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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-31 · Heft 22 (31.5.1881) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 22 (31.5.1881)
Date
1881-05-31
Page
Seite 363 (sequence 13)
Language
German
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363 Vorkommen dieses Parasiten im Orient für die Culturgcschichte von großem Interesse sei, weil darin die mosaischen Speisegesetze nunmehr ihre positive Begründung finden.! Jndeß dies betrifft nur einen Punkt. Wir erhalten von einem schweizerischen Profeffor (Christ, der von jeder Orthodoxie sehr weit entfernt ist) einen Brief, aus welchem wir Folgendes hervorheben: „Ich bin beauftragt, unseren künftigen Theologen Vorlesungen über Gesundheitspflege zu halten, und da finde ich es ganz am Platze, bei Anlaß der Bolkskrankheiten die Sanitätspolizeilichcn Vorschriften der mosaischen Gesetzgebung zu erwähnen. Jemehr ich in dieser Beziehung die Bücher Mose durchlese, desto mehr bin ich mit Bewunderung erfüllt vor dem großen Gesetzgeber. Es fällt mir besonders auf, daß Moses so häufig und mit solchem Nachdruck auf die Bestimmungen bezüglich des persönlichen Verhaltens bei den diätetischen Vorschriften verweilt und so die hygienische Regelung des Gemeinwesens fcstsetzt. Bon diesem Standpunkte betrachtet, bilden diese Vorschriften die merkwürdigste Gesundheitsgesetzgebung, die je erlaffen wurde. Doch mich interessiren nicht allein die diätetischen Vorschriften, sondern Alles was Bezug auf Reinhaltung der Luft, des Bodens und des Waffers hat; die Verordnungen in Betreff der Beerdigung, der Jsolirung ansteckender Krankheiten, der Desinfection rc. Diesen hygienischen Vorschriften und ihrer Befolgung muß man wohl zum Theil die unverwüstliche Zähigkeit der jüdischen Racc zuschreiben und wahrscheinlich auch das hohe moralische Niveau, das sie zu aller Zeit eingenommen und noch einnimmt." Vermischtes. Eine russische Anecdvte aus dem vorigen Jahrhundert. Das folgende Ereigniß wird von glaubwürdigen Zeugen erzählt. In St. Petersburg wurde in einer vornehmen Gesellschaft von schönem Haarwuchs gesprochen. Ter gerade anwesende Gouverneur eines entfernten Gouvernements erzählte, er kenne einen alten Juden, der einen ganz außerordentlich langen und schönen Bart habe, wie er noch nie seines gleichen gesehen. „Den möchte ich einmal sehen," äußerte eine Dame der Gesellschaft. Ter Gouverneur nahm den Wunsch der hochstehenden Dame für einen Befehl und schickte sofort einen Courier nach der Hauptstadt seines Gouvernements mit dem Befehl, den langbärtigen Juden schnellstens nach der Reichshauptstadt zu schicken. Er hatte entweder vergeffen anzugeben, zu welchem Zweck seine Anwesenheit in St. Petersburg gewünscht wurde, oder die bezügliche Erklärung ging auf dem Wege durch die verschiedenen Aemter verloren. Genug, als der Befehl in das Städtchen kam, in welchem der Jude wohnte, wurde er auf die rücksichtsloseste russische Weise ausgeführt. Der arme Jude ward von einigen Gendarmen ergriffen, in eine Kibitke geworfen und nach St. Petersburg geschleppt, ohne für seine Bitten und Betheuerungcn, daß er sich unschuldig fühle. Gehör zu finden. In St. Petersburg angekommen, wurde er als ein auf Befehl des Gouverneurs dahin gebrachter schwerer Verbrecher betrachtet, ins Gefängniß geworfen, mit Ketten beladen und ihm nach Vorschrift — Haare und Bart abgeschnitten. Da es damals keine Eisenbahnen und Telegraphen gab, so waren von der Ertheilung des Befehls durch den Gouverneur bis zum Eintreffen des Langbärtigen mehrere Wochen verstrichen, und der Gouverneur und die hochstehende Dame hatten das ganze Gespräch vergeffen. Der Jude blieb also im Gesangniß, und säße vielleicht noch dort, wenn seine Familie nicht die in Rußland üblichen Mittel angewendet hätte. Auf diese Weise gelang es ihr nach vieler Mühe und nach vielen Kosten die Ursache seiner Transportirung nach St. Petersburg zu erfahren und seine Freilaffung zu erwirken. Die Bevölkerung des alten Jerusalcm's. In einer jüngst erschienenen Schrift „Das Jerusalem des Josephus von F. Spieß" (Berlin, Habel 1881) stellt dieser Gelehrte über die Bevölkerung des alten Jerusalcm's, die von alten Autoren abenteuerlich übertrieben worden, Untersuchungen an. Spieß schlägt zur Ermittelung der ständigen Gesellschaft einen Weg ein, der sich in ähnlichen Fällen, wo zuverlässige Angaben fehlen, immer empfehlen wird. Er sagt so: das Areal der alten Stadt kann 1,300,000 Quadratmeter nicht überstiegen haben. Nehmen wir einige Straßen, hohe Häuser und diejenige Bevölkerungsziffer an, welche die bevölkertsten Städte unter allen, die ostasiatischen, auf gleicher Fläche aufweisen, so ergiebt sich eine Zahl von 200.000 Seelen. Ueber die Zahl der Fremden zur Osterzeit wagt er keine Muthmaßung. hält auch die irgendwo genannte Zahl von 250,000 an einem einzigen Feste geschlachteten Osterlämmer, die man einer Berechnung hat zu Grunde legen wollen, mit Recht für übertrieben; wir glauben, daß 1 man nicht berechtigt ist, für die Festzeit mehr als 400,000! ©celen anzusetzen, Einheimische und Fremde zusammengerechnet. Uebertrieben sind ferner die Angaben des Josephus über die Größe der Ouadratsteine des Tempelfundaments. Die größten dieser Steine würden,' die Ellen des Josephus in Meter umgerechnet, 150 Kubikmeter Inhalt gehabt haben, während thatfächlich die größten der bisher an der Tempelmauer aufgefundenen Steine nach Spieß nur 6—7 Kubik-

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