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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-02-20 · Heft 8 (20.2.1883) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 8 (20.2.1883)
Date
1883-02-20
Page
Seite 123 (sequence 11)
Language
German
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123 diesem Wege unliebsame Personen, besonders etwa Wucherers dem Vereine fernhalteu. Aber das Resultat ist, daß auch viele ehrenhafte Menschen, die sich dem Vereine gern anschließen würden, sich nicht melden. Der russische Jude ist unerschöpflich an Wohlthätigkeit; aber er wird so außerordentlich viel angesprochcn, daß man nicht verlangen kann, er selbst solle die Gelegenheit erst auffuchen. Wenn ein Verein einen wohlthätigen Zweck hat, so kommt es nur daraus an, so viele Beitragende zu erlangen wie möglich. Tie Moralität und gesellschaftliche Stellung der Beitragenden sind völlig gleichgültig, da sie auf die Verwaltung des Vereins keinen Einfluß haben. Wollte der Verein wirklich seine Ziele erreichen, so mußte er einen auskömmlich besoldeten Sekretair und einige Reisende halten, welche von Ort zu Ort Mitglieder werben und sich zugleich über die vorhandenen Zustände und Bedürfnisse unterrichten sollten. Ties wäre noch heute der Weg, um eine segensreiche Wirsamkeit des Vereins zu erzielen. Die Sache hat nämlich noch eine andere Seite. „Das Ziel des Vereins", lautet §. 1 der Statuten, „ ist die Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland, Förderung der Literatur und Beschaffung von Mitteln für die lernende Jugend. Als solcher hilft er zur Verbreitung der Kcnntniß der russischen Sprache, giebt selbst heraus und unterstützt herauszugeben nützliche Werke, llebersctzungeu, periodische Schriften in russischer wie in hebräischer Sprache, und unterstützt durch Stipendien die der Wissenschaft sich widmende Jugend." Alles sehr schön, aber viel zu großartig. Nun ist es den Gründern des Vereins geglückt, die Erlaubniß ihn zu errichten und die Bestätigung seiner Statuten nach vielen Anstrengungen zu erlangen. Damit ist aber auch jeder anderseitigen Vereinigung zu diesen und ähnlichen Zwecken ein Riegel vorgeschoben, denn die Regierung bestätigt keinen anderen Verein, der einem dieser Zwecke gewidmet wäre. Es sind derartige Versuche z. B. zur Unterstützung der Studierenden gemacht worden, aber immer vergeblich. So kommt es, daß schließlich der Verein ein Hinderniß für seine eigenen Zwecke ist und es immer mehr werden wird, wenn er sich nicht anfrafft und auf dem angegebenen Wege seine Mittel und besonders auch seine Thätigkeit ausdehnt. Wir wollen hierfür einige faktische Beweise anführen. Nach zwanzigjährigem Bestände zählt der Verein nur— 116, sage cinhundertsechszehn zahlende Mitglieder, die insgesammt 3012 Rubel beitragen, von welcher Summe 1550 Rubel auf das Haus Günzburg fallen. Allerdings rühmt sich der Jahresbericht für 1661 der Ausgabensumme von 23,670 Rubel 64 Kopeken. Allein dies ist doch nur eine optische Täuschung. So werden z. B. zu dieser Summe die von Herrn H. Günzburg zu philanthropischen Zwecken gespendeten 5005 Rubel gezählt, über welche dieser Wohlthäter persönlich verfügt hat; ebenso 2405 Rubel von Herrn L. Rosenthal, Summen, die mit dem Verein den gar nichts zu schaffen haben, wenn auch beide Herren zu den Vertretern des Vereins gehören. Desgleichen 4514 Rubel, welche die Studenten der verschiedenen Hochschulen der Residenz mit unsäglicher Mühe gesammelt haben, um hilfsbedürftige Commilitonen zu unterstützen. Sie hätten die polizeiliche Erlaubniß zu dieser Sammlung nicht erhalten, wenn sie sich nicht unter das Protektorat des Vereins gestellt hätten; aber der Verein selbst hat dabei nicht mitgewirkt. Endlich hat ein Professor der höheren Frauencurse aus eigener Initiative einen Fond zur Unterstützung unbemittelter Hörerinnen 14,420 gesammelt und das Protektorat des Vereins aus obigem Grunde angenommen. Können nun diese Summen mit Fug und Recht auf den Ausgabeetat des Vereins gestellt werden? — Aber der Verein leidet noch au anderen liebeln. Zunächst ist es der unsägliche Formalismus, welchem jedes Gesuch, so groß oder so geringfügig der Gegenstand sei, unterworfen ist, und der nicht selten den Zweck des Gesuches vereitelt. Alsdann die außerordentliche Nachlässigkeit in der Verwaltung. Ein Zweck des Vereins ist der Ankauf von Büchern und Zeitschriften, um sie zu vertheileu. Da häuften sich nun die Bücher und Schriften in ungeheuren Massen, weil man mit der Vcrtheilung schwerfällig, ja schwierig umging, bis vor einem Jahre vr. Harkavi mit großer Anstrengung aufräumtc. Es blieben jedoch noch ungeheure Haufen übrig, und als man sie ordnete, fand es sich, daß sie ganz unbrauchbar geworden; denn von einem Werke fand sich dieser, von dem anderen jener Theil, und es konnte kein einziger Jahrgang einer Zeitschrift zusammengebracht werden, da immer Nummern fehlten und andere Nummern dutzendweise vorhanden waren. Wie sollte Einem da das Herz nicht bluten'. — Soll also der Verein zu wirklich gedeihlichem Wirken gelangen, und nicht etwa hemmend und hindernd für ernste und jugendfrische Bestrebungen werden — so muß er den einer Wiedergeburt auf den oben angegebenen Wegen gehen. — Türkei. Bon der türkischen Küste, im Februar. Das Verbot, welches Juden untersagt, in Palästina sich niederzulassen, wird mit einer solchen Strenge ausgeübt, daß ein jüdischer Passagier, der österreichischer llnterthun ist und bei seinem Konsul in Haifa Geschäfte hatte, nicht einen Fuß an's Land setzen durfte, obgleich er von dem Agenten des österreichischen Lloyd auf die Werftc gebracht worden war. Unter den britischen llnterthanen befand sich auch ein Rabbiner aus Bombay, welcher Jerusalem besuchen wollte, nebst fünf anderen Personen mit britischen Pässen. Bonn, 11. Februar (Notizen). Aus Thorn erhalten wir die Trauerkunde, daß Herr Isaak Misses, Samstag 3. d. M. verschieden ist. Die „Thorener Zeitung" vom 8*

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