie die Bibel oder Gebete lesen, nicken sie mit dem Kopfe, wie ihr Lehrer. Sie gebrauchen eine Uebersetzung der Bibel und lesen sie mit tatarischem Accent; gedruckte hebräische A-B C-Bücher sind selten zu finden; meist zeichnet der Rabbiner die Buchstaben an eine Tafel und die Kinder malen sie nach. Alle schreiben nach Art der Muselmänner auf den Knien und sind so sehr daran gewöhnt, daß es ihnen schwer fällt, am Tisch zu schreiben. In Derbent existirt eine Art Rabbinerschule in einem großen, hellen, geräumigen und reinen Zimmer. Die Zöglinge, welche den Kursus hier beendigen, erhalten von dem dortigen Oberrabbiner ein Zeugniß als Schächter oder Rabbiner. Die andere Schule in Derbent, in Grosnoje, Chasab-Jurta, Temir- Chan-Schura und in den Dörfern sind in traurigem Zustande. Anzeigen. Ty>| QpvtQ werden mit 20 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet and müssen für die nächst- “ ■ Mivv folgende Wochennammer bis spätestens Donnerstag eingehen. Dieselben sind aasschliesslich an die Annoncen-Ezped. von R. Mosse in Leipzig oder deren Filialen in Berlin, Breslau, Cöln etc. zu adressiren. Im Commissions-Verlage von Fr. Lintz j in Trier ist erschienen und durch alle Buchj handlungen zu beziehen: Supplement zu Tosefta von Dr. M. 8. Zuckennandei, Oberrabbiner der Synagogen-Gemeinde Trier. Lieferung II (Schlusslieferung) enthaltend 6l08Sar und FacsimilC* der Wiener Handsch. Subscriptiospreis 1,50 Alk. (Ladenpreis mit Facsimiie 2 Mk., ohne Facsimile 1,50 Mk.) Bas ganze Werk ist vom Verfasser zum Subscriptionspreis, sowie in jeder Buchhandlung zum Ladenpreis zu haben. [2932] Höhere Töchterschule und Pensionat. Beste Referenzen. Mäßige Bedingungen. Eintritt kann zu jeder Zeit erfolgen. Geschwister Sodcrnheim, Bingen a. Rh. [f. nssej Handels-Institut und Pensionat I. Ranges in Brüssel (Belgien), gegründet im Jahre 1863, 168—170 Chaussee d’Etterbeck, dem Park Leopold gegenüber, geleitet von Prof. L. Kahn. [2573]