Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 127 (23.10.1838)
- Date
- 1838-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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n. 3-hrg-,lg. AllAemeine N». 127. Zeitung des Zudenthums. Ein unpartheiischeS Organ für alles jüdische Interesse (Mit Königl. Sächsischer allergnädigster Concesiion.) Leipzig, den 23. October 1838. Zeitungsnachrichten. Manchester, 16. Septemb. (Privatmitth.) Am Freitag Abend den 14. d. M. ward unsre Synagoge nach erlittenem fast gänzlichem Neubau mit vieler Feierlichkeit, unter Teilnahme der ganzen Gemeinde wieder eröffnet. Nach dem Abendgebet bestieg Hr. Dr. Jsaacs aus Liverpool die Kanzel, und hielt eine treffliche englische Rede, in welcher er besonders auf Reinigung des Gottesdienstes von der eingeschlichenen Unordnung drang. Diese Rede machte einen tiefen Eindruck, und es' wurde der junge Gelehrte, sogleich um eine zweite Rede gebeten, die er auch am nächsten Sonntag Abend -abhielt. Es wurden Anstalten getroffen, denselben zu fernem Vorlesungen (Leclures) an jedem Freitag und Sonntag Abend zu engagiren, und eine erössnete Subscription deckte sofort die Kosten dieses Unternehmens, über welche seiner Zeit Näheres mitgetheilt werden soll. Hamburg, den 14. Oktober. (Privatmitth.) Es war hier seit einiger Zeit sehr ernsthaft die Rede davon, in der Synagoge einen Gesang-Chor einzurichten. Der Chacham Herr Bernays war um sein Gutachten angegangen worden, und hatte erklärt, er könne dem Vorhaben nur günstig sein, wenn nicht etwa allzuviel Unfrieden dadurch in der Gemeine herbeigeführt würde; die altonaischen Gemeindebehörden hat' ten geäußert, sie würden sogleich folgen, wenn Hamburgs Synagoge voran gingeindeß scheint der ganze Plan fast gänzlich wieder bei Seite gelegt, denn es fehlt bei seiner Ausführung ein tüchtiger eifriger Unternehmer. Außerdem bleiben die Gegner hier bei ihrem alten Adagio: „wem es „bei uns nicht gefällt, der kann ja nur in den Tempel „gehen!" Inzwischen ist am S. T. Abend ein kleiner Versuch in der T. T. Schute gemacht, der aber ohne Folgen blieb.' Wegen der Etrogim, von denen die Zufuhren heuer sehr knapp waren, gehts wie vorm Jahr: Hamburg halt an dem corsicanischen und Altona an dem calabrestfchen Glauben. Ein junger hiesiger Advokat (mithin Christ) Namens Dr. Sutor hat als Protegomen zu einem großem Werk über das gesetzliche Verhältniß der Israeliten in Hamburg und ihre rechtmäßigen Forderungen, ein kleines Heft, „Darstel- „lung der Ausnahme der ersten Juden in Hamburg" bei Behrendsohn, herausgcgeben, welches neben einigen kräftigen Apostrophen an die Gegenwart, aus den bekannten authentischen Quellen eine gedrängte Erzählung liefert, wie, aus Portugal! und Spanien vertriebene Juden, gegen Ende des!6. Jahrhunderts, zuerst unter der Maske von neubekehrten Christen, (welcher Sekte, das ist nicht zu erfahren, denn Papisten waren damals noch strenger verbannt als selbst Juden) hier lebten, die Kirchen besuchten, ihre Kinder taufen ließen, u. s. w. bis denn allmahlr'g bemerkt wurde, daß sie insgeheim jüdische Gebräuche übten, und sie selbst nach und nach den Schleier lüfteten, wo denn nach 20 bis 30jährigen Pourparlers zwischen dem aufgeklärten Senat und der inrolcrantern Bürgerschaft — ein Verhältniß, das noch heute fortdauert — eine für jene Zeit ziemlich liberale Regulirung dieser Verhältnisse zu Stande kam, und in 1650 der Gottesdienst der Portugiesischen Juden gesetzliche Duldung erhielt^). Vorher hatten theologische Gutachten von einzelnen Geistlichen sowol als von Universiräten eine Rolle gespielt, und die Frage, ob man Juden überhaupt in einer frommen lutherischen Stadt, und ob man gar ihren Gottesdienst darin dulden dürfe, bald pro, bald contra, wurde im Ganzen jedoch mehr günstig entschieden. Auch der Senat füllte seine Verhandlungen mit Bibetstellen an. So behandelt ein Jenenser Gutachten sehr weitläufig den 59. Psalm, und bringt endlich das bekannte Axiom heraus, Juden dürfe, ja müsse man erhalten, aber nur in fortwährendem Drucke. Das wichtigste Resultat dieser Darstellung ist die historische Zurückweisung des oft gehörten Vorwurfs, die Juden seien hier eingeschlichene Eindringlinge, denen man nach Belieben den Stuhl vor die Thür setzen könne; im Gegentheil hat die Stadt mit den Juden 30 Jahre unterhandelt, und diese haben mehrfach mit Wegziehen gedroht, da andre Handelsstädte, namentlich Emden und Glückstadt ihnen bessere Bedingungen boten. Ein andres Erzeugniß unsrer Presse ist ein Bändchen: „Mittheilungen aus Naphtali's Briefwechsel von Ben-Ustel" von Hirsch in Oldenburg, in welchem dieser berühmte Zionswachter, gleich jenem Helden aus Precioia ganz allein ein feindliches Armeecorps, umzingelt, indem er einen Mann stark, das ganze Heer der Reformationsgesinnten Rabbinen, besonders aber die Mitarbeiter am. Geigerschen Journal angreift, und wie er zu glauben scheint, pulverisirt. Obgleich dies Büchlein in einem muthwilligen, der Würde des Gegenstandes höchst unangemessenen Tone geschrieben ist, so wäre doch nicht zu wünschen, daß es unbeantwortet bliebe, um der Schwachen im Volk willen, (es kostet nur 6 gr.!) •) Die deutschen Juden, jetzt die sehr große Mehrzahl, zogen sich dazumal nach und nach heran, zuerst alö Domestiken der Portugiesen. . Corr.