Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1881)
- Date
- 1881-07-19
- Page
- Seite 477 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227369--39118-3308404- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
47 Prospect bezeichneten conservativ-antisemitischen Schriften versenden möchte. Er bittet zu diesem Behuf um milde pecnniäre Beiträge. Er empfiehlt bei der Gelegenheit seine „Wahrheit" als wahre Fundgrube feiner politischer Satire. Sollte es vicleicht weiter keinen Zweck haben? Hr. Gron silliers erinnert durch dies fein Thun zum Wenigsten lebhaft an den Herrn Wcinreisenden und Antisemiten-Agenten Lodomez. Jener machte in Wein, dieser in „Wahrheit", Beide in Antisemitismus." Jndeß so vielfach gespalten die Antisemiten- Partei auch ist. indem jeder ihrer Führer eine gesonderte Schaar um sich sammelt, und einen verschiedenen Stand Punkt einehmen will, so macht sie doch immer viel Geräusch von sich. Die „sociale Reichspartei" hatte für Mittwoch Abend eine öffentliche Volksversammlung nach der Bock- Brauerei einberusen, in welcher l)r. Ernst Henrici über die Entwickelung der Judensrage seit jener bekannten Reichshallen-Versammlnng im Dezember 1 .sjsO sprach, Henrici plai dirte für Austreibung der Juden und meinte, die Regierung werde diesen Nothschrei wohl verstehen und demgemäß handeln. Dafür bürgt dem Redner der Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." vom 16. v. Mts., in dem es heiße: Man dürfe nicht eher ruhen, als bis der letzte Tropfen fremden Blutes aus dem deutschen Staatskörper ausgeschieden sei. Das könne sich doch nur auf die Juden beziehen und die „Rordd." sei alw ganz mit ihm einverstanden. Weniger einverstanden ist da gegen vr. Henrici mit denjenigen Elementen in der antisortschrittlichen Mischmaschpartei, die in der Judensrage „abwiegeln" wollen. Hier sagte Henrici nach dem „Reichsherold": „Wir müssen zwei Fragen an jeden Reichstagscandidaten richten; erstens: stehst du aus dem Boden der Wirthschaftsresorm? und zweitens dürr und klar: bist du Antisemit? Giebt uns der Candidat nur das Eine, nicht auch das Andere zu, dann mag er seine Wege gehen; in den Reichstag darf er nicht kommen; da können wir nur Antisemiten brauchen. Diese Herren, die jetzt abwiegelu wollen, wollen wir daraus Hinweisen, daß fie an den Rockschößen der Antisemiten in die höhe gekommen sind. Aber mit den Reichtagswahlen lösen wir die Judensrage noch lange nicht. Wir müssen noch lange arbeiten, und zwar nach beiden Seiten, aus socialem Gebiete und in der Judensrage als Racenfrage." Man sieht, daß die officiöse Presse die Antisemiten ausmuntert, ja anstachelt, wenn jene zu ermüden beginnt. Die oben angeführten Worte der „Rordd. Allg. Ztg." sind doch von gefährlichster Bedeutung. Sie rechtfertigen die Russen und Czechen, wenn sie die Deutschen, die Franzosen, wenn sie die Italiener verfolgen nnd vertreiben. Und solche Phrasen trägt ein gouvernementales Blatt vor! Leipzig, 3. Juli. (Privatmitth.) Ter israelitische Gemeindebund hat soeben einen Ctatutencntwurs versandt, der einen Gegenstand von Bedeutung betrifft. Ter durch t die Freizügigkeit und die gänzlich veränderte Richtung des commerziellen und industriellen Lebens sehr geförderte Wegzug aus kleineren Orten nach größeren hat viele kleinere jüdische Gemeinden so herabgemindert, daß sie einen Religionslehrer, insonders einen befähigten, nicht mehr zu unterhalten vermögen, der Religionsunterricht ihnen gänzlich abgeht, und die Kinder ohne jedweden Unterricht auswachsen. Wer das große Anwachsen der Gemeinden in den größeren Städten beachtet, muß schon voraussetzen, daß dasselbe nur aus kosten der Landgemeinden geschieht. Andererseits sind die erforderlichen Gehälter für Eultusbeamte und Lehrer so viel stärker geworden, daß die kleinen Gemeinden mit ihrem früheren Etat nicht mehr auskommen können, und hinwiederum wird in unsrer Zeit eine ganz andere Beschaffenheit und ein größeres Maß des Religionsunterrichtes erfordert, für welchen in früheren Zeiten schon das .Haus selbst zumeist sorgte. Es ist deshalb schon längst ein Bedürsniß vom allgemeinen Standpunkt, solchen kleineren Gemeinden zu .Hülse zu kommen. Wir erkennen es daher für ein wahrhaftes Verdienst an, wenn der Gemeindebnnd diese Angelegenheit jetzt in die Hand nimmt, und wünschen ihm darin den möglichsten Erfolg. Er nimmt sich dabei den evangelischen Gustav-Adolph- Verein zum Vorbild, der mit seinen Mitteln kleine evangelische Gemeinden in der Diaspora, d. h. mitten in einer andersgläubigen Bevölkerung, unterstützt, wenn diese eben von Staat und Ortsgemeinde keine Subvention zu fordern haben. In solcher Diaspora befinden sich aber mit geringer 'Ausnahme die jüdischen Gemeinden aller Länder. Es kommt nun daraus an, ob der Gemeinsinn der Juden nach dieser Richtung hin schon wach genug ist. um aus die erforderlichen Geldmittel rechnen zu dürfen. Ter Statuteneutwurs bezweckt einen neuen Verein, den er: „Deutsch-Israelitischen Religionsunterrichtsvercin" benennt, und die wichtigeren Paragraphen lauten: >: 1. Ter Deutsch-Israelitische Religionsunterrichtsverein ist eine juristische Person, welche ihren Sitz in Leipzig hat und ein sich über das ganze deutsche Reich erstreckender Verband, dessen Mitglieder sich zu Local- und Hauptvereinen verbinden, die wiederum in einem Eentralvorstaud ihren Mittelpunkt ffnden. 2. Ausgabe des Vereins ist, denjenigen deutsch-israelitischen Cultusgcmcinden, welche die Mittel zur Einrichtung oder Erhaltung eines geordneten Religionsunterrichts nicht ausreichend ansbringen können, Unterstützungen für diesen Zweck zusließen zu lassen. Unterstützungen an einzelne Familien zur Erleichterung der sie treffenden Lasten für den Religionsunterricht werden nur in Ausnahmefällen gewährt, insbesondere nur an Orten, an welchen keine Cultusgemeindc besteht, tz 3. Mitglied des Vereins kann jeder werden, welcher einen jährlichen Beitrag von mindestens Drei Mark bezahlt. Durch einmalige