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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-01-02 · Heft 1 (2.1.1883) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 1 (2.1.1883)
Date
1883-01-02
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 Strenge des Gesetzes dich und die Deinigen treffe. Du ] weißt, daß man mit deinesgleichen wenig Umstände macht."! Beim Anhören dieser schrecklichen Worte blickte Isaak noch einmal wie in Verzweiflung um sich. Er rang ver-j geblich die Hände und mühte sein Gehirn ab, um einen! Ausweg zu entdecken. Was half es ihm, daß er sein ganzes! Leben der Wiffenschaft gewidmet hatte und seiner Tugenden! wegen unter seinem Bolle hoch geachtet war? Hilflos stand! er hier, und keine Macht der Erde konnte ihn aus dieser! entsetzensvollen Lage reißen. Endlich faßte er einen männlichen, wenn auch grauenerregenden Entschluß. Er eilte auf; seine beiden Knaben zu, preßte abwechselnd ihre geliebten Häupter an seine Brust und bedeckte ihre erstaunten Gesichter mit zärtlichen Küffen. „HabtMuth", flüsterte er ihnen zu, „und haltet standhaft aus, was jetzt mit euch geschehen soll. Jehovah kann uns in dieser Stunde seine Hilfe nicht entziehen. Sie haben! euch hierher gebracht, damit meine Hand zittern und ich das Werk nicht richtig vollbringen könne, aber sie sollen sich täuschen, und die Wiffenschaft wird heute durch mich einen großen Triumph feiern.^ Dann wendete er sich zu deu Kardinälen und sagte mit fester Stimme und in fast feierlichem Tone: „Ich bin bereit: die Operation kann beginnen." Die Thür wurde geöffnet, und an jeder Hand einen seiner Kuaben führend, trat Aem geisterbleich, aber gefaßten Herzens in das Krankenzimmer des Papstes, wo die andern Aerzte seiner harrten. Die Kardinäle blieben im Seitenzimmer und warteten gespannt auf den Erfolg. Mit der geübten Hand des erfahrenen Meisters vollführte Aem die Operation, und alles ging glücklich von statten. Die Wirkung war unverkennbar, und mit Ingrimm bemerkten die christlichen Aerzte, daß der Erfolg des Juden ihre Kunst in Schatten stellte. Iem hatte keinem seiner Knaben viel Blut entziehen wollen und daher von jedem derselben etwas genommen. Alles war über Erwarten geglückt, und die Brust des jüdischen Gelehrten hob sich bereits in frohem Selbstbewußtsein. Aber nachdem die Ueberführung des Blutes geschehen war, kam es vor allen Dingen darauf an, bei jedem der Knaben so rasch als möglich den Verband anzulegen, denn wenn auch nur ein kleinster Theil von atmosphärischer Luft in die Adern gelangte, entstand höchste Lebensgefahr. Niemand, selbst Pem nicht, hatte von diesem gefährlichen Umstande genaue Kenntniß, denn noch war die ganze Operation eine Neuerung, und die Erfahrung fehlte nach allen Richtungen hin. Für den Patienten war die Operation offenbar von entscheidendem Erfolg gewesen, und im ersten Augenblicke schienen auch die beiden Knaben ungefährdet, aber nach kurzer Zeit stellten sich schlimme Symptome und krampfhafte Anfälle ein, so daß die Kinder rasch in ein andres Gemach gebracht werden mußten, wo der unglückliche Vater ihnen folgte, um alle Mittel zu ihrer Rettung anzuwenden. Während nun der greife Papst unter der Obhut der übrigen Aerzte in einen heilsamen Schlummer verfiel, verschlimmerte sich der schreckliche Zustand der beiden hingeopferten Judenknaben so rasch, daß kaum nach einer Stunde der unselige Vater zwei Leichen vor sich sah. Da schlug der Dämon des Wahnsinns seine furchtbaren Krallen ihm in das verwüstete Gehirn. Wie hätte er daran denken können, die lieblichen einzigen Kinder, welche noch vor kaum zwei Stunden blühend und fröhlich bei der Mutter geweilt hatten, dieser als Leichen zurückzubringen! Wie konnte er der armen Mutter überhaupt jemals wieder vor die Augen treten? Wähnte er doch, daß sie diesen Schlag nicht über-- leben werde, und wie hätte er nun auch noch ihren Tod ertragen sollen! Seine Gedanken verwirrten sich; ihm war, als müsse er fliehen, wandern, unaufhörlich wandern, um dem Fluche zu entgehen, welcher auf ihm und seinem Volke lastete. Immer wieder fielen seine irren Blicke auf die blassen Züge seiner getödteten Kinder. Sterben wäre ihm wie eine Erlösung erschienen, aber im Wahnsinn glaubte er nun, der Tod fliehe vor ihm, weil er ihm seine beste Beute Entrissen habe und hinfort werde er alles um sich her sterben sehen, nur er selbst müffe leben, um ruhelos zu wandern bis an das Ende der Welt. — So verließ Zem den Vatikan und als er unten auf dem Platze vor der Peterskirche anlangte und das Gewühl der aufgeregten Menschen sah, von denen viele wiffen wollten, wie es mit dem Papste stehe, steigerte sich die Verwirrung seiner Gedanken, und er glaubte sich von schlimmen Dämonen gejagt. Keine Macht der Welt würde ihn wieder nach dem Ghetto zurückgebracht haben. Einen Augenblick versteckte er sich und lauerte, bis er sah, daß dunkle Gestalten eine verhüllte Bahre aus dem päpstlichen Palaste brachten. Mit zuckendem Herzen folgte er ihnen und da er erkannte, daß sie den Weg nach dem Ghetto nahmen, packte ihn aufs neue der Wahnsinn, und wie von grimmigen Mächten des Sturmes gepeitscht, eilte er hinaus vor die Stadt und weiter, immer weiter, ohne zu wiffen, wohin. (Fortsetzung folgt.)

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