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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-23 · Heft 4 (23.1.1883) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 4 (23.1.1883)
Date
1883-01-23
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 Vergleichung heranziehen, und da ergiebt cs sich denn, daß das Geschick der Juden, so hart es war, doch im Vergleich zu dem des größten Theils des Landvolkes, dem der Hörigen und Leibeigenen, wesentliche Vorzüge enthielt. Es konnte sich in ihnen das Gefühl der persönlichen Freiheit, das Familienleben, die freie Thätigkeit innerhalb der engen Schranken, die ihnen gesetzt waren, die Geistesthätigkeit und die Geistesbildung, wenn auch zumeist innerhalb ihrer eigenen Sphäre, die Uebung der Gemeinnützigkeit und Wohlthätigkeit erhalten, entwickeln und zum Theil zu einer schönen Blüthe! entfalten. Hierzu kam nun noch das in der jüdischen Volks-; seele tief wurzelnde Bewußtsein: sie seien im Golus, d. h. im Exil, in der Verbannung und all' der Druck und die Verfolgung erklären sich hieraus; aber dieser Golus werde früher oder später aufhören, und hiermit das Drangsal, das auf ihnen laste. Dies war für sie, die schwer Leidenden, ein erlösender Gedanke, der über den Augenblick hinweghob und eine hoffnungsvolle Zukunft in Aussicht stellte. Dieser Gedanke stärkte die Widerstandskraft und erhielt das Bewußtsein, einem Ganzen anzugehören, das nach schmachvollen Zeiten noch eine beffere Zukunft im Hintergründe habe. Wie trostlos und verzweiflungsvoll dagegen mußte die Gedankenwelt sein, in welche die Leibeigenen gebannt waren? Was konnten sie für ihre kommenden Geschlechter erwarten, nicht Besitz, nicht Befreiung, sondern immer nur dasselbe Loos der Dienstbarkeit, der Armuth und der Rechtslosigkeit in Verbindung mit der härtesten Behandlung . . . Dies ist das Bild, welches uns die wahre, unparteiische, . objektive Geschichte aufstellt, in welchem neben den tiefen j Schatten auch die mildernden Lichter nicht fehlen. Und darum find jene Phrasen von den „Wirkungen uralter Knechtschaft" (Treitschke) eben doch nur Phrasen. Es versieht sich, i daß die lange Dauer drückender Zustände nicht ohne Folgen bleibt; aber diese sind an den Juden vielmehr nur äußerliche gewesen. Wo die Natur eines Stammes an Energie und Zähigkeit einen reichen Schatz birgt, da gleicht sie der elastischen Feder, die nach noch so langem Drucke, sobald! dieser anfhört, sich aufrichtet, aufspringt. So wenig wie der deutsche Bauernstand, nachdem die Leibeigenschaft von ihm genommen war, auf dem Boden liegen blieb und sklavische Gesinnung bewahrte: ebenso wenig standen die Juden still vor dem Eintritt in das Kulturleben und die Feffeln abstreifend, welche sie so lange bedrückt, erwarben sie sich in rascher Entwickelung die Eigenschaften, welche zur Theilnahme an allen geistigen und materiellen Bestrebungen der Gesellschaft erforderlich sind. Nothwendiger Weise konnten sie die Eigenart der Beschäftigung, zu welcher man sie durch einen so langen Zeitraum hindurch gezwungen hatte, konnten sie so manche Eigenthümlichkeit, die ihnen ihre Abgeschlossenheit ausgeprägt, nicht alsbald loswerden. Aber die sittlichen Vorzüge, die sie unter den oben geschilderten Umständen sich erhalten und unter sich pflegen konnten, und die geistige Thätigkeit, der sie stets obgelegen und die durch ihre Lage und Schicksale selbst in Athem gehalten wurde, schützten sie vordem Versinken uud Verdumpfen. Dem Unparteiischen wird deshalb an den Juden sklavischer oder knechtischer Geist nicht erkennbar sein. Dies bezeugten sogar ihre Gegner, welche sie dem Liberalismus zugethan schildern, und dieser ist doch das Gegentheil von sklavischer Gesinnung. Vierzehn Jahrhunderte waren sie vom Kriegsdienste ausgeschloffen, und die Zeugniffe aller Heerführer, die jüdische Soldaten unter sich hatten, ertheilten ihnen das Lob des besten und muthigsten soldatischen Verhaltens, vom holländischen General Baron Chaffä (1833) und den preußischen Corpskommandanten in der ministeriellen Denkschrift zu dem Gesetzentwurf von 1847 bis auf Kaiser Franz Joseph, jüngst in Bezug auf seine jüdischen Soldaten in Bosnien und der Herzegowina. Ja, erst die rechte Geschichte gewährt uns ein richtiges Urtheil! j Heinrich von Treitschke's „Deutsche Geschichte im 19. Äahrhun-ert II. 6önb“. IV. (Schluß.) Bekanntlich fanden im Sommer 1810 Exceffe gegen die Juden in Würzburg, Karlsruhe, Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt statt; der Pöbel rottete sich zusammen, stürmte einzelne jüdische Häuser und mißhandelte deren Bewohner. An eini' gen anderen Orten, wie Hamburg, waren sie leichterer und beschränkterer Art; eine gewiffe Aufregung war allgemein. Doch ging dies bald vorüber, sobald die Regierungen ernstlich Miene machten, die Unruhen zu unterdrücken. Woher aber rührten jene Exceffe? Die jüngst verflossenen Jahre haben leider über derartige Vorgänge volle Erfahrung und somit vollen Aufschluß gegeben. Zu einer Zeit allgemeiner Beunruhigung und Unzufriedenheit, des Partei- und Klasscngeistes, sucht man nach einem Prügelknaben, dem man eincni theils alle vorhandenen Uebelstände in die Schuhe schieben, I an dem man andrentheils mit Bortheil und ungestraft sein! Müthchen kühlen kann. Einen solchen findet man leicht in ' den Juden. Einige Schriftsteller und Redner gehen voran, entladen ihre Unruhe und ihren Grimm in Zornergüffen über die Juden, welche sie als die Hinderer alles Bolkswohls mit allen möglichen schädlichen Eigenschaften, Thätigkeiten und Wirksamkeiten darstellen, denen sie die gefährlichsten Tcn-; denzen und Zwecke unterschieben. Alsbald folgt ein Rudel von Skribenten und Bolksrednern, welche sich theils Popularität, theils Brod verschaffen wollen, Streber, die sich zu 4*

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