Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1881)
- Date
- 1881-06-21
- Page
- Seite 400 (sequence 2)
- Language
- German
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400 die in der freiheitlichen Lust der Hauptstadt eine gastfreundliche | Stätte fanden. Selbst der Freiheitskrieg der Palästinenser! nnd der blutige Aufstand des Bar-Kochba störte das Verhält-! niß der Juden in Rom nur kurze Zeit; sie erhielten das j römische Bürgerrecht und traten in alle Carrieren des öffentj licheu Lebens, des militärischen wie des civilen, selbst in die, Schauspielerei ein. Als aber die antike Kultur zu Grabe j ging, als sich das geistige und sittliche Leben immer mehr! auslöste, als die barbarischen Bölkerhorden in das Herz der! Culturländer eindrangcn, als eine ausschließliche Staatsreligion gegen alle grausam verfuhr, welche sich nicht zu ihr bekannten — da war cs auch mit der rechtlichen Stellung der Juden vorbei und die Dekrete der christlichen west- und oströmischen Kaiser schlossen sie vom bürgerlichen Leben aus und die Eoncilien sperrten sie in die Ghetti ein. Noch einmal erlebten sie dasselbe Schicksal in Spanien und Nordasrika, als die Araber zu einer edlen geistigen und sittlichen Blüthe gelangt waren, und vom Euphrat bis zum Ebro die wissenschaftlichen Schulen den höchsten Zielen nachrangcn, den griechischen Geist in sich Wiedererstehen und zu einer eigenartigen Entfaltung kommen ließen, da war auch für die Juden wieder die Zeit eines gesicherten Daseins gekommen, und sie nahmen an der Entwickelung und Thätigkeit des Geistes den regsten Antheil; sic hatten sich so arabisirt, daß ihre Gelehrten auch ihre bedeutendsten theologischen Schriften -in arabischer Sprache abfaßten, wenn auch in der thcueren hebräischen Quadratschrist niederschricben. Mit dem Sturze j der Mauren in Spanien, mit der Verwilderung der nordafrikanischen Länder, mit der engherzigen Stockorthodoxie, in welche der Islam versank, ging auch das Glück der Juden' zu Ende, aus Spanien wurden sie vertrieben, und in allen; orientalischen Ländern sanken sie in bürgerlicher wie geistiger! Beziehung immer tiefer.; Es ist also nicht blos eine Erscheinung der neueren! Zeit, sondern ein geschichtliches Gesetz, daß mit der steigenden i Kultur eines Volkes und einer Epoche sich das Schicksal der! Juden günstig gestaltet, sic in das Kultur- und nationale! Leben mit aller Kraft und allem Eifer eintrcten und eine freie, bürgerliche Stellung erlangen, ja selbst die Gleichberechtigung; daß aber mit der sinkenden oder gar schwindenden Kultur sie sich wieder der Feindseligkeit und der Ausschließung ausgesctzt sehen. Aber gerade dieses historische Axiom ist es, welches uns in den Unbilden der jüngsten Zeit trösten muß. Es wäre überaus thöricht, zu glauben, daß die deutsche Nation im Rückgang ihrer Kultur, die sie in so hohem und idealem Maße erreicht hat, begriffen sei. Nichts Thatsächliches liegt vor, das zu einer so ungeheuerlichen Annahme berechtigte. Vielmehr sind cs nur die Reste des alten überwundenen Bildungsstandes, die sich noch einmal vordrängen, noch einmal Ansehen und Macht zu ergattern streben. Solche Versuche und die daraus entstehende Gährnng sind aber erst recht Symptome der fortschreitenden Kultur, die scheinbar schon die unbedingte Herrschaft erlangt, im Grunde aber die nationalen Gesammtkörper noch nicht durchdrungen hatte. Diese Versuche und diese Gährung müssen erst wieder bestanden und überwunden werden. Wir haben daher nichts zu fürchten; der gewaltige deutsche Nationalgeist und die noch gewaltigere Macht der Kultur lassen alle Machinationen Derer, welche die Strömung zurückstauen, das Räderwerk der Gesellschaft aus den, Vorwärtslaufe zum Rückwärtsgange zwingen wollen, in baldiger Zeit erfolglos verschwinden. Tics hat sich denn auch darin bewährt, daß alle bedeutenden und erleuchteten Geister in Deutschland jene : gemeine Agitation vcrurtheilten und daß trotz aller Hetzereien das Volk in Frieden mit seinen jüdischen Mitbürgern lebt.! — Aber auch betreffs Rußlands ist vielmehr anzunehmen, daß Volk und Staat auf dem Wege der Civilisation noch! zurückstehen und auf dem Wege der Entwickelung aus der Halbbarbcrci begriffen sind, als daß sie bereits zum Niedergang neigten und eine sich zersetzende Kultur darstellten.! Allerdings scheinen diesem großen Reiche stürmische Zeiten j bevorzustehcn, wüste Leidenschaften sind in ihm wach und herrschend geworden, die verschiedenen Interessen stehen einander kampsgerüstet gegenüber. Aber wir sind nicht berechtigt anzunehmen, daß dies die Zersetzung des Volkes und der Gesellschaft bedeute — sie werden sich hindurch arbeiten und in die Wege der Gesetzlichkeit und Ordnung zurückkehren, ohne welche weder Staat noch Volk bestehen kann. — So mögen wir uns trotz der erfahrenen Unbilden au der Hand dieser geschichtlichen Erkenntniß aufrichten, über die zeitlichen Erscheinungen erheben und sicher sein, daß, wenn wir unbeirrt in unseren Bestrebungen fortsahren, am nationalen wie allgemeinen Kulturwerke nach allen Kräften mitzuwirken, unsere Pflichten als Bürger getreulich zu erfüllen, und des Hasses und Vorurtheils nicht zu achten, die uns die Welt der Reaction entgegenträgt, auch unsere Zukunft freundlich, gesichert und erfolgreich sein werde! In unseren geheiligten Urkunden wird der israelitische Stamm ein y '&p ny „ein hartnäckiges Volk" genannt.! Es geschieht dies von Moses selbst (2. Mos. 32, 9. 33, 3)! gegenüber der Verirrung des Volkes mit dem goldenen Kalbe.! Die Worte bedeuten die Unbildsamkeit des Volkes, sein Bej harren in falschem Meinen und Thun trotz der eben emipsangenen Gotteslehrc. Ebenso 5. Mos. 9, 6. 13. Und am! Ende seines Lebens 31, 27, wo jene Eigenschaft mit „Widerspenstigkeit " verbunden wird (vgl. 10, 16). Dennoch fleht Moses dieser „Hartnäckigkeit des Volkes" gegenüber Gott um die Verzeihung aller daraussließenden Schuld und Sünde an (2. Mos. 34, 9). Außer Moses wirft allein Jeremias noch ' dem Volke Israel die Hartnäckigkeit vor, „daß sie auf das