Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1881)
- Date
- 1881-07-19
- Page
- Seite 479 (sequence 9)
- Language
- German
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41 kenden die größte Antipathie gefunden, so haben die Judenverfolgungen in Rußland hier allgemein Entrüstung, Abscheu und Mitleiden hervorgcrufen. Sind doch die gebildeteten Holländerüberhaupt für alles Edle empfänglich, während auch die geringern Klaffen durch ihre direkte und indirekte Theilnahme an den letzten Transvalereigniffen ihre freiheitliche Gesinnung und ihren Abscheu gegen Unterdrückung Einzelner oder minder Mächtiger hinlänglich kund gegeben haben. Diese edle Gesinnung des holländischen Volkes hat nun dem Hilfs-Comite der Alliance Veranlassung gegeben zu folgender Adresse an den Minister des Aeußeren. „An S. Excellenz den Minister des Aeußeren: Giebt mit schuldiger Ehrerbietung zu kennen das niederländische Haupt-Comite des Allgemeinen Israelitischen Verbands (Alliance Israelitie universelle), daß in seiner jüngsten Versammlung der Beschluß gefaßt ist. Sie höflich anzufragen, ob Ew. Excellenz geneigt ist die Vermittelung geltend zu machen zur Verbesserung des fürchterlichen Looses der Israeliten in Süd-Rußland. Die fast unglaublichen Beschreibungen von den an den Israeliten verübten Gräuelthaten und das Elend, in welches Tausende von Menschen gefallen sind, haben sicher auch Sie mit Abscheu, Widerwillen und Mitleiden erfüllt. Diese Ueberzeugung ermuthigt Adressanten, falls auf ihre obengenannte Anfrage günstig beschlossen wird, im Namen aller Niederländer, die zum israelitischen Kirchenverbande gehören, die Bitte an Sie zu richten, um mittels diplomatischen Wegs vor allem der hohen Regierung Sr. Majestät des Kaisers aller Reußen ihren innigen Dank zu bezeugen für die bereits getroffenen Maßregeln zur Bezüglung der wüsten Verfolgung, welcher ihre Stammesgenossen ausgesetzt waren, und dann bei der hohen Regierung Fürsprecher sein zu wollen aller niederländischen Israeliten, die Se. Majestät dringend bitten, ihre unglücklichen Stammesgenossen der Gewaltthatcn und der Beraubung von Hab und Gut zu entziehen und fernere Anschläge auf ihr Leben und ihre Habe zu verhüten. Vielleicht wird diese flehende Bitte aus den Niederlanden, einem Lande, mit welchem Rußland durch Jahrhunderte alte Freundschaftsbande und durch mächtige Interessen so stark verknüpft ist, bei der hohen Regierung Se. Majestät des Kaisers Anklang finden und den israelitischen Unterlhauen Se. Majestät eine glückliche Zukunft eröffnen. Adressanten sind dessen gewiß, daß alle edeldenkenden Bürger unseres Vaterlands, des traditionellen Zufluchtsortes der Gewissensfreiheit, sich im Geiste dieser Bitte anschließen und mit Genugthuung vernehmen würden, wie Ihre anerkannte Staatsklugheit bei der hohen Regierung Se. Majestät des Kaisers aller Reußen die Bitte einzukleiden und zu unterstützen wußten, um die Stimme der Menschlichkeit und Billigkeit als Sieger hervorgehen zu lassen und sich den dauernden L Tank aller Israeliten, die das Glück haben, Niederländer zu sein zu ererben. Womit u. s. w. Namens des Hauptcomites Alex. Daniels Vorsitzender, H. Binger Secr." — Auf dieses Schreiben erfolgte folgende Antwort: 's. Gravenhage, 16. Juni. 1881. In Beantwortung auf die Adresse des Niederländischen Hauptcomite's des Allgem. Jsr. Verbands zu Amsterdam v. 8. d., hat der Minister des Aeußeren die Ehre, mitzutheilen, daß von ihm eine Abschrift dieser Adresse an den Gesandten Seiner Majestät zu St. Petersburg zugesandt wird, mit der Einladung, Untersuchung anstellen zu wollen, ob die russische Regierung geneigt wäre, dem Wunsche der Adressanten entgegen zu kommen. Der Minister u. s. w. „Unsere Theologie in den Niederlanden" hat bereits gute Früchte getragen. Im Rotterdamer „Israelit" vom 3. Juni c. wird der Aussatz, in seinem ganzen Umfange übersetzt, den Lesern dargeboten, mit der warnenden Bemerkung, man möchte doch um Gotteswillen einsehen lernen, daß sich Religion und Wissenschaft sehr gut vertragen könnten. Natürlich bemerkte der Redacteur dieses Bl., man dürfe andererseits auch nicht blind sein für das Gute, das die holl. Theologen bereits gestiftet haben. Es wäre doch gar zu arg, wenn sie überhaupt hier noch kein Gutes gestiftet hätten. Acht Tage nach dem Erscheinen des kleinen Aufsatzes hat auch eine Versammlung in Rotterdam betreffs des neuen Rabbinats stattgefunden. Italien. Aus Oberitalien, 26. Juni. (Privatmitth.) Soeben hat die Stadt Turin einen Beweis abgelegt, daß die große Mehrzahl ihrer Bewohner vom wahren Geiste der Toleranz und des Freisinnes erfüllt sind, welche in unseren Tagen wohl an sehr vielen Orten zur Schau gestellt werden, auf die Handlungsweise aber keinen Einfluß üben. Commandeur Alessandro Malvano ist vom virten Wahlbezirke der Stadt Turin, zu welchem drei Sektionen der eigentlichen Stadt und drei bedeutende Sectionen der ländlichen Umgebung gehören, zum Deputirtcn gewählt. Der Wahlkampf war heftig, besonders von Seiten des Mitbewerbers, eines reichen Advokaten, der schon einige Male, jedoch nicht für Turin, in's Parlament geschickt wurde, und alle möglichen Mittel, selbst die Berufung auf den Unterschied der Religion, in S Feld schickte, um seine Ernennung durchzusetzcn; es wurde demnach auch um das Gleichheits-Princip gekämpft, und der Sieg i verblieb den wahrhaft Liberalen. Denn als Liberaler, Minij sterieller, als zur Linken gehörig, trat auch der Antagonist i auf; es handelte sich um zwei Candidaten, die beide der! Linken angehören. Aber man muß auch zugestehen, daß 29