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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-10-11 · Heft 41 (11.10.1881) · p. Seite 670

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 41 (11.10.1881)
Date
1881-10-11
Page
Seite 670 (sequence 2)
Language
German
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670 Feinden des Liberalismus, Gegnern aller liberalen Prinzipien und Institutionen, denen es also um Vieles, um sehr Vieles zu thun ist und die ihre Kräfte an einen langen, ausdauernden Kampf setzen werden. Wie dies gekommen, ist nicht schwer zu erkennen. Stöcker ist ein zu schlauer Mann, als daß er sein ganzes Spiel auf eine einzige Karte hätte setzen wollen, auf den blinden Antisemitismus, wie die Hcnrici, Förster, Ruppel und Genossen. Die Juden waren und sind ihm nur das Mittel, sich bei den Berlinern und an anderen skandalsüchtigen Plätzen Gehör zu verschaffen — er hat an sehr zahlreichen Orten gesprochen, aber an wenigen Erfolg gehabt, weil eben dazu ein skaudalsüchtiges Publikum gehörte. Sein Feldzug gegen die Juden war ihm aber stets zugleich der Feldzug für das Christenthum, das heißt für die protestantische Kirche, das heißt für die orthodoxe Hierarchie. Aber für die letztere einzutreten, genügte nicht die Schmähung auf die Juden, soziale Fragen, einiges Zuckerbrod für die Arbeiter mußten ebenfalls herangeholt werden. Nun gicbt es gegenwärtig eine große Anzahl Leute, die sich mit der „sozialen Frage" beschäftigen, wie früher mit der Verrassungsfrage. Die Partei der „christlich sozialen Arbeiter" wurde, da die Arbeiter sich nicht einstellten oder wieder verliefen, eine „christlich soziale Partei", und damit verschaffte sich Stöcker mit Judenhaß, Kirchenthum und Sozialismus einigen Anhang in Berlin, Dresden und Barmen. Aber! Stöcker hatte einen viel bedeutenderen Erfolg, indem er einer großen Zahl protestantischer Geistlichen die Meinung beibrachte. daß dies der Weg sei, um die orthodoxe evangelische! Kirche wieder zu Ansehen und Macht zu bringen. Dies hat dem Herrn Stöcker schon die bekannte August Eonferenz bezeugt, bezeugen ihm. die Geistlichen in Siegen. Minden und an a. O., die Conservatrven nehmen ihn in ihr Programm aut, und dies ist eben ein Erfolg, der sehr hoch anzuschlagen ist. Allerdings muß man sich sagen, die Conservativen, die einst einen Stahl, v. Gerlach, Wagener als Führer und sehr bedeutende Federn in ihrem Solde hatten, müssen sehr reduzirt sein, um zu einem Stöcker greifen zu müssen. Denn ohne diesem Manne irgend Unrecht anthun zu wollen, so bezeugt doch Alles, was bis jetzt von ihm an's Licht getreten, nichts weiter, als Redegewandtheit nach Art der Volks- und Kncipenredner. Wir haben von ihm noch nichts weiter als die oberflächlichsten Redensarten und oft eine Sprechweise gehört, die von einem gebildeten Redner verschmäht zu werden Pflegt. Nun ist Eines sicher, mit seinen sozialen Redefloskeln vermag Stöcker in einer gesetzgeberischen Versammlung nichts auszurichten. Man würde ihn sofort fragen: was meinen Sie damit? Und darauf hätte er keine Antwort. Es bleibt ihm daher wesentlich nur sein Antisemitismus übrig, und dieses sein Licht leuchten zu lassen, wird er die Gelegenheit schon zu benutzen wissen. Es ist also als vollkommen sicher anzusehen, daß die Con servativeu im Reichstage auf die Beseitigung des Prinzips der Gleichberechtigung hinarbeiten und Beschränkungen der Juden in den staatsbürgerlichen Rechten zu erwirken suchen werden. Was sie im preußischen Landtage nach dieser Richtung hin thun werden, wird nur Geplänkel, wird nur Vorbereitung sein. Mit der preußischen Verfassung würden sie zwar fertig zu werden glauben; aber da das deutsche Reichsgesetz die Gleichberechtigung ausgesprochen hat, so kann dies nur durch den Reichstag beseitigt werden. Haben wir aber den Wortlaut ihrer Anträge noch nicht in Händen, so sind doch die Pläne, die sie hegen, völlig sicht- und faßbar. Diese Partei hat dies bereits von 1840—1860 gewollt, hat | es von 1873 bis jetzt durch ihre Presse in Flnß gebracht — was also zu verwundern, daß sie gegenwärtig, wo ihnen das Heft wieder in die Hand gegeben zu sein scheint, auf die Verwirklichung ihres mit so vieler Ausdauer und Zähigkeit verfolgten Entwurfes in Angriff nehmen'?!! Wir wiederholen aber, was wir bereits in den vorigen Artikeln gesagt haben: den bisherigen Wühlereien gegenüber! genügte es vielleicht, den Einzelnen einzeln entgegenzutreten. Aber sobald unsere Rechtsstellung, die so mühselig errungen tvorden, legislatorisch angegriffen werden soll: so ist cs Sache der Gesammtheit, dagegen zu protestiren und auf allen Wegen anzustreben, die Versuche der Gegner zu vereiteln. Hierzu aber muß mau sich vorbereiten: man muß im nächsten Augenblicke im Stande sein, die nachdrücklichste Abwehr zu beginnen. Wenn die meisten Gemeinden glauben, daß es noch nicht an der Zeit sei, „an die Oeffeutlichkeit damit zu treten", und dies „ihren lokalen Verhältnissen nicht angemeffeu" er achten: so können sie doch sich schriftlich mit den Gemeinden ihrer Landschaft in Verbindung setzen und das gemeinsame Werk vorbereiten. Mögen die Vorsteher -- da andere Per svnen nicht das Recht haben, die Gemeinden zu vertreten — ihre Pflicht genügend wahren und ihre bisherige Passivität nicht als Indolenz erscheinen lassen! Mit dem bloßen Hergeben einiger Thaler und der Verbreitung einiger Broschüren unter Gleichgesinnten ist nichts gethan. Wird es aber Erforderniß, seine verfassungsmäßigen Rechte vor den Augen Europas zu vertheidigen, dann wird es sich zeigen, wer ein Amt gehabt, und wer es getreulich erfüllt hat. Vier Synagogenweihen.! Nachdem mehr als ein Jahrzehnt hindurch die Errichtung neuer Synagogen eine Sache fast jeder Woche war. weil > das Bedürfniß nach angemessenen gottesdienstlichen Räumen sich überall fühlbar gemacht hatte, ist es jetzt wieder zu , einer seltener» Ausgabe geworden, über Synagogeuweihen i zu berichten. Aber gerade in einer fo eigenthümlich bewegten

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