Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1881)
- Date
- 1881-05-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Zudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis Brerteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. SS) und Oesterreich bei ollen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Nabbiuer Di*. Ludwig Philippson in Bonn. Expedition und Verlag: Baumgartner's Buchhandlung in Leipzig. In redactionellen Angelegen beiten ] wende man sich an l)r. L.Pliilivvivn in > Bonn direct, i» alle» übrigen an die! BerlagSbandlu»g. Beilagen '(i'lebübr I l2 M.» sind gleichfalls an letztere ein zusenden. 4s. ^ahrgaug. Leipzig, den 17. Mai 1881. No. 20. Inhalt. Leitende Artikel: Einige Streiflichter auf die großen politischen Fragen der Gegenwart. I. u. II. — Die Verfolgung der Juden in Südrußland. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Aus Westfalen, Eisenach, Hamburg, Argenau. — Oesterreich- Ungarn: Wien, Lemberg. — Italien: Aus Oberitalie». — B onn: Nviizcn. — Feuilleton: Der Handel um den Namen. (Fortsetzung.) XcitciVOc Or lrtret. Bonn, 10. Mai. Einige Streiflichter auf die großen politischen Fragen der Gegenwart. i. „Die Geschichte ist die wahre Lehrmeisterin." Dieser Spruch ist schon alt; aber man wendet mit Recht ein, daß die wirklich thätigcn Staatsmänner, die Gesetzgeber und die Völker sich sehr wenig um die Geschichte und ihre Lehren kümmern, sondern aus den zur Zeit gangbaren Ansichten und aus dem, was ihren Bedürfnissen und Bortheilen zu entsprechen scheint, handeln und ihr Verfahren einrichten. Es ist daher wohl etwas ganz Anderes, was wir aus der Geschichte zu schöpfen hätten und wodurch sie eine wahre Quelle der Belehrung werde, Nicht die Motive, Warnung, Mahnung und Beweggründe für die einzelne Handlung find es, die uns aus der Geschichte zuflicßen mögen. Dazu sind die Umstände und die Verhältnisse immer zu verschieden. Was sie uns lehrt, ist vorzugsweise, daß die Erscheinungen der Zeit keine neuen Schößlinge, keine Schöpfungen des Tages, keine Erzeugniffe einzelner Menschen sind, sondern daß sie ihren Ursprung und ihre Entwickelung aus alter Zeit hergenommen und jetzt nur wieder in veränderter und erweiterter Gestalt zu Tage treten, und einen alten Kampf erneuern, der schon so oft und so viele Anstrengungen gekostet hat. Diese Erkenntniß und diese Benutzung der Geschichte, die in unseren Tagen sich ausgebildet hat, ist dennoch auch nicht neu, denn wir finden sic bereits bei griechischen und römischen Classikern. Sie hat aber den großen Bortheil, daß sie cinentheils das Wesen der Streitfrage hell beleuchtet und anderentheils über alle kleinliche Parteimcinungen zu einer objektiven Anschauung erhebt, so daß man sich mit klarem Bewußtsein der einen oder der anderen Seite zuzuwenden vermag. Bon diesem Gesichtspunkte gehen wir an dieser Stelle aus; denn wir haben keine Partcipvlitik zu treiben, sondern nur die allgemeinen Gesichtspunkte uns klar zu machen. Je mehr wir in den Büchern der Geschichte forschen, desto deutlicher tritt uns seit ältester Zeit ein großer Zwiespalt in der Anschauung vom Staate, von der Gesellschaft und in der Tendenz entgegen, die in und mit ihnen verfolgt wurde. Die eine Ansicht ist, daß die Natur den Menschen zu einem freien Individuum bestimmt hat, und das; der Staat diese Individuen zu einer Gesammtheit vereinigt, indem er die Freiheit des Individuums schützt, aber auch beschränkt, sowohl in Allem, was das Gcsammtintcresse des Staates erfordert, als auch was das Bcrhältniß der Individuen zu und unter einander verlangt, damit das eine Individuum nicht durch das andere leide. Die Tendenz dieser Ansicht wird dahin gehen, den Staat in dieser Verfolgung seiner Gesammtinteresseu und im Schutze der Individuen möglichst zu kräftigen, jedoch ohne die individuelle Freiheit 20