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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-12 · Heft 15 (12.4.1881) · p. Seite 246

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 15 (12.4.1881)
Date
1881-04-12
Page
Seite 246 (sequence 14)
Language
German
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Trauung, auf das Aufrufen zur Thora, auf die Grabstätten und noch viele dergleichen. Da alle diese nicht ausreichten, hatte man auch indirekte Steuern und sehr drückende. Da war eine Steuer auf das Koscherfleisch „Pardon" genannt. Ich erinnere mick, wenn ich als Kuäbchen in die jüdische Schlachthalle, wo allein das Koscherfleisch verkauft werden durfte — auch die Schlachthallen sind also eine alte jüdische Einrichtung -, ging, um einiges Fleisch für das Haus zu holen, mußte dasselbe nach einem Abschlag gebracht werden, wo der Gemeindeschreiber saß, und für jedes Pfund Rindfleisch 4 Pfennige, Kalbfleisch 2 Pfennige einforderte, wie denn auch auf die verschiedenen Arten Geflügel eine verschiedene Abgabe kam. Ein Monopol der Gemeinde war die Bereitung deS Ostermehls auf einer besonderen Mühle und dieses diente auch als bequemes Exceutivmittel. Denn eS erhielt Niemand fein Oftcrmehl. wenn er nicht zuvor feine rückständige Kultussteuer bezahlt hatte. Irr manchen Gemeinden war auch das Backen der Osterkuchen ein Monopol, das die Gemeinde einzelnen Personen übertrug. Ein Monopol war auch der Verkauf der Palmen und Esrogim und Weidensträußchen zum Laubhüttenfefte. ES gab noch mehrere dergleichen , deren ich mich nicht gleich entsinne. Ueberaus drückend war aber da, wo sie vorhanden, die Lichlsteuer auf > die siebenarmige Sabbathlampe. — Dies in Kurzem ein! Bild der Finanzgebahrung der Gemeinden. Sie hatte sich , so aus der Noth der Vergangenheit herausgebildet. Jetzt ist sie verschwunden, und die Bedürfnisse jeder geregelten Gemeinde, die noch dazu sehr gestiegen sind, werden durch eine einzige Vermögens- und Einkommensteuer gedeckt. Die Verhältnisse selbst haben dahin geführt. Es kam wohl die Ein-! sicht, daß durch eine solche Fleischsteuer den armen Leuten,; selbst den Almosenempsängern, der Genuß des Fleisches sehr erschwert werde. Ob jedoch diese Einsicht die Steuer verdrängthätte, will ich nicht behaupten. Aber als es sich fand, daß gerade von den reichen Familien nach und nach immer wenigere Koschersleisch nahmen, konnte man die Last der Consumsteuer nicht mehr allein auf die anderen Gemeindeglieder legen. Ebenso ging es mit dem Ostermehl und den Osterkuchen, da Lieferanten für diese Waare erstanden, und man Niemandem untersagen konnte, dieselbe von außen zu beziehen. So kam es, daß man in den jüdischen Gemeinden alle indirekten Steuern aufgab und an deren Stelle nur die einzige Vermögens- und Einkommensteuer setzte. Es ist dies durchaus nichts Unbedeutendes, denn sie kommt in manchen preußischen Gemeinden der Staatseinkommensteuer gleich, oder bleibt nicht viel hinter ihr zurück, wie ich z. B. an Kultussteuer ‘Jü Prozent meiner Einkommensteuer bezahle. Jedermann sieht ein, daß, wenn gerecht abgeschätzt, diese Steuer die beste und zukömmlichste ist. Man weiß durch sie wirklich, was man zu leisten hat, und hat keine Rechnung in's Dunkele und Geheimnisvolle wie bei den indirekten Steuern. Man sagt gewöhnlich, daß die letzteren weniger fühlbar und dadurch leichter zu tragen seien. Man vergißt aber, daß der gegenwärtige Mensch nicht mehr auf diesem naiven Standpunkt sich befindet, und deshalb geneigt ist, die, namentlich neuen indirekten Zölle viel höher anzuschlagen, als sie wirklich sind und sie deshalb um so unwilliger zu ttagcn. Stößt er noch dazu bei jedem Schritt, bei jeder Manipulation in Leben, Handel und Verkehr auf eine oder mehrere dieser Steuern, so fürchte ich, die allgemeine Unzufriedenheit wird viel höher steigen, als durch eine, noch so beträchtliche! direkte Steuer. Allerdings ist es in kleineren Kreisen, wie die mittleren und kleinen jüdischen Gemeinden, leichter, eine 1 gerechte Abschätzung zu Stande zu bringen: Man kennt die! Verhältnisse eines Jeden und weiß z. B. die Zahl seiner Familienglieder und sonstige Umstände in Erwägung zu bringen. Daß die Kultussteuer als einfache Vermögens- und Einkommensteuer, wie ich oben sagte, erttäglich ist, das beweist sich aus dem Umstande, daß neben ihr noch zahlreiche wohlthätige Vereine in der Gemeinde bestehen, die durch freiwillige Gaben erhalten werden, und alle diese Vereine und Anstalten existiren flott weiter. Selbst die jüngste große Krise hat nur kurze Zeit etwas nachtheilig auf sie gewirkt und z. B. die Berichte in der „A. Z. d. Jud." auf diesem Gebiete zeigen durchgehends, daß jene sich in den letzten Jahren kräftig sortbewegten. Da haben wir denn allerdings im Kleinen alle die Ziele in ganzer Erfüllung, welche jüngst , der Reichskanzler als Projekte für das deutsche Reich ausgestellt hat, wie Alteroersorgung, Unfallversicherung, Armen- und Schulwesen u. s. w. — nur daß sie in der jüdischen Gemeinde nicht den socialistischen Charakter haben, den sie für einen großen Staat und durch ihn aufgestellt nothwendig besitzen. Tenn in jenen entspringen sie aus der religiösen Wohlthätigkeit und ans freiem Willen, während der Staat die Mittel zwangsweise Allen entzieht, um sie für die Einzelnen zu verwenden. — Dies, mein theurer Sohn, habe ich Dir auf Deine Anfrage zu antworten, und wenn Du daraus nichts für die allgemeinen Tagesfragen gewinnen kannst, so wirst Du es mir nicht zur Last legen.

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