Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1881)
- Date
- 1881-07-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MLtgerneine Zeitung -es Iudenlhunls. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis Vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Rr. SS) und Oesterreich bei ollen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Vr. Ludwig PtMppson in Bonn. Expedition und Verlag: Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. ' In redactionellen Angelegenbeiren I wende man sich an Dr. u. Pbilivvion in | i Bonn direct. in allen übrigen an die > Berlagsdandlung. Beilagen (Gebühr I! IS M-- sind gleichfalls an letztere ein-! zusenden. 45. Jahrgang Leipzig, den 5. Juli 1881. K>. 27. Inhalt. Leitende Artikel: Der Prozeß zwischen dem Christeinhume und dem Judenthume. II. — Tie Einwanderung in die Pyrenäische Halbinsel. — Ausführliches über die Audienz bei Kaiser Alexander III. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Gleiwitz, Coltbus, Frankfurt a. M., Mainz, Breslau. Aus Po.nmern, Posen, Colmar, Aus Bayern. — Oesterreich-Ungarn: Aus Ungarn, Lemberg. — Rußland: Aus Rußland, Petersburg. — Rumänien: Bukarest. — Asien: Beirut. — Abessinien: London. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Correspondenz: Conferenz des israel. Elementar-Lehrer-Vereins für Westfalen und Rheinprovinz. (Schluß.) — Bilder aus dem jüdischen Familienleben. III. — Bermis chtes: Der Goldmew'ch. ^citairOa Llrlilrat. Bonn, Juni. Der Prozeß zwischen dem Ehristenthume und dem Judenthume. ii. So lange die Lehre Jesu vorzugsweise die Tendenz verfolgte, den ethischen Gehalt des Judenthums zu betonen und dem Gewissen näher zu bringen, selbst lvenn sie durch sentimentale Uebertreibung sich in einen gewissen Gegensatz zum Gesetze stellte'), befand sie sich vollständig aus dem Boden des Judenthums, da die Auslegung des Gesetzes, so lange sie das letztere selbst fest und ausrccht erhielt, so gut wie völlig freier Betrachtungsweise anheimgegeben war-». Selbst wenn seine N Wir haben dies in Bezug ans die „Bergpredigt" ausführlich in einer Abhandlung in unseren „Weltbewegenden Fragen" Th. U. 2. 226 besprochen und nachgewiefen und besonders gezeigt, das; der Verfasser der „Bergpredigt" auf ethischem Gebiete ganz so verfahren ist, wie die damaligen und späteren Weisen auf dem Gebiete 2er Halacha. 2) Diese Freiheit der Auslegung, wie sie sich im damaligen und späteren Judenthume sowohl in der verschiedensten, oft entgegengesetzten Interpretation des Gesetzes, als auch in der hagadischen Behandlung der Schrift bethätigie. ist jetzt so be und anerkannt, daß wir dafür keine Beweise erst heranzubringen haben. Nicht bloS die beiden Schulen von Hillel und Scbamoi, sondern auch die Existenz der sehr verschiedenen Richtungen in den Pharisäern, Sadduzäern, Essäern und Anderen bezeugt dies, die bei dem heftigsten Kampfe sich doch nicht gegenseitig ausschlossen und bei Gelegenheit sich wohl einigen konnten. Die spätere Zeit der talmudischen Entwickelung bietet noch mehr den Anblick friedlichen Zusammenwirkens bei oft weit auseinandergehenden Meinungen. Anhänger ihn als Propheten-^», ja selbst als Messias (Christus)') verkündeten und priesen, trennten sie sich hiermit nicht vom Judenthume, wenn auch von der großen Mehrzahl der Juden: sie waren dadurch nur in eine Meinungsverschiedenheit von der herrschenden eingetreten, nicht aber in Abfall und Gegensatz. und solche Meinungsverschiedenheiten war man damals gewohnt. Einen thatsächlichen Beweis hierfür liefert die 3) Siehe z. B. Apostelgeschichte 3, 22. 26. 4' Es ist ein großer Jrrthnm, wenn inan meint, daß die Messiaslehre zu und nach der Zeit Jesu eine feste Form. eine bestimmte Vorstellung angenommen hakte. Vielmehr war sie während der ganzen Zeil der ralmudiichen Entwickelung, also ungefähr vom zweiten Fahrhundert vor bis zum fünften nack der Zerstörung Jerusalems eine flüssige, wie die ganze Tradition. Wir wollen nicht einmal beronen. daß einer der Amoraim. Hillel, die Meinung aus'prach. daß die Meisiashosfnungen in den Zeiten des Chiskijah bereits auigezehrt worden (d. h. durch die Befreiung von Sanherib) — r*~*r *c*z:;"77X — also kein Messias mehr zu erwarten stehe, eine Meinung, die sowohl der Sache nach «Sanhedr. oo, l.i, sondern auch aus der Person Chiskijah's i84. 1.) nicht schwer;u widerlegen war. aber wie dies namentlich an letzterer Stelle geschieht, doch verbreitet gewesen sein muß. 2lber wir wissen, daß man — wahrscheinlich nach dem Untergang Bar Cochba's — zwei Meisiasse annahm, einen aus dem Hanse Joseph's ->2^72 der den Krieg führen und getodtel werde, und den anderen aus dem Hause David's -z7^7 7N~-'* ‘Py den eigentlichen, höheren, den „König ^über Israel" >vgl. Succah r>2, l oben.« Ter streit über die Messiasie war vielmehr groß; Einige meinten ihrer wären 8, andere 7. andere 4, je nach Schriftstellen, die sie citiren und auslegen, immer aber ist dann Einer der höchste, der wahre Erlöser, nämlich worin sie Alle übereinstimmen (S. auch Levi, Talmud. Wörterbuch s. V. -^rc, ar"“r2.) Eine Fundgrube für die Vorstellungen über den Messias und deren Variationen bietet Sanhedr. 86. 2 ss.)^bei solcher Beschaffenheit konnte die Verkündigung Jesu als Mesyas , heftigen Widerspruch, aber keine Verurrheilung herbeiführen, j 4) S. Anm. 2). 27