Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1881)
- Date
- 1881-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. -, Herausgegeben von Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Nr. S2) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buch- _Handel. _! Expedition und Verlag: Baunrgärtner's Buchhandlung in Leipzig. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandluiig. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 45. Jahrgang. Leipzig, den 21. Juni 1881 X. 25. Inhalt. Leitende Artikel: Erhebung und Festigkeit. — Die Verfolgung der Juden in Südrußland. VI. — Literarischer Wochenbericht- — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Brandenburg o. d. H., Karlsruhe, Aus Bayern. — Oesterreich- Ungarn: Pest. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Rumänien: Bukarest, Jassy. — Türkei: Konstantinopel. — Pest: Literarische Notizen. — Fenilletou: Bilder aus dem jüdischen Familienleben. eigenthümliche, jedoch erklärliche «Erscheinung. Es zeigt sich nämlich in wiederholten Beispielen, daß die unter den Völkern Bonn, 15. Juni. Erhebung und Festigkeit. Je mehr das Eisen geschmiedet wird, desto härter wird es und vermag den stärksten Schlägen und Stößen zu widerstehen, während Gußeisen leicht zerspringt, und aus einen kräftigen Stoß oder einen jähen Fall zersplittert. In ähn licher Weise hat der kleine Stamm der Juden den heftigsten Stürmen durch die Festigkeit seines Charakters, durch Glaubenstreue und Anhänglichkeit an der ihm überkommenen Sitte und der ihm geschichtlich gewordenen Aufgabe Widerstand geleistet. Was aber am auffallendsten, das ist, daß ihn die volle Hingebung an das Cultur und nationale Leben der Völker, die Amalgamirung mit dem Wesen und der Weise der Nationen vor solchen schweren Prüfungen nicht schützte, daß mitten in seinen Bestrebungen, mit den Völkern! zu gehen, ihre Bildung sich anzueignen, ihre Interessen ganz, zu den seinigen zu machen, sich diese dennoch gegen ihnI wandten, ihn demüthigten und mißhandelten. Wir haben dies in schmerzlicher Weise jüngst in Deutschland erfahren, in schaurigen Maßen unsere Glaubensgenoffen in Südrußland. Befragen wir nun die Geschichte, und zwar nicht blos nach ihrer äußeren Gestaltung, so offenbart sich uns eine zerstreuten Juden bei einer frisch aufstrebenden und sich kräftig entwickelnden Cultur jener Völker sich immer einer günstigen . Behandlung, einer gerechten und humanen Stellung zu erfreuen hatten, die ihnen jedoch immer wieder verkümmert und genommen wurde, sobald es mit der Kultur dieser Völker rückwärts ging und Roheit und Barbarei an deren Stelle traten. Wir erinnern an Alexandrien, wohin die Inden durch Alexander den Großen und die ersten Ptolomäer, als „Gleichberechtigte", wie Josephus ausdrücklich mittheilt, in großen Massen verpflanzt wurden. Daß sie sich daselbst, abgesehen von ihrer eigentlichen Religionslehre, in ägyptischgriechischem Sinne möglichst nationalisirten, dafür giebt die griechisch-jüdische Literatur, die Uebersetzung der h. Schrift, durch die sie selbst das Hebräische vergaßen, die Errichtung des Onias-Tempels volles Zeugniß. So genossen die Juden einige Jahrhunderte gesicherten bürgerlichen Lebens. Als aber Aegypten unter der despotischen Herrschaft der Römer seufzte, die Kultur rückwärts ging, Wissenschaft und Kunst verschwanden und die Sitten durch die eingerissene Ileppigkeit und Verschwendung ausarteten — da wandten sich die geknechteten Patrizier und das geknechtete Volk gegen die Juden, Hader und Spaltung, bald auch Ansläufe und Straßen- > kämpfe wurden zur Tagesordnung, und die Juden sanken! von ihrer Höhe herab. Gleiches fand in Rom selbst und im! römischen Reiche statt. In Rom sammelten sich, wie die I Flüchtlinge aller Nationen, so auch Schaaren von Juden, 25