Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-24 · Heft 21 (24.5.1881) · p. Seite 336

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 21 (24.5.1881)
Date
1881-05-24
Page
Seite 336 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227361--38969-3308241
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

patriotischen Obliegenheiten in jedem Maße ganz wie ihre andersgläubigen Mitbürger zu erfüllen, vollkommen an, und glauben, daß jeder Jude, der es hieran irgend mangeln läßt, auch eilt schlechter Jude ist, wie ein schlechter christlicher Bürger ein schlechter Christ. Aber weiter empfinden wir nichts. Wenn ein alter Schuldner nach langen Zeiten seine Schttld bezahlt, so hat der Gläubiger bei aller Freude darüber Jenem keinen besonderen Dank zu sagen. Wenn ein altes Unrecht endlich durch die Herstellung des Rechtes beseitigt wird, so wird Jedermann dadurch befriedigt, aber einen Dank wird man allein und persönlich gegen die Mäntier zu hegen haben, welche mit eigener Anstrengung und Ausopfernng das Unrecht durch das Recht verdrängt haben. Gegen Andere nicht. Wir können die Ausdrücke „Schuld", „Unrecht" selbst ganz spezifisch brauchen. Die Juden besaßen im tuest- und oströmischen Reiche das römische Bürgerrecht im ganzen Umfange und Constantia und seine Nachfolger raubten es ihnen willkürlich durch eine Reihe von Novellen, die wir noch besitzen (im Codex Tlieodosianus.) Tie Rechtsgleichheit wurde den Juden nicht aus Liebe oder Rücksicht für sie gegeben, sondern weil der Rechtsstaat, den man gründete, ein anderes Prinzip als die Gleichheit vor dem Gesetze gar nicht zuließ. Und man räumte dies nur ungern und zögernd ein, selbst in Frankreich und Nordamerika. Wie lange dauerte es bis man z. B. in England und Deutschland die unumgängliche Consequenz dieses unabweislichen Rechtsgrundsatzes zog. Wie gesagt, die unbedingte Erfüllung aller Bürgerpflichten ist es, die uns Juden dadurch, wie eben allen Staatsangehörigen auferlegt ist, aber von einem noch besonderen Danke vermögen wir nichts aufzufinden. Aber man macht noch ein anderes Moment geltend, um die Juden als ganz besonders verpflichtet hinzustellen. Man weist darauf hin, daß die Juden ihre moderne Cultur den civilisirten Völkern zu verdanken, daß sie dieselbe von diesen empfangen haben. Hierfür seien sie tief verschuldet, und härten die Pflicht der Dankbarkeit abzutragen. Es ist dies immerhin ein delikateres Feld; aber wir müssen es doch in nähere Betrachtung bringen. Es giebt zunächst einen allgemeinen abstrakten Tank, den man den Völkern und Männern der Vergangenheit darbringt, welche durch großartige Schöpfrrngen des Geistes für alle Zeiten segensreich gewirkt haben. Dieser Tan! besteht in der Anerkennung und Würdigung der Arbeiten und Leistungen und in der treuen Pflege dessen, was jene geistigen Heroen geschaffen haben. Wir glauben nicht zu viel zu sagen, daß, wenn die Juden den Völkern der allen, wie der neuen Zeit, für die Fülle der Schöpfungen zu danken haben, welche in den Schatzkammern der Menschheit aufgehäuft worden, auch sie für die Producte, die ihr Stamm der Menschheit übergeben hat, und deren Wirksamkeit auf die Kulturvölker bis auf die Gegenwart anerkannt ist, eine gleiche Würdigung, einen gleichen Dank ansprechen können. Aber auch während der Zeit ihres schweren Leidens haben die Juden überall, wo man ihnen den Raum dazu gewährte, an den Arbeiten der Kultur, der Wissenschaft und Bildung einen regen Antheil genommen; Männer ohne Vorurtheile haben dies und die Verdienste, die sich die Juden während des Mittelalters erwarben, nachgewiesen; man hat gegen diese Männer der Gerechtigkeit gepoltert, aber widerlegt hat sie Niemand. Daß dann eine Zeit kam, wo die Juden von allen Bildungsanstalten niederer wie höherer Art ausgeschlossen, ihnen alle Bahnen der höheren Geistesthätigkeit unzugänglich waren; daß hierdurch zahllose Geister dieses Stamnres in ihrer Entwickelung gehemmt, zu einseitiger Richtung gezwungen wurden, das ist eine traurige Wahrheit. Aber wir wollen sie nicht geltend machen, wenn es sich um die Dankbarkeit gegen die Culturvölker handelt. Es ist ja wahr, seit der Mitte des vorigen Jahrhuuderts sind die Juden aus denr Ghetto herausgetreten, haben die Schranken der Bildung, der Wissenschaft und Kunst überstiegen und sich dem allgemeinen Kulturleben angeschlossen. Sie fanden zahlreiche Lehranstalten, eine entwickelte Literatur, eine fortschreitende Wisienschaft, großartige Kunstinstitute u. s. w. vor und begannen sie zu ihrer Ausbildung zu benutzen. Man hatte sie Jahrhunderte lang davon zurückgehalten, obschon sie doch Landeskinder waren und wenigstens materiell durch die hohen Steuern, die sie bezahlten, ihren Theil dazu beigetragen hatten — jetzt wurden sie ihnen geöffnet. Aber man übersehe doch nicht, daß dies auch das Einzige war, was man für die Juden that; ja, daß es den Juden vielfach schwer gemacht wurde, eintreten zu dürfen. Es war ein harter, oft dornenvoller Pfad, den sie von den Thoren des Ghetto bis zu den Pforten jener Bildungsstätten zurückzulegen hatten. Die ungeheure Mehrzahl vermochte dies nur als Autodidaktenals solche, die mit der größten Aufopferung, mit den mannichfaltigsten Entbehrungen und Schwierigkeiten, mit Kampf nach innen und außen durch die eigne Kraft, durch einen Drang, der nicht gebrochen, durch ein Streben, das nie befriedigt werden konnte, ein oft wenig methodisches Wissen, aber eine hohe und umfassende Geistesbildung erwarben. Der Jüngling Mendelssohn, der in einer Dachkammer bei einem Lichtftümpfchen und einer Brodrinde aus einem lateinischen Autor die Sprache Roms erlernte, hatte Tausende von Genossen, auch nach ihm und in weiten Länderstrichen noch heute. Es war nur ein seltener und glückticher Fall,; wenn sich Jemand eines solchen Jünglings oder Mannes annahm, um ihm die ersten oder weiteren Schritte zu erleichtern. Und hierzu nun die grausame Verweigerung, die diesen Männern und den folgenden Geschlechtern, irgend Früchte ihres Ringens sammeln, die erlangten Klüfte im öffentlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.