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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-30 · Heft 5 (30.1.1883) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 5 (30.1.1883)
Date
1883-01-30
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
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75 Prag, im Januar. (Privatmitth.) Rabbiner vr. S. Back hat eine kleine Schrift „An Israels Gemeinden undt^rc Rabbinen. Eine Stimme der Gegenwart Zur Gestaltung unserer Zukunft", (Prag, 1883, Brandeis) herausgegeben. Er führt den Gedanken aus, daß als ein „mit der höchsten religiösen Autorität ausgerüstetes Gesammtorgan ein aus den hervorragendsten Rabbinen und Männern des Judenthums nach dem französischen Muster aus dem Jahre 1807 mit > Hilfe der hohen k. k. Regierung einzuberufendes großes Synhedrion" geschaffen werden müffe. Der Verfasser erwartet von diesem Synhedrion die Ehrenrettung des Judenthums gegen alle Beschuldigungen, die neuerdings abermals gegen: dasselbe erhoben worden; und die Ausgleichung allerinneren, aus den verschiedenen religiösen Richtungen entsprungenen Zwistigkeiten. Ob dieser Gedanke, der theoretisch sehr naheliegt, und der zu den bekannten Rabbiner - Versammlungen und Synoden führte, dem aber gerade die österreichischen Rabbinen, mit Ausnahme des verstorbenen Löw, durchaus abstanden, jetzt Anklang findet, muß abgewartet werden. Raab, 14. Jan. (Privatmitth.) Bei dem großen Elend, welches die Ueberschwemmung über Raab und Umgebung gebracht, bewährten die Juden wieder das Werk edler Nächstenliebe in hervorragender Weise. Die hiesige kleine israelitische Gemeinde hat alle ihre zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten, die Schulen, den Sitzungssaal u. s. w. den Unglücklichen geöffnet und leistet in der Verpflegung der ihr überwiesenen 600 Personen wirklich Außerordentliches. Herr Ignaz Schreiber ist eigens von Wien herbeigekommen um sich an den eingeleiteten Hilfsakten zu betheiligen und hat sofort 1000 Gulden für die Nothleidenden gespendet. Auch die Gaben, welche uns aus Pest zukommen, sind zum größern Theile von Juden gespendet. Belgien. Brüssel, 15. Januar (Privatmitth.) Sie wissen, daß der Antisemitismus verschiedene Male, wenn auch bisher ohne sonderlichen Erfolg, Anstrengungen gemocht hat, in unser Land einzudringen, das man bisher als die festeste Wacht der Toleranz und interkonfessioneller Freundschaft bezeichnen konnte. Es hat dann auch nicht an beredten Protesten gegen ein solches Beginnen gefehlt, Protesten, die freilich so gut wie ausschließlich von der liberalen Partei ausgingen. Dieser Tage ist nun von einem jungen Schriftsteller derselben Richtung, Isidore van Cleef, ein Broschüre erschienen: Juifs et Chretiens, die in warmer und energischer Sprache sich der Angegriffenen annimmt und gewiß das Richtige trifft, wenn sie sich bemüht, nachzuweisen, daß nur Neid, Ehrgeiz und Gewinnsucht ihre Gegner leite, und daß dieselben in den Israeliten die Denkfreiheit überhaupt zu bekämpfen und zu vernichten bemüht sind. Die Fehler der jüdischen Rosse werden aus ihrer jahrtausendelangen Mißhandlung erklärt, ihre glänzende Entwickelung unter der Einwirkung der Freiheit anerkannt und geschildert. Leider verhält es sich mit dem Herrn Verfasser genau so wie mit der Mehrzahl unserer freisinnigen Partei: aus der Gegnerschaft wider den Klerikalismus und Pietismus entwickelt sich bei ihm eine Feindschaft gegen jede positive Religion. Niemand wahrlich hat derselben größeren Schaden gethan, als die Herrschsucht des Pfaffenthums und die blinde Wuth unduldsamer Zeloten! Rußland. Von der russischen Grenze, im Januar. (Privatmitth.) Die Verfolgungen gegen die Juden in Rußland äußern sich, trotz des Tolstoi-Regime, hier und da auf grausame Weise; abgesehen von den kleinen Volksausbrüchen und Neckereien mancher behördlichen Individuen, mit welchen sie die Erwachsenen quälen, werden auch zur Schmach und Schande des 19. Jahrhunderts speciell die kleinen Kinder nicht verschont. So lesen wir im „Woßchod" Nr. 49 v. I.. citirt aus einem russischen Hauptorgan, die „Moskauer Wiedomost", worin das Folgende über die Gefängnßstrafe der jüdischen jugendlichen Arrestanten in Rußland von einem Herrn Lewitow erzählt wird: In der sibirischen Stadt Piumen besuchte ich zwei jüdische Arrestantenfamilien, welche vom eigentlichen Rußland zur weiteren Beförderung ins Innere Sibiriens hier in Gefängnissen bis zur Ansammlung einer ganzen Colonne inhaftirt sind. Mit verzweifelnden Blicken sahen mich die Mütter unmündiger Kinder an und glaubten, ich sei der Würg-Engel, gekommen, ihnen ihre Lieblinge zu entreißen. Es frappirte mich anfangs, aber als ich den Grund der Sache untersuchte, fand ich, daß ihr Schreck leider ein allzu begründeter war. Die Petersburger Hauptgefängnißverwaltung hat am 1. Juli vorigen Jahres ein Circular an alle Gefängnißverwaltungen und Behörden! Sibiriens erlassen, und werden dieselben darin streng auf-! gefordert, nach der Bemerkung zum 40. § des Gesetzbuches vom Jahre 1857, worin es heißt, daß Kinder jüdischer I Arrestanten, die ihre Eltern nach dem Orte ihrer Bestimmung | begleitet haben, von denselben abzunehmen und zurück nach l ihrer Heimat zu bringen. Bis zum 1. Juli vor. Jahres! haben die sibirischen Gefängnißverwaltungen diese Verordnung, sei es aus Mitleid oder Vergeßlichkeit vernachlässigt,;uitb die Kinder der jüdischen Verbannten wurden mit ihren i Eltern zusammen in verschiedene Grade installirt. Das!Tircmensche Gefängniß hat schon, nachdem es den Befehl j aus der Petersburger Hauptgefängnißverwaltung erhalten,! zurück nach der Heimath sieben kleine Kinder im Verlauf der! letzten 4 Monate per Schub transportirt. In dem Tircmenschen Gefängnisse befinden sich gegenwärtig vier Knaben, Abraham und Ephraim Potkow, Kinder eines Chcrsonischen

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