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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-08-16 · Heft 33 (16.8.1881) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 33 (16.8.1881)
Date
1881-08-16
Page
Seite 536 (sequence 2)
Language
German
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536 in Deutschland erscheinen, haben höchstens zwölf jüdische Re-! dakteure, und doch soll diese ganze Presse von den Juden beherrscht, entchristlichl und entnationalisirt sein. Unter den 20,000 Lehrern an den öffentlichen deutschen Schulen sind höchstens 15 jüdische Lehrer angcstellt, und diese 15 sollen die christliche Erziehung zerstören, die ganze nationale Q3i0 düng entwurzeln, den gesammten Lehrerstand und die Schulen depraviren. Wer sich dieses Bild der Wirklichkeit vorstellt, muß der nicht zur Ueberzeugung kommen, daß hier bei*: offenbarste Blödsinn zu Tage tritt und daß cs kaum glaub- : lich ist, daß die, welche dergleichen unsinnige Behauptungen; vartragen, Gehör und Zustimmung finden! Alle Uebelftände. die ficf) auithun, sollen von den Inden Herrnhren. Die deutsche Industrie hat sich im Auslände des Rufes der Solidität und Recllität in manchen Zweigen nicht zu erfreuen. Alsbald behauptet man, die Juden haben die deutsche Industme eorrumpjrt, obschon Jedermann -visseu könnte, daß in der großen Mehrzahl der deutschen Industriezweige Juden gar nicht thatig sind, und daß gerade diejenigen Arten, in welchen letztere seit längerer Zeit arbeiten, sich einen guten Klang und Absatz erworben haben. Wur in einem einzigen Punkte tonnte man es noch nicht so weit bringen, die Juden als Sündenböcke hinzustellen, das ist die Verwilderung des Volkes, die sich in manchen Gegenden durch häusige Mord- >haten, Körperverletzungen, Schändungen und dergleichen knndgiebt. Aber all' dergleichen Widerlegungen Helsen gar wenig', denn diese Fälschung der öffentlichen Meinung soll nur die eigentliche Ursache des ganzen Antisemitismus in Deutschland verdecken. Diese Ursache liegt in dem Evnenrrenzneide, der allgemein vorhanden ist, der ebenso lebhaft unter den einzelnen Christen gegeneinander herrscht, sich aber insgesarnmt gegen die Juden richtet. Man kann sich eben nicht zu der Ansicht erheben/ daß jeder Mensch, jeder Bürger, jeder Staatsangehörige das | Recht auf die Stelle besitzt, welche er durch die Berweni düng und Entwickelung seiner Kräfte cinnimmt, und daß hierbei Confcssion und Rare gar keinen Unterschied ausmachcn. Man hat in Deutschland so viele Jahrhunderte hindurch die Juden als ausgeschlossen und unberechtigt angesehen, und kann sich so schwer zu einer gerechteren Anschauung erheben, daß man dem Juden jede, auch die bescheidenste Position nicht einräumen will, und wenn man es muß, ihn aur's Schmählichste beneidet und - - haßt. Ein Beispiel iür viele, sehr viele. Ein sonst wohlwollender und religiös freisinniger Mann, der mehrere sehr würdige und ihm bewährte jüdische Freunde hat, bewirbt sich um eine einträgliche und ehrenhafte Stelle. Zufällig hat er sechs Mitbewerber, zufällig ist unter diesen sechs ein Jude. Als er dies erfährt, ruft er aus: „Ja, Stöcker hat Recht, Stöcker verdient unseren Tank, und man muß ihn unterstützen, denn wo eine Stelle offen ist, bewirbt sich auch ein Jude darum!" Nun, der Mann bekommt die Stelle, seine Mitbewerber, auch der Jude, fallen durch. Gesetzten Falls aber der Jude wäre, weil hervorragend an Talent und weil er entschiedene Bürgschaft für seine Leistungen gäbe, gewählt worden — unser guter, freidenkender Mann wäre sicherlich von Stöcker zu Henrici und Ruppel übergegangen und hätte die Verju dung des ganzen deutschen Reiches und die Gefährdung des Christenthums durch die Juden mit lauter Stimme verkündigt. So aber ist er jetzt wieder sehr liberal! — .\>at doch der eigentliche Urheber der gegenwärtigen Hetze, der jetzt schon vergessene Marr, es einfach von sich selbst zugestanden, daß der Eoncurrenzneid die Quelle seines Hasses und seiner Verfolgungssucht sei, indem er erzählte, daß er als Journalist von jüdischen Journalisten verdrängt worden sei . und laß er dies rächen wolle, und dieser Marr hat schon jene Behauptungen und zwar im größten Pathos vor» getragen, von welchen die Stöcker und Henrici noch jetzt; leben und womit ste dauernd die öffentliche Meinung zu! fälschen suchen. Ist es doch dieser Eoncurrenzneid, der einen Theil der akademischen Jugend bewegt, antisemitisch zu agitiren, um sich möglicher Weise im Voraus vor der Concurreuz zu schützen, die ihnen um so bedrohlicher erscheint, als die jüdischen Studenten eifriger die Hörsäle als die Kneipen besuchen. Weil cs eine Anzahl reicher jüdischer Finanziers und Kausleutc giebt, sicht dieser Neid über die zahllosen armen Juden hinweg, die im Schweiße ihres Angesichtes gerade wie andere Proletarier ihr Brod von Tag zu Tag erwerben, giebt alle Juden für reich aus, schreibt ihnen den größten Kapital besitz zu, und meint nun, daß dies nur aus einer Ausbeutung des Volkes hervorgehen könne. Dazu tragen freilich die Juden selbst viel bei, indem sie von der Sucht beherrscht sind, in ihrer äußeren Erscheinung mehr zu scheinen als sie sind, weil sie noch immer im Volke auf eine bessere Behandlung zu rechnen haben, wenn man sie für begütert hält. Diese Erklärung des offenen und versteckten Antisemitismus Hilst uns allerdings nicht darüber hinweg, sondern vermehrt nur die Besorgniß, daß derselbe noch lange seine unangenehme, oft auch schädliche Wirkung üben werde. Tenn der Neid ist ein schlimmer Geselle, der sich bei den meisten Menschen einnistet und den in sich zu überwinden eine Größe der Seele erfordert, welche nur wenige Menschen besitzen, noch dazu da er sie sehr geneigt macht, falsche, ihn rechtfertigende Behauptungen für wahr anzunehmen und sich so im Dienste einer gerechten Sache zu erachten, während sie dies am wenigsten ist. Kommen nun, wie im Augen-; blicke, politische Motive hinzu, so können wir uns nicht verj wundern, daß der Antisemitismus in diesem Sommer nicht \ „in die Ferien gegangen", und daß er soeben wieder vier

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