Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1881)
- Date
- 1881-11-22
- Page
- Seite 779 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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779 daselbst einer Reparatur bedarf, so hat die Israelitische Gemeinde in Genehmigung des Rabbiners die Synagoge bereitwilligst den Evangelischen zur Abhaltung ihrer Gottesdienste überlassen. Oesterreich-Ungarn. Pest, im Nov. Der „P. L." schreibt: Jener Theil der Berliner Univcrsitätsjugend, welcher seit Jahr und Tag in Antisemitismus macht, hat auch an die Budapester akademische Jugend eine Aufforderung gerichtet, worin es unter Anderem heißt, der Aufruf um Unterstützung der antisemitischen Strebungen werde nicht erfolglos verhallen in jenem Lande, wo der Abgeordnete Jstöczy mit seinem energischen Auftreten dieses wichtige, die Wohlfahrt der Völker untergrabende sociale Gebrechen bekämpft hat. Offenbar hat es die Jugend unserer Universität noch nicht so weit gebracht in der Unduldsamkeit und Mißachtung der Gewissensfreiheit, wie ihre in der Metropole deutscher Kultur und Gelehrsamkeit wohnhaften Kommilitonen, und allem Anscheine nach wird der Aufruf der jugendlichen Berliner Obscuranten in unserem Lande unerhört verhallen; denn der hiesige akademische Leseverein hat das famose Sendschreiben der Berliner Universitätsjugend einfach in den Papierkorb geworfen, ohne von dem Inhalte desselben auch nur Notiz zu nehmen. Krakau, 9. Nov. In Krakau muß eine Ersatzwahl für das Abgeordnetenhaus stattstnden. Bisher beherrschten die Klerikalen die Krakauer Wählerschaft unbeschränkt. So stellten sie auch diesmal ganz zuversichtlich die Candidatur des in Paris lebenden polnischen Journalisten Julian Klaczko auf. Herr Klaczko kam ebenso zuversichtlich nach Krakau, hielt seine Wahlrede und fiel glänzend durch. Aus den Kreisen der Bürgerschaft wurden zwei selbstständige Candidaten augestellt: l>r. Warschauer, um den Beweis zu liefern, daß die alte Königsstadt die gegenwärtige antisemitische Bewegung perhorrescirt, und den liberalen Grasen Stanislaus Microszowsky. Letzterer legte in seiner Candidatenrede eine stark russenfeindliche Gesinnung an den Tag. Er bewies zunächst aus der Geschichte Polens, daß die große politische Mission, welche einst die Polen zur Zeit ihrer staatlichen Selbstständigkeit hatten — die Mauer zwischen den barbarischen türkischen und russischen Reichen und dem Westen zu bilden und die Cultur nach Osten zu tragen — gegenwärtig auf Oesterreich übergegangen ist, daß cs daher die heiligste Pflicht der Polen sein muß — wenn sie den alten polnischen Traditionen treu bleiben wollen — treu und fest zu Oesterreich zu halten, und dies umsomehr, als die galizischcn Polen unter der Herrschaft der Habsburger jetzt sich der größten nationalen Freiheiten erfreuen. Mit großem Geschicke zeigte ferner Redner ans der polnischen Geschichte, daß die Polen gegenüber allen Andersgläubigen stets Toleranz und Friedensliebe bekundet, daß sogar die polnischen Könige bei ihrem Thronantritte die Festhaltung dieser zwei Postulate der innern Ruhe im Lande beschwören mußten. Seine Rede fand großen Beifall und am gestrigen Wahltage wurde Microszowski mit 1000 Stimmen gewählt; Dr. Warschauer brachte es jedoch auch auf 754 Stimmen. Krakau hat sich somit als liberale Stadt erwiesen. Großbritannien. London, 9. Nov. Die „Köln. Ztg." läßt sich von hier eine Corresp. schreiben, aus der die Hauptstelle lautet: „Die jüdische Colonisirung von Syrien und Palästina durch Verleihung von Grundbesitz an auswauderungslustige Hebräer aus aller Herren Ländern scheint praktische Aussicht auf Verwirklichung zu haben. Eine Anzahl einflußreicher Israeliten, darunter ein Herr Cazalit, hat der türkischen Regierung einen Plan unterbreitet, der auf der hohen Pforte und im Jildiz- Äiosk mit günstigen Augen angesehen wird, weil er auf einer soliden finanziellen Grundlage beruht. Er verspricht nämlich eine Auslage von 5 Mill. L. zum Zwecke der Entwickelung der natürlichen Hilfsquellen des zu übergebenden Gebietes, nur müsse die Pforte den Capitalisten die volle freie Wahl in der Anlage der Verbefferungen lassen u. s. w." Die hier angegebene Summe von 5 Millionen L., d. i. 100,000,000 Mark erweist wohl schon, daß die ganze Correspondenz ein Phantasiespiel ist, oder daß der Corresp. sich hat etwas aufbinden lassen. Tie ganze Fassung des Artikels, die Satyre, von der sie angehaucht ist, beweist, daß sie aus trüber Ouelle geflosien. So viel Geld geben die Juden her und zwar für einen jüdischen Staat in Palästina — das ist der Zweck des Geschreibsels! Italien. Turin, 0. Nov. (Privatmitth.) Ich mache Sie aus eine, in diesen Tagen veröffentlichte Brochüre aufmerksam, die in dem statistischen Archiv Anno VI fase. II abgedruckt ist. Der Verfasser ist Christ, und Professor an der juridischen Facultät der hiesigen Universität. Das Werk ist bc titelt: Attilio Biunialti. Sulla d'stribu/.ione geogratica ilegli Ebrei e sullu condizioiie giuridica e sociale dei medesimi nei vari stati. Ermanne Loescher Torino Koma FirCnze. Attilio Brunialti. Ueber die geographische Vertheiluug der Hebräer und ihre juridische und gesellschaftliche Stellung in den verschiedenen Staaten. Ermano Löscher Rom, Florenz, Turin. Bei aller Objektivität und Unparteilichkeit worin sich die ganze Arbeit hält, ist ein ideelles Wohlwollen für jedes Glied der Menschheit in dem Verfasser sichtbar, welches dem Schriftchen einen hohen Werth verleiht. Es wird auch die sogenannte Judcnfrage berührt, und die Frage gestellt, ob eine solche wirklich existirt; und um diese zu beantworten sucht er vor allem die Zahl der Juden in jedem Lande, und ilr 47*