Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 123 (13.10.1838)
- Date
- 1838-10-13
- Page
- Seite 497 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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497 verachten sie; Schmerzen besiegen sie durch ihren männlichen Muth; den Tod, der mit Ruhm und Ehre sich gattet, ziehen sie der Unsterblichkeit vor. In allen Vorfällen beurkundete diese ihre Seelengröße der Krieg mit den Römern. In demselben wurden sie auf die Folter gespannt, ihre Glieder aus den Fugen geschroben, gebrannt und gerädert; je:, des Instrument der Tortur erprobten sie, um entweder ihren Gesetzgeber zu lästern, oder etwas Ungewöhnliches zu essen, und doch konnten sie von sich erhalten, weder das eine noch das andere zu (hun, geschweige ihren Henkern schmeichelhaft zuzureden, oder Thranen zu weinen. Lächelnd unter den heftigsten Schmerzen und spottend der Leute, die ihnen diese Marter zusügten, ließen sie mit frohem Muthe ihren Geist scheiden, in der Ueberzeugung, ihn wieder zu erhalten. Denn es ist fester Glaubenssatz bei ihnen, daß ihre Körper verwesen und der Urstoff derselben nicht fortdauere, ihre Seele aber unsterblich sei und ewig fortlebe; daß dieselbe aus einem sehr feinen Aether käme durch einen gewissen, natürlichen, unwiderstehlichen Reiz in den Körper gezogen, und in diesen, wie in ein Gefangniß, eingeschlossen würde, und nachher, von den Banden des Fleisches endlich erlöset und endlich gleichsam aus einer Sklaverei befreit, sich wieder freudig empor in die Luft hebe. Den Rechtschaffenen bestimmen sie ein Leben jenseit des Oceans, in einer Gegend, die weder von Regengüssen, noch Schneegestöber, noch brennender Hitze belästigt werde, sondern die ein aus dem Ocean beständig sanft kühlender Zephyr kühle; den Gottlosen weisen sie einen dunkeln und kalten, unterirdischen Winkel, voll nie sich endigender Qualen, an. Hierdurch setzen sie zuerst die Unsterblichkeit der Seele fest, und ermuntern sodann durch diesen Lehrsatz zur Tugend, mahnen ab vom Laster. Sie glauben nämlich, die Guten würden, schon im Leben, wegen der Hoffnung einer Belohnung nach dem Tode, nach immer höherer Rechtschaffenheit streben; der Bösen ungestüme Unternehmungen und heftige Begierden hingegen, durch Furcht gezügelt werden, da sie doch, könnten sie auch jeden Unfug im Leben, auf eine verborgene Weise, üben, nach dem Tode, Erduldung einer ewigen Strafe erwarten müßten. So philosophiren die Essaer über den göttlichen Ursprung der Seele; sie legen dadurch denen, die einmal von ihrer Weisheit einen Vorgeschmack bekommen haben, eine Lockspeise vor, der sie nicht entgehen können *). (Fortsetzung folgt.) •) Jüd. Kr. II. 8, 2, ff. Correspolldenzen, Auszüge, Repliken. Venedig, I. August. Die israelitische Gemeinde. (Schluß.) Der religiösen Bildung ist eine öffentliche Religions-Schute (Talmud Tora) gewidmet, deren Einrichtung freilich noch Vieles zu wünschen übrig laßt, doch wird eS mit der Zeit schon beffer damit gehen, indem auch hierin von den neuen Rabbinen viel zu hoffen ist.^ Diese sind zu einer großen Arbeit berufen, mögen sie mit Gewchenhafligkeit, Ernst und Umsicht zu Werke gehen! Die Augen der Zeitgenossen sind auf sie gerichtet, das Heil der kommenden Geschlechter beruhet auf ihnen — daß Religion kein leerer Schall, auch keine bloße Ceremonien-A'usübung, sondern ein herzergreifendes Wort sei, daß wissenschaftliche Bildung der religiösen die Hand reiche, sie nicht zerstöre! In eben diesem Sinne macht es eine k. k. Verordnung jedem israelikischen SchiUer zur Pflicht, bei jeder Semestral-Prüfung daS Zeugniß des genossenen Religions-Unterrichtes, vorzulegen, worauf die Vorsteher der Gemeinde eine entsprechende Anordnung mir den Lehrgegenständen vornehmen, die auch deö k. k. GouverniumS Gutheißung erhielt. Wenn wir von der religiösen zur wissenschaftlichen Bildung übergehen, so finden wir die Ergebnisse der letzten weit erfreulicher. Ueber 50 israelitische Kinder und Jünglinge besuchen die öffentlichen Schulen, als Gymnasien, Lyceum und Universität; Einige auch die Akademie der schönen Künste und Mehre zeichnen sich durch gute Aufführung und Talente aus. Auch giebts Privatschulen in der Gemeinde und überdem haben alle reiche und auch mittlere Familien Privatlehrer in den Sprachen, Wiffenschaften und schönen Künsten. Das Streben nach Bildung ist so allgemein verbreitet, daß unter 120 A'bonnirten zur Lesestube 35 davon Israeliten sind. Auch zählen diese schon in Venedig 3 Advokaten und 7 Aerzte und Wundärzte, worunter einige im k. Bürger-Spital angcstellt sind, und sammtlich in gutem Rufe stehen. Mehre andere practiciren noch nicht. Mit der Bildung der Männer soll aber die der Frauen allezeit gleichen Schritt halten. Das alte Vorurtheil, daß Unwissenheit die weibliche Tugend besser schütze alö Erfahrung der Welt, und Verstandesbildung, ist Gott sei Dank! fast ganz aus unserer Mitte verschwunden, und man bat es eingesehen, daß leeres Geschwätz und Schlaffheit des Geistes der Sittlichkeit eben nicht wohlrhätig sind. So genießen die israelitischen Mädchen des Unterrichtes in Sprachen, Geschichte und schöner Literatur, so wie in der Musik und im Tanze und zwar so, daß weit eher eine Beschränkung als eine weitere Ausdehnung zu wünschen wäre, damit die Bildung des Verstandes der Gesundheit und körperlichen Entwickelung nicht Abbruch rhue. Auch für arme Mädchen wird durch öffentliche Schule in der Gemeinde gesorgt, deren Zweck bis jetzt war, sie blos zu tauglichen Kammerjungfern zu erziehen. Nun aber, da der junge würdige Rabbine Abraham Latteö an der Verwaltung der Schule Tbeil hat, wird Manches daran verbeffert. Fünf und fünfzig Mädchen besuchen dieselben, unter zwei anerkannten Lehrerinnen. Wie sehr es Noth thue, arme Kinder den Künsten und Gewerben zu widmen, wie dies ein mächtiges Mittel sei, ihnen einen würdigen Stand in der Gesellschaft zu versichern, ist unserer Gemeinde nicht entgangen. Darum bestimmte sie seit mehren Jahren ein besonderes Kapital dazu; noch rühmlicher aber ist der, von einigen wohlgesinnten Jünglingen unter der Leitung deö erwähnten Rabbine Lattes vor 4 Jahren gefaßte Entschluß, durch ein ein eigenes Kapital und thätige Mitwirkung den Sinn für Kunst und Gewerbe desto mehr zu verbreiten, so wie auch arme Handwerker mit den nöthigen Werkzeugen zu versehen. Diese wahrhaft wohlthätige Unternehmung, die sich schon einiges guten Erfolges zu erfreuen hgt, bekommt jetzt eine größere Ausdehnung dadurch, daß die Gemeinde ihr eigenes Kapital, dem der edlen