Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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noch im talmudischen, und am wenigsten im kabbalistischen. Die Natur ist das Werk Gottes, und die Allweisheit und Allgüte Gottes, mit welcher er sie geschaffen und fort und fort erhält, mit der er fie in zweckmäßigster und gütigster Weise geordnet hat und ihr seine Fürsorge stets zukommen läßt, wird an unzähligen Stellen der h. Schrift gerühmt. U eberall wo von dem Verhältniß Gottes zur Natur, zu seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen die Rede ist, kommt der Gedanke zum Ausdruck „Gütig ist der Ewige Allem und barmherzig für alle seine Geschöpfe". (Ps. 145, ih). Man denke an den 104. Psalm und ftage sich dann, wie kann ein „Gottesgelehrter" eine Behauptung wagen, wie Prof. Pfleiderer; wir empfehlen ihn z. B. B. 24. Nicht minder werden alle Wesen stets voll Dankes gegen Gott, rühmend deffen Weisheit und Güte, dargestellt, und nicht blos die belebten. sondern auch die unbelebten, Sonne und Sterne, Gewässer, Berge ff. Vgl. Ps. 146. Job 38, 7. (Die Sophistik des Prof. Pfleiderer hat erst vor Kurzem E. v. Hartmann genügend nachgewiesen. Redakt.) Hamburg, 15. Februar, Da die antisemitischen Sprecher in Berlin keine Beschäfttgung mehr finden, wandern sie nach der Provinz und den übrigen deutschen Staaten. Aus Hamburg schreibt man der „Voss. Z.": Treffender und schärfer konnte die Stellung der hamburgischen Bevölkerung zu der sogenannten „Judenfrage", welche gegenwärttg in Berlin und an anderen Orten Deutschlands so hochgehende Wogen tteibt, nicht gekennzeichnet werden, als es in der am Montag Abend stattgehabten General-Versammlung des Vereins der deutschen Fortschrittspartei durch den Rechtsanwalt Dr. Wex geschah. Aus Anlaß der Diskussion über einen vortrefflichen Vorttag des Herrn G. R. Richter hatte nämlich ein Mitglied des Vereins die Frage aufgeworfen, wie sich der letztere einem für Mittwoch dieser Woche angekündigten Borttage des bekannten vr. Henrici aus Berlin gegenüber zu verhalten gedenke, da ja zu erwarten stehe, daß der genannte Agitator unter der Flagge eines anscheinend ganz harmlosen Themas eine seiner bekannten Hetzreden gegen die Juden vom Stapel laffen werde. I)r. Wex erwiderte darauf in kernigen Worten, daß man dem rc. Henrici viel zu viel Ehre anthun würde, wenn man seine Person und die von ihm betriebene Agitatton überhaupt einer Diskussion würdigte, baß die sogenannte Judenfrage für Hamburg überhaupt nicht existire, und daß man unsere Stadt nur aus ihrer vornehmen Stellung nur herabwürdigte, wenn man anfinge, sich mit einem Gegegenstand zu befaffen, der für die Freistadt Hamburg niemals eine Bedeutung gewinnen könne. Der stürmische, endlose Beifall der sehr zahlreichen Versammlung, welcher dieser Erklärung folgte, war ein eclatanter Beweis dafür, daß die Herren Judenhetzen hier auf einen mehr als unfruchtbaren Boden stoßen werden. Darmstadt, 14. Febr. (Privatmitth.) Die „Germania" die sich bekanntlich seit Jahren nach Excessen gegen die Juden sehnt, ließ sich jüngst aus Mainz über Unthaten berichten, die in einer Reihe von Ortschaften geschehen sein sollten, in Oberingelheim, Stadecken, Effenheim, Partenheim, Jugenheim, überall sollten Demolirungen von Judenhäusern vorgekommen sein. Das Jesuitenblatt knüpft daran selbst allerhand Betrachtungen, die sich bis zu 1>r. Bamberger versteigen. Aber auch diese kleine Tröstung verbleibt der edlen Germania nicht. Der „Darmslädier Anzeiger" bringt aus Partenheim folgenden authentischen Bericht: Es ist unwahr, daß den hiesigen Israeliten schon seit drei Wochen allabendlich die Fenster eingeworfen werden. Es kam allerdings vor, daß einem Jsraeltten 2, dem anderen 3 Fenster eingeworfen wurden, es geschah dies aber von 12— 15jährigen Buben und nicht von erwachsenen Einwohnern, die sämmtlich diese Bubenstreiche verurtheilen und bedauern. Da die in Rede stehende Notiz in allen Mainzer Blättern zu lesen war, so kam die dorttge Staatsanwaltschaft auch hierher, um sich von dem Stand der Dinge zu überzeugen, fand aber gar nichts vor, das ihr Einschreiten nöt!:; gemacht hätte, indem die hiesigen israelittschen Einwohner selbst bemerkten, die Sache sei ja gar nicht der Rede werth. In Jugenheim ist gar nichts vorgekommen und die zwei Familien, welche nach Bingen, resp. Mainz ziehen, haben diesen Entschluß schon lange gefaßt, indem dort ihre Kinder und Anverwandte wohnen. (Die Vorgänge waren doch schlimmer, s. nächste Nummer. Redactton.) Wolfeudüttel, 16. Februar. (Privatmitth.) Während der hundertjährige Todestag Leffing's in Braunschweig am Bormittage des 15. d. M. in erhebender Weise gefeiert wurde, hat auch die Samsonschule in Wolfenbüttel zu gleicher Zeit an dem eigentlichen schöpferischen Schauplatze des großen Mannes dem Andenken deffelben — die einzige von allen Schulanstalten der Stadt') — ihren Tribut gezollt. Die Schulfeier begann mit einem weihevollen Choräle, diesem folgte ein Festgedicht für den Tag und eine Rede des Direktors. In dieser wurde nach der einleitenden Erwähnung der Zeitgenoffenschaft Leffings mit dem Sttster der Samsonschule Philipp Samson zu Wolfenbüttel ein Bild des Geistes und Gesellschaftszustandes im 18. Jahrhundert entworfen, der Einfluß vorgeführt, welchen der allmälige Fortschritt der Naturwisienschaften und die beginnende Periode der Aufklärung auf die Berbefferung der europäischen Weltlage und speciell Deutschlands geübt habe, der hervorragende Antheil beleuchtet, den Lefsing speciell an dem Aufschwünge der Geister genommen und gezeigt, was er dem Judenthume gewesen und geworden sei. Nach Beendigung der Schulfeier begaben sich Lehrer und Schüler in feierlichem Zuge 1) Wie wir aus den Zeitungen ersehen, wurde die Feier im Gymnasium zu Wolfenbürtet am folgenden Tage begangen. Redatt.