Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1881)
- Date
- 1881-07-19
- Page
- Seite 472 (sequence 2)
- Language
- German
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47 2 einem Jahrhundert die Humanität von allen Dächern gepre-! techismus der politischen Leidenschaft und des politischen Ehrdigt ward, wo die Gleichheit vor dem Gesetze zur Grundlage der Gesellschaft gemacht worden, wo nicht nur die Wissenschaft hohe Stufen erstiegen hat. sondern auch das ganze Unterrichtswesen, wie noch niemals, ausgedehnt und ausgebildet worden, wo an der Berbesserung der leiblichen und geistigen Zustände des Volkes unaufhörlich gearbeitet wird, und Werke der Menschenliebe, der Fürsorge für Waisen, geizes. Was fragt ein politisches Streberthum, in welcher Klasse und in welcher Brust es wüthet, nach Wahrheit und Recht? . . . Ihr aber zur Seite stellte sich noch eine andere Leidenschaft. Die Entfaltung der Wissenschaften. Künste und der Industrie, die einander in die Hände arbeiteten, und des Handels, des Austausches der Erzeugnisse aller Welttheile, durch die ungeheure Vermehrung der Verkehrsmittel, Kranke, Hülfsbedürftige aller Art im größten Maßstabe errichtet! erweiterte nicht blos den Luxus , sondern die Bedürfnisse werden und die Mittel zu wohlthätigen Anstalten, zur Abhülfe! überhaupt und zwar innerhalb aller Kreise des Volkes, außergewöhnlicher Nöthen stets und überall reichlicher fließen!! Hierdurch ist die Erwerbssucht riesenhaft gesteigert worden Wir werden da zu der Frage gedrängt: woher stammen! und zu einer Leidenschaft angeschwollen, welche alle Schranken diese traurigen Erscheinungen? welche sind die Quellen, aus j des Gesetzes und der Sittlichkeit durchbricht. Wir sagen denen dieser schwarze Strom entspringt, anschwillt und sich! nicht Hab- und Geldgier, die war zu allen Zeiten rege, aber über die Länder ergießt? Denn wir können uns doch, so i indem sich die mannichfaltigsten Wege zu Besitz und Reichviel wir an und in unserem Jahrhundert zu rühmen haben,! thum eröffneten, werden sie von zahllosen Menschen beschritten, der Erkenntniß nicht verschließen, daß die „gute alte Zeit" die kein Mittel, selbst des Betruges und der Fälschung weit entfernt von den Kundgebungen solcher Art war. Wir scheuen. Noch mehr. Die Verbreitung und Vermehrung meinen natürlich nicht die Zeiten des Faustkampses und des der Bedürfniffe und das auch in den untersten Klassen erdreißigjährigen Krieges, vielmehr vorzugsweise die beiden! wachte politische und soziale Bewußtsein brachte das Vertanletzten Jahrhunderte. Blutige Kriege wurden auch da gej gen nach Besitz und Reichthum, nach Erwerb und Genuß führt; die Staaten und Völker schonten einander nicht. Aber! sowie eine allgemeine Unzufriedenheit in den Klassen der daß im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft so viel Mordj Gesellschaft hervor, welche ohne umfänglichen Besitz in ihrer lust, solche Erregung und Sittenlosigkeit, solche Geneigtheit Arbeit den Broderwerb haben, eine Unzufriedenheit, die sich zu Gewaltthaten, solcher Mangel an Sinn für Recht und! durch Theoretiker und Agitatoren nicht blos systematisch ge- Pflicht, an Treue, an Heilighaltung von Leben und Eigen-! stattete, sondern zum leidenschaftlichen Sturme erwuchs. — thum wie gegenwärtig vorhanden gewesen sei, wird Niemand! Dies sind die beiden Hauptadern der dunklen Fluth, die in behaupten können, und die Erinnerungen, wie sie jetzt in älteren! unseren Tagen alle Strombetten der Gesellschaft ausfüllt Personen nach deren Kindheit und Jugend zurückreichen, bekund deren User übersteigt; dies sind die beiden Hauptquellen, zeugen es noch aus eigenster Erfahrung. Tie Achtung vor aus welchen jene Aufstände, Gewaltthätigkeiten und Berbredem Gesetze ist überall geschwunden, die Scheu vor der öffentchen stammen, die unsere Tage entwürdigen. Daß hierzu lichen Meinung, ja das ganz gewöhnliche Ehrgefühl ist in sich noch der Nationalhaß und hier und da der religiöse erschreckendem Maße abgeschwächt. — Fragen wir nach den Fanatismus gesellt, versteht sich von selbst; aber selbst diese wür- Ursachen, so wiffen wir im Voraus, daß das menschliche den nicht so frech in die Erscheinung treten, wären nicht Leben nicht so einfach ist, als daß wir nicht auch hier manjene beiden geschilderten Triebfedern in dem gegenwärtigen nichfaltige Motive und Faktoren annehmen müßten. Vor Geschlechte so allbeherrschend. Allem treten uns aber die politischen Leidenschaften entgegen. Und die Heilmittel? Ja, wer diese anzugeben vermöchte? die in den verschiedensten Weisen herrschend geworden. Die Wir wissen wohl aus der Geschichte und aus unserer Lebennsgroßartige Umwandlung, die dadurch herbeigeführt worden, erfahrung, daß auch die Leidenschaften sich abkühlen, und daß das politische Bewußtsein im gesammten Volke geweckt daß Recht und Sittlichkeit und Menschenverstand immer wie- und ihm in Folge dessen der regste Antheil an dem gesammder die Oberhand erhalten. Wir halten fest an der Ueberten öffentlichen Leben eingeflößt ward, bewirkte zugleich, daß zeugung, daß die göttliche Vorsehung ihre allgewaltige Hand die Heerde politischer Leidenschaften überall erstanden, die über uns hält, die sittliche Weltordnung nicht wanken läßt Meinungen spalteten sich, die Parteien bildeten sich, die Ziele und die Entwickelung des Menschengeschlechtes aus scheinbar gingen auseinander, in den Massen erwuchs der Fanatismus, labyrinthischen Wegen vorwärts leitet. Aber allerdings giebt in zahllosen Individuen entzündet sich die Flamme des Ehrdieser Glaube, so unerschütterlich er ist, doch keinen Einblick geizes, der Eitelkeit. Schon vor diesen Leidenschaften weicht in die wirkliche Gestaltung der Dinge innerhalb der nächsten in den Einzelnen und in den Massen die Geradheit des Ur- Zeit. Wir können augenblicklich nur zwei Beobachtungen theils und die Kraft der Sittlichkeit schnell zurück, Friedenshervorheben. Einerseits, daß es das Bürgerthum selbst ist, bruch und Gesetzverletzung stehen mit großen Lettern im Kawelches, indem es sich mit seinen Parteikämpfen selbst zer-