Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1881)
- Date
- 1881-06-07
- Page
- Seite 378 (sequence 12)
- Language
- German
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haben, so wird nach bestandenem Lehrerexamen ein zweijähriger Kursus genügen, um auch tüchtige musikalische Borbeter auszubilden. Der Unterricht muß umfassen a) Übersetzung und Verständniß unserer Gebete, b) Borlesen aus der Thorah, c) Historische Entwickelung unserer Gebete und der Dichtungen! in unseren Gebetbüchern, ä) Kenntniß der alten und neuen synagogalen Sangweisen, e) technische Gesangsausbildung, f) Chorgesangsübungen, g) Direktionsübungcn, h) technische Ausbildung im Biolin- Klavier- und womöglich auch im Orgclspiel, i) Studien der klassischen Kirchenmusik, k) Studien in Theorie der Musik und schließlich I) Geschichte der Musik. Eine solche Vorbcter-Bildungsanstalt ist aber nur im Anschluß an Seminarien in Städten, in denen noch andere bedeutende Musikinstitutionen (Conservatorien, Chorgesangvercine pp.) mit öffentlichen Aufführungen sind, zu errichten. Ich habe zunächst die beiden jüdischen Seminarien zu Berlin (für den Osten) und Münster (für den Westen) im Auge. In ersterem ist ja gerade einer der hervorragendsten Synagogen - Musik Komponisten Lehrer. Nach Ablauf des zweijährigen Kursus ist vor einer besonderen Prüfungs Commission eine Prüfung abzulegcn, worüber den Examinanden Zeugniffe auszufertigen sind. Mögen Leute von Einfluß, die noch Herz und Sinn für die Hebung und Würde unseres Gottesdienstes haben, die Sache in die Hand nehmen. Sollte der deutsch israelitische Gemeindcbund diese Frage nicht einmal in Erwägung ziehen? Sicherlich ist eine solche Anstalt ein Bedürfnis. Es fehlt an jungem Nachwuchs in der Kantorenwelt. Wie mancher Vater fragt sich gerade heute: Was soll mein Sohn werden? Hier gebt euch selbst die Antwort:,, Borbcter!" Wenn wir gründlich durchgebildete Kantoren haben werden, dann wird sich auch der Kantorenstand wieder heben und die Bedeutung erlangen, die ihm zukommt. Sonderbar genug ist es, daß früher die größten und gelehrtesten Männer die Funktionen des Borbeters versahen. Man nennt keine Geringeren, als R. Elafar Hakalir, R. Mair ben Jsas und Maharil. Die frühere Würde und Bedeutung des Amtes ist klar. Und wie steht es heute? Siegfried Graf. Die hebräische Zuschrift im S'iloa-Lanal. Vor einiger Zeit ging durch die Blätter die Nachricht, daß Prof. H. Sayce aus Oxford bei Jerusalem in dem Tunnel, durch welchen der Siloah-Kanal geht, im Wasser des letzteren eine althebräische Inschrift gefunden, die er trotz der Mangelhaftigkeit der Schriftzüge dahin entzifferte, daß der Stein aus der Zeit des Königs Salomo herrühre und aus den Bau des Tempels sich beziehe. Wir haben darüber Stillschweigen beobachtet, weil die Zurückführuug auf so alte Zeit uns einigen Verdacht einflößtc, und wir deshalb erst Weiteres abwarten wollten. Jndeß hat sich um diese merkwürdige Inschrift ein deutscher Verein und ein deutscher Gelehrter die größten Verdienste erworben. Die „A. A. Z." berichtet hierüber: Sogleich nach der ersten Mittheilung über den neuen Fund wurde Herrn Baurath Schick von dem Ausschuß des deutschen Palästina-Vereins der nöthige Credit eröffnet, um die theilweise Reinigung des Canals und die Tieferlegung des Wasserspiegels (die untere Hälfte der Inschrift befand sich unter dem Wasser) zu bewerkstelligen. Die heiße Jahreszeit und andere Hindernisse brachten es mit sich, daß die betreffenden Arbeiten erst am November begonnen werden konnten. Es waren nicht geringe Schwierigkeiten zu überwinden, ehe Baurath Schick zum Copiren und Abklatschen der Inschrift vorschreiten konnte. Da eine völlige Trockenlegung des Bodens an dieser Stelle unmöglich ist, mußte die Copie in der denkbar nngünstigsten Stellung auf feuchtem Grund in dem engen und finsteren Tunnel vorgenommen werden; zum Ucberfluß war dabei die Luft in dem Felsenloch so verdorben, daß Herr Schick zweimal über der Arbeit erkrankte. Um so mehr muß man die Ausdauer bewundern, mit der er nach und nach 8 Abklatsche und 3 Copien der Inschrift besorgte und an den Ausschuß des deutschen Palästina-Vereins einsandte. Anfangs schien es freilich, als ob alle diese großen Anstrengungen vergeblich seien. Der verzweifelte Zustand der Inschrift — zahllose Riffe im Felsen und Ueberdcckung mit Silicaten — brachte es mit sich, daß auf den Abklatschen immer nur einzelne Buchstaben ohne allen Zusammenhang zu constatiren waren. Auch die erste Copie erweckte keine Hoffnung, jemals zu einer Entzifferung zu gelangen. Die zweite Copie schien die Lesung einiger Worte zn gestatten. Aber jeder Epigraphiker weiß, welchen Selbsttäuschungen man bei altsemitischen Inschriften ausgesetzt ist, solange die Lesung der einzelnen Worte nicht durch den Zusamnlenhang bestätigt wird. Aus diesem Grunde konnte sich auch der Ausschuß des Palästina-Vereins nicht zu einer Publikation der Copie entschließen; dieselbe hätte höchstens zu dem Beweis gedient, daß der Schriftcharakter mit dem des Mesa- Steins wesentlich identisch sei. Aber Herr Schick ließ nicht nach, bis es ihm gelungen war, durch wiederholte Revision der Copie an Ort und Stelle ein Facsimile zu schaffen, an welchem die Entzifferungsarbeit cinsctzen konnte. Nicht minder aber gestattete diese Copie eine Controlc der Lesungen, die mittlerweile von Profeffor Sayce nach der von ihm besorgten Copie vorgcschlagen worden waren. Dabei ergab sich, daß Sayce den Charakter besonders eines Zeichens (Zajin, das er für Teth hielt) in der auffälligsten Weise verkannt und sprachlich unmögliches für möglich gehalten hatte (z. B. die Verbindung schalosch amma, drei Ellen); Anderes wurde jedoch durch die Schick'sche Copie auf's