Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1883)
- Date
- 1883-01-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227452--40519-3308916- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine Zeitung des Judcncthums. Ei» »»parteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. | Preis vierteljäkirig 3 Merk. Abonnei ment in Deutschland (Postzeitungsliste j Pr. i>2> und Lesterreich bei allen Posts ämtern, außerdem durch den Buch- > Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeöitiorr: ^Leipzig, Wotzpkcrh 18. In redactiouellen Angelegenheiten > wende man sich an I>r. L.Pbilipvion in Bonn direct, in allen übrigen an die > Perlagsbandlung. Beilagen «.Gebühr 12 ffi.’i sind gleichfalls an letztere einzusenden. 47. Jahrgang. Leipzig, den 23. Januar liSJvl, M. 4. Inhalt. Leitende Artikel: Zur richtigeren Auffassung der Geschichte der Juden während des Mittelalters. — Heinrich von Treirschke's „Deutsche Geschichte im t9. Jahrhundert II. Band". IV. Zchlns; > — Die ultramontane Presse und die Dißa-Gß!arer Asfaire. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Dresden, Colbcrg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Lemberg. Nzeßow. - Bonn: Notizen. — Feuilleton: Tie kaukasische. Juden. ^sil'ct^Os Q: l'ttict. Bonn, 17. Januar. Zur richtigeren Auffassung der Geschichte der Zuden wahrendes Mittelalters. Wenn man in der Geschichte die politischen Ereignisse, die sie uns vorführt, überblickt, so erhält man keine richtige Vorstellung von dem Dasein und Leben der Völker. Zehen wir zum Beispiel, wie Italien von dem Augenblicke, wo die ersten siegreichen „Barbaren" seinen Boden betraten, bis zur neuesten Zeit von unaufhörlichen Kriegszügen der Gothen, Vandalen, Hunnen, Langobarden, der Deutschen, später Oesterreicher, Spanier und Franzosen durchstürmt und von den verheerenden Fehden der kleinen Fürsten, Republiken, der Adelssamilien und Condottieri verwüstet, von zahllosen Belagerungen, Erstürmungen, Plünderungen betroffen wurde, daß die Städte in Flammen ausgingen und die Landschaften ausgeranbt und verheert wurden — so begreift inan kaum, wie in jenen Zeiten die Felder noch bebaut, die Gärten und Weinberge gepflegt werden, die Städte in Industrie und Handel blühen konnten. Und doch zeichnete sich das damalige Italien in allen Künsten, die auf seinem Boden wieder erblühten, in Wissenschaft und Dichtung aus, die in ihm ihr Auferstehungsfest feierten; die herrlichsten Bauwerke erstanden, die Plätze und Hallen schmückten sich wieder mit Meisterwerken der Skulptur, die Malerei entfaltete sich zu ungeahnter Blüthe und die großen Handelsstädte Italiens, wie Venedig. Genua, Florenz waren die Stapelplätze für den Orient und den Occident. So groß ist die Lebenskraft der Völker, so stark die Zähigkeit der Nationen, und selbst den gewaltigsten po- , litischen Stürmen vermögen sie eine Widerstandskraft entgegenzustellen, welche die reichsten geistigen und materiellen Schöpfungen selbst bei dem Anprall und dem Truck der rohen Gewalten hervorzubringcn vermag. — Ties bewährt sich auch in der Geschichte der Inden während des Mittelalters bis zur neueren Zeit. Selten wir von dem Schriftthuin und den, im Verhältniß zu dem langen Zeitraum nur geringen inneren Zwistigkeiten ab, so weis; uns die Geschichte nur von einer ununterbrochenen Reihe von Verfolgungen, Vertreibungen , Ausplünderungen und Mordscenen zu erzählen, von dem Truck, den Beschränkungen, Ausschließungen und Be schimpfungen, welche die Gesetzgeber aller Länder ans sie häuften. Fürwahr, wer dies in seiner ganzen 'Ausdehnung liest, muß sich verwundern, daß es überhaupt noch Juden giebt, daß sie noch zu athineu, zu arbeiten und sich mit regem Fleiße geistig zu beschäftigen vermochten, lind doch hat ihre Zahl nicht ab-, sondern in allen Ländern, wo sie ansässig waren, zugenommen; doch wußten sie immer wieder ihren Platz zu behaupten und sich einigen Einfluß zu erwerben, so daß man bisweilen mit ihnen rechnen mußte: doch haben sie in gewissen Perioden auch aus dem Boden der Wissenschaft sich nützlich gemacht und schufen in ihrem eigenen Kreise eine Literatur, welche ganze Bibliotheken füllt. Ihre Gegner machten sich freilich jenen Inhalt der Geschichtserzähluug zu 'Nutze. Sie sprachen und sprechen immer wieder j oott dem „Fluche Gottes", der auf den Juden ruhe, und sie 4