Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1881)
- Date
- 1881-04-19
- Page
- Seite 260 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Rußland. Petersburg, 31. März. (Privatmitth.) Aus der kaiserlichen Verordnung, durch welche der Beirath des Stadthauptmanns in's Leben gerufen wird, muß als höchst bedeutsam hervorgehoben werden, daß das aktive und passive Wahlrecht an keine confessionelle Bedingung geknüpft, also nicht confeffionell beschränkt wird. Die Juden wurden also nicht ausgeschloffen. Es heißt in § 5 der Verordnung: „5) Der Wahlmodus ist folgendermaßen festgesetzt: a. Auf jedes der 228 Polizeireviere, in welche die Stadt getheilt ist, kommt ein Deputirter. b. Stimmberechtigt find alle Hausbesitzer, alle Inhaber von Wohnungen, d. h. die Personen, auf deren Namen Wohnungen in Privat- und Krongebäuden eingetragen sind, alle Inhaber industrieller und commercieller Anstalten, alle Inhaber von Läden und Fabrikbesitzer, c. Jede Person aus einer der eben angeführten Kategorien macht eine Persönlichkeit namhaft, die der Ehre, gewählt zu werden, würdig ist u. s. w." Mögen wir dies als ein gutes Omen für zukünftige kaiserliche Anordnungen annehmen! Aegypten. Kaira, 27. März. Bekanntlich ist der griechische Pöbel in den kraffesten Aberglauben versunken und überaus judengehässig. Sowie daher Ostern naht, haben wir an irgend einem Orte, wo griechischer Pöbel haust, eine Zusammenrottung gegen die Juden auf Grund der Fabel vom Christenblute. Erleuchtete griechische Prälaten haben sich wiederholt entschieden dagegen erklärt; allein auch dies half nichts. So geschah es zu Alexandrien im vorigen Jahre und wiederum soeben. Ein junges Griechen-Mädchen war verschwunden, Niemand wußte, wo sie geblieben. Der griechische Mob verbreitete die Nachricht, daß die Juden dieselbe geschlachtet hätten, um sich in den Besitz von Christenblut zu setzen. Die thatsächlichften Beleidigungen, mit welchen die Griechen die Mitglieder der jüdischen Bevölkerung überschütteten, schienen in eine Art von Verfolgung auszuarten, als die Regierung noch zur rechten Zeit v^n Kairo aus Militär nach Alexandrien abgehen ließ, um die schwer Bedrängten zu schützen. Zum Schluffe fand man die Leiche des junge» Mädchens in dem Kanäle bei Alexandrien vor. Es war dort augenscheinlich verunglückt. Die Judenhetze hatte damit ihr Ende erreicht. (Siehe Näheres Feuilleton.) Bonn, 10. April. (Notizen.) Nach der Proclamirung des Fürsten Karl von Rumänien zum Könige erschienen vor ihm viele Deputationen, um ihre Glückwünsche und Huldigungen darzubringen. Darunter auch eine Deputation der Israeliten; der Rabbiner mit der Thorarolle im Arm. Der König und die Königin sprachen sehr leutselig zu den Depu tirten. — Bei der Anwesenheit des österreichischen Kronprinzen in Jerusalem empfing er 21 Deputationen, unter denen auch eine solche von 7 hochbetagten österreichischen Rabbinern sich befand. Der Kronprinz besuchte auch die berühmte Mauerruine vom Unterbau des Salomonischen Tempels, an welcher die Juden zu beten pflegen. Der Kronprinz redete einige der Andächtigen an, und Maler Paufinger skizzirte diese Andachtsstätte. Die Synagogen erhielten, gleich den Kirchen und Klöstern, Geldspenden. — Man schreibt aus Wien: Am vergangenen Dienstag überreichte eine Deputation der isr. Frauen Wiens dem Obercantor Prof. Sulzer, anläßlich seines Rücktrittes von dem durch ihn seit dem Jahre 1845 begleiteten Posten eines Obercantors an der hiesigen isr. Cultusgemeinde, einen prachtvollen Kranz aus reinem Golde mir einer kalligraphischen Widmung. Aus demselben Anlaffe hatten sich in der Wohnung des Jubilars eine Reihe von distinguirten Persönlichkeiten eingefunden, um ihre Glückwünsche dem greisen Künstler auszusprechen. Gestern ist aus Paris eine herrliche Erzbüste der Sappho mit einer kalligraphisch ausgeführten Adreffe und folgender Widmung angekommen: „Dem begeisterten und begeisternden Sänger, dem hochverdienten Jubilar, Profeffor Salomon Sulzer, in dankbarer Erinnerung an seine 57jährige Thätigkeit 1824— 1881; seine Landsleute in Paris." Sulzer ist in Hohenems (Boralberg) geboren. Am 2. April wird Sulzer bei einem eigens deshalb veranstalteten Gottesdienste von der Gemeinde Abschied nehmen. Ter Eintrit in den Tempel zu diesem Gottesdienste ist nur gegen Einlaßkarten gestattet. — Man schreibt uns aus Amsterdam: Dr. B. Symons, Docent an der Universität zu Groningen, ist an derselben Hochschule zum Profeffor der „vergleichenden indo-germanischen Sprachwiffenschaften" ernannt und trat am 4. April sein Amt an mit einer glänzenden Rede über den „Einfluß I. Grimm's und seiner Werke auf das Studium der vergleichenden Sprachwissenschaft". Dr. S. dürste in Deutschland nicht unbekannt sein, da er früher daselbst studirt hat und als Mitarbeiter des Literaturblattes f. germ. u. rom. Philol. (Behaget, Neumann u. Bartsch) bereits interessante Besprechungen geliefert hat. — Bonn, 10. April. (Literarische Notizen.) Man schreibt uns aus Karlsruhe vom 5. April: Wie früher für Württemberg durch die Königl. Kirchenbehörde der Israeliten in Stuttgart, so ist jetzt auch durch Conferenzbeschluß seitens des Großh. Oberraths der Israeliten in Carlsruhe das Gebet- und Religionsbüchlein für die erste isr. Jugend von Dr. Rothschild, Rabbiner in Alzey, Breslau, A. Hepner's Verlag. sür Baden zum Gebrauche in Haus und Schulz empfohlen worden. — Dr. K. Köhler in New-Aork giebt eine Auswahl der Predigten des sel. Dr. David Einhorn bei Steiger in N.-I) heraus. Bislang haben wir erst den Prospekt empfangen. —