Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1881)
- Date
- 1881-02-08
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Keuilleton. Vermischtes. Die Manieren der „Grenzboten". Mit Fug und Recht schreibt man den vergangenen Zeiten etwas „Altvaterisches" in steiferen Formen sich Bewegendes zu. Aber, beim Himmel! wer die Manieren der jetzigen deutschen Publizistik beobachtet, wünscht sich sicherlich! zehnmal in jene Zeiten zurück. Die Charakterlosigkeit, bie; Gemeinheit, ja man kann sagen die bewußte Perfidie treibt hier ungescheut ihr Spiel, und fragt man: sind dies Vertreter des deutschen Volkes und sprechen sie die vorhandene öffentliche Meinung aus? oder sind sie es, welche die öffentliche Meinung machen sollen? In beiden Fällen wäre die Nation übel daran, und glücklicherweise sind diese Zeitschriften doch immer nur der Ausdruck einer gewisien, oft sehr kleinen Clique, womit wir freilich den Schaden, den sie anrichten, nicht in Abrede stellen wollen. Diese Gedanken kamen uns bei der Lectüre eines Aufsatzes in Nr. 52. der „Grenzboten": „Laffalle gegen Stahl". Ter Gegenstand interessirt uns an dieser Stelle nicht weiter. Es ist von dem „System der erworbenen Rechte" die Rede, und es wird berichtet, auf welche zutreffende Weise Lassalle die von den Conservativen so hoch belobte Theorie Stahl's widerlegt hat. Der Aufsatz beginnt nun: „Bor dreißig Jahren machte in Berlin ein getaufter Jude aus München, der sich der Rechts¬ und Staatsphilosophie gewidmet und sich auf diesen Gebieten allerlei zusammengedacht hatte, viel von sich reden. Er schrieb sich Stahl und sprach sich Schlesinger aus". „Die damaligen Conservativen hielten sich in ihm einen Leibjuden, der ihnen die Ideen fabricierte, welche sie selbst nicht hatten." Weiterhin heißt es: „Vorher möchten wir noch mit einigen Worten darauf aufmerksam machen, daß Stahl hierin nichts weniger als originell war, vielmehr seine Grundgedanken aus Benchams Schriften entnommen und nach jüdischer Weise appropriirt hatte." So sprechen die „ Grenzboten" von Stahl, dem getauften Juden. Und wie nun von Lasialle, dem Juden, der Jude geblieben, dessen irdische Reste auf dem jüdischen Friedhofe zu Breslau ruhen? Da wird mit keinem Worte des Juden erwähnt, da ist es nicht der jüdische Scharfsinn, die jüdische Logik, das jüdische Rechtsbewußtsein, die jüdische Gelehrsamkeit, die diesem Juden nachgerühmt wird; es werden nur diese Eigenschaften als ganz eminent an dem Lasialle gerühmt, und deffen Folgerungen und Schlüffe als durchaus richtig und wahr hervorgehoben. Dies ist ein so recht schlagendes Beispiel, wie man jetzt in der deutschen Publicistik die Juden behandelt, denn wir haben hier gerade einen wirklichen Juden einem getauften Juden gegenüber. Wir können es deshalb dem Leser selbst überlaffen, zu beurtheilen, in wieweit unsere Einleitungsworte aus dieses Beispiel paffen oder nicht. Die Bestattung eines Juden in Südafrika. Eine in den Diamantenfeldern Südaftika's fast unbekannte Oertlichkeit, Iagersfontain, 80 Meilen von Kimberley gelegen, war vor einigen Monaten der Schauplatz einer israelitischen Beerdigung. Ein deutscher Jude, Namens Moritz, verstarb daselbst am 1. Mai und obwohl es im Ganzen nur acht Glaubensgenossen auf diesem verlorenen Posten gab, wurden Schritte gethan, um die Beerdigung der Leiche an einem paffenden Orte und nach den jüdischen Gebräuchen zu bewerkstelligen. Es gab keinerlei Gottesacker an diesem Orte. Dank der verliehenen Autorisation des Minen-Büreaus konnten die Juden ein Terrain wählen, das ihnen am besten geeignet schien und man garantirte ihnen die permanente Benutzung. Zwei polnisch-jüdische Colporteure trafen alle nöthigen Einrichtungen; jeder im Lande anwesende Jude wachte abwechselnd bei dem Todten. Das Grab wurde gegraben durch 7 Kaffern und die sämmtliche weiße Bevölkerung — ungefähr 150 Personen — waren bei der Bestattung zugegen. Es gelang auch, gerade ein Minjan zu bilden und ein gewisser M. C. Eschwege sprach das Kaddisch. Das Büreau der Minen ging in seinem Entgegenkommen so weit, ihnen anzubieten, die Kosten der Bestattung zu übernehmen; aber die Israeliten wiesen dies großmüthige Anerbieten zurück und theilten sich in die Kosten. Die „Haus-Synagoge" des österreichischen Abgeordnetenhauses. Im „ N. W. Tgbl." sindet sich folgendes Geschichtchen aus dem österreichischen Parlament erzählt: „Rabbiner Schreiber ist, wie man weiß, durch das Seelenband verständnißinniger Solidarität, welches zwischen den Orthodoxen sämmtlicher Confesfionen des Erdballs läuft, an die Partei der Recht- und „Rechts"gläubigen im Abgeordnetenhause geknüpft, auf deren äußerstem Flügel er auch bekanntermaßen seinen Platz hat. Seine Partei-Anhänglichkeit also und seine Glaubenstreue wandeln einen und denselben Weg. Am Samstag nun gescbah es aber zum ersten Male, daß diese beiden Factoren seines religiös-politischen Seelenlebens miteinander in Conflict geriethen: die Parteitreue befahl in dem Hause auszuharren, damit der Partei bei den entscheidungsvollen Abstimmungen auch nicht eine Stimme abhanden komme — die Sabbathtreue dagegen I trieb zum Gebete und zwar zum Gebete in voller Gemeinde, 1 in der Betversammlung der Synagoge. Ein tiefbedenklich j schwerer Conflict, welcher der Partei eine Stimme kosten