Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1883)
- Date
- 1883-03-13
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Israel einen Anblick, wie kaum je wieder. Das herrschende, den Boden besitzende und bearbeitende Volk war Israel mit seinem Könige, dessen Hosstaat, Beamten und Heer, namentlich auch Reiterei, eine Menge freier Fremden, die sich wegen der Bauten und des Handels daselbst aufhielten, 153,600 an Zahl*), die Reste der unterworfenen Bolksstämme, die (2 Chron. 2, 16.) zum Frohndienste gezwungen worden, und die besiegten Nachbarländer, die tributär waren und unter Beamten des Königs standen, sonst aber für sich bestehen blieben. — Und doch war diese ganze Herrlichkeit nur äußerlicher Schein, zehrte an dem Lebensmarke des einfachen Volkes, und erschöpfte dessen Kräfte, so daß nicht wenige der unterworfenen Landschaften sich bald wieder frei machten. Nach dem Tode Salomo's brach bei der Unzufriedenheit des Volkes noch einmal die Stammeseifersucht durch und riß zehn Stämme von Juda und dem Davidischen Hause los, um ein eigenes Königreich zu bilden. Blicken wir nun zuerst auf das Reich Juda mit Jerusalem zur Hauptstadt, so zeigt uns seine Geschichte bis zu seinem Untergange, ungefähr vier Jahrhunderte, einen unaufhörlichen Kampf des Monotheismus mit dem Heidenthume. Es kam besonders auf die Neigungen der Könige an, um im ganzen Lande Götzenaltäre mit deren Gefolgschaft auszurichten oder abzuschaffen, immer aber neben dem Tempel auf Morijah, in deffen geheiligte Hallen selbst das Heidenthum selten einzudringen vermochte, wenn es auch bisweilen diese Hallen verödete und in Verfall gerathen ließ. Dennoch zeigt uns diese ganze Periode keine Thatsache von der Vermischung des israelitischen Stammes mit andern Völkern auf. Es kam selbst der Gebrauch ab, daß die Könige sich mit Ausländerinnen vermählten, denn, da uns die Mütter der Könige, wie diese auf einander folgten, genannt und deren Vaterstadt oder Geschlecht angegeben werden, bemerken wir kein Beispiel mehr, daß darunter Fremdländerinnen gewesen wären. Ferner ist es zu beachten, daß, so viele Vorwürfe in den Geschichtsbüchern und von den Propheten dem Volke gemacht werden, über den Abfall, den sie von der Anbetung des einzigen Gottes geübt, über den Ungehorsam gegen die Gesetze und Gebote, über seine sittliche Entartung und das Obwalten aller Art von Frevel, doch nirgends ausgesprochen wird, daß es sich mit den heidnischen Völkern verschwägere oder vermische. Selbst wenn die Propheten verkündigen, daß dereinst die Völker nach Zion, dem Sitze der Gotteslehre und Gottesanbetung, Heraufziehen würden, deuten sie durchaus nicht an, daß hiermit eine materielle Verschmelzung mit den Völkern verbunden sein würde. Tas Zehnstämme - Reich ohne bestimmte Dynastie und ohne festen politischen und religiösen Mittelpunkt gestaltete 1) Diese ..Fremden" hatte wohl Ezechiel im Sinne, als er gebot, bei Wiederbesetzung des Landes ihnen Aniheit am Bodenbesitz gleich den Israeliten zu gewähren (47. 22.). sich zu einem von beständigen Bürgerkriegen zerrütteten Wahlreich. Mit geringen Ausnahmen regierte der Sohn eines erwählten Königs kaum zwei Jahre, und wurde dann durch irgend einen Empörer gestürzt und getödtet. Die Dynasten hatten zugleich das höchste Jntereffe, ihre Unterthanen von der Gotteslehre abzulenken, damit sie nicht zum Tempel in Jerusalem kämen und sich dem judäischen Reich wieder zuwendeten. Sie überschütteten deshalb das ganze Land mit Götzentempeln und Altären und verleiteten so immer mehr das Volk, von der Religion Israels gänzlich abzufallen. Die Könige dieses Reiches standen wohl nicht an, sich Ausländerinnen zu Gemahlinnen zu wählen. Berichtet wird dies ausdrücklich von Ahab, und die Bemerkung, die vom Autor der Bücher der Könige hierbei gemacht wird, ist erwähnen swerth. Er sagt vom Ahab (1 Kön. 16, 31.): „Und es geschah — als ob es zu wenig war, daß er in den Sünden Jerobeam's, des Sohnes Nebat's wandelte — er nahm zum Weibe Jsebel, die Tochter Ethbaal's, des Königs von Sidon." Das Reich Israel war daher das erste der beiden, welches vor dem Ansturm der großen innerafiatischen Despoten zu Grunde ging. Salmanaffar, der assyrische Herrscher, zerstörte Samarien. führte das Volk nach Assyrien und Medien (2 Kön. 17.), und versetzte aus babylonischen und anderen Landschaften Ansiedler nach dem Lande Israel. Diese letzteren, die in dem verwüsteten Gebiete mit vielen Schwierigkeiten, namentlich mit den überhand genommenen Raubthieren zu kämpfen hatten, glaubten, daß dies die Strafe seitens des Gottes dieses Landes sei, weil er nicht mehr angebetet werde. Sie verschafften sich daher einen israelitischen Priester, der sie den israelittschen Gottesdienst lehren sollte. Es entstand daher in diesen Landstrichen ein Mischvolk und eine Mischreligion. Man bezeichnete sie später mit dem Namen Samaritaner (von Samarien, der alten Hauptstadt des Landes), während sie von den Juden Chuthäer nach der Landschaft Chuthah, aus der ein Theil der Ansiedler gekommen, (B. 24.) genannt wurden; so bei Josephus Xov&aloi, im Talmud □'irr. Wir werden später auf sie zurückkommen. — Es drängt sich hier die Frage auf: Was ist aus den Zehnstämmen geworden? eine Frage, welche so viele Geister bis in unsre Zeit beschäftigt hat. Aus der objektiven geschichtlichen Anschauung heraus kann man nur zu der Meinung gelangen, daß, da die Mehrheit dieser Abkömmlinge Israels in ihrem Lande schon Jahrhunderte hindurch dem Heidenthume verfallen gewesen, sie, nunmehr durch weite Landstriche zerstreut, sich unter den Bewohnern derselben verloren und sich mit ihnen vermischten. Ein Theil derselben mag sich nach Judäa geflüchtet, ein anderer mit den Judäern, als auch diese nach den babylonischen Landschaften exilirt wurden , sich wieder vereinigt haben - als Stämme Israels gingen sie spurlos unter. Für den Gegenstand unsrer Unter-