Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-02-01 · Heft 5 (1.2.1881) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 5 (1.2.1881)
Date
1881-02-01
Page
Seite 77 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227345--38690-3307940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(Jes. 26. 20). Wir Juden haben schon trübere Zeiten erlebt und Männer, die größer als die Stöcker und Treitschke waren, überlebt. So arg auch das Leid ist, von dem unsere Brüder heimgesucht worden, so ist doch die Schmach und die Erniedrigung, die Deutschland und speciell die Stadt der Intelligenz über sich selbst'gebracht haben, noch größer, und wird es lange dauern, bis civilisirte Völker sie vergesien haben werden. Es hat speciell in letzter Zeit nicht an Versuchen gefehlt, Wien zu einem ähnlichen Tummelplätze der Antisemiten wie Berlin zu machen; doch sind dieselben mißlungen. Die Regierung selbst würde derartigen Bestrebungen auf Grund der bestehenden Gesetze entgegentreten, und würden diese nicht vorhanden sein, so müßten sie aus allgemein politischen Gründen geschaffen werden; denn wir haben anderweitig genug Zwfft und Hader, als daß die Regierung nicht bestrebt sein müßte, Zündstoff aus dem Wege zu räumen. Wenn übrigens regieren vorhersehen bedeutet, so glauben wir, daß eine nicht ferne Zukunft den Beweis für die Kurzsichtigkeit liefern wird. Die preußische Regierung ist gcnöthigt, den kleinen Belagerungszustand in Berlin aufrecht zu halten, sieht jedoch mit verschränkten Armen zu, wenn die Leidenschaften immer mehr und mehr aufgewühlt werden, statt sie nach Möglichkeit zu beschwichtigen. Es wird sich zeigen, ob dieser Zustand der Barbarei dem allgemeinen Besten zum stützen ist. Man pflegte sonst über die Gemüthlichkeit der Wiener zu spotten; jetzt zeigt es sich, wie viel sie werth ist. Der Wiener Pöbel gehört zu dem gutmüthigsten auf der Welt, an unsren Hoch-, Mittel- und Volksschulen giebt es keine Professoren und Lehrer ü 1a Förster, Henrici et tntti guanti «und Prof. Billroth? Redact.) und unter unseren Studenten giebt es nicht solche, wie jene, die sich in Berlin vernehmen ließen. Wohl haben wir auch hier einen katholischen Studeutenverein, der jedoch im Ganzen nur verhältnismäßig wenig Mitglieder zählt, und auch diese gehen nicht aggressiv vor, und halten sich vielmehr wie die Veilchen bescheiden im Verborgenen. Die Art und Weise, wie jetzt bei der Volkszählung vorgegangen wird, ist den Antisemiten auch nicht genehm. Es ist nämlich die Rubrik Nationalität ausgefallen und an die Stelle derselben kam: Umgangssprache. Darüber klagt nun das „Ausland", welches noch immer als wiffenschaftliches Organ angesehen sein will, da dadurch die Juden eben nicht mehr als Nation Vorkommen. Schließlich noch eine Mittheilung rein localer "Natur. Wie ich höre, beabsichtigt der Vorstand der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, demnächst einen Bericht über seine Wirksamkeit im letzten Decennium zu veröffentlichen. Prag, 10. Januar. Die ganze Auflage einer bei dem Buchdrucker Czech erschienenen czechischen Antisemiten- 7_ broschüre wurde heute confiscirt. Der Einspruch gegen eine frühere Confiscation einer antisemitischen Flugschrift wurde vom Gericht verworfen. Wir haben also hier nicht bloß ein polizeiliches, sondern auch ein gerichtliches Verdikt! Serbien. Belgrad, 12. Januar. Abraham Oser in Belgrad ist, wie wir bereits berichtet, zum Mitgliede der Skupstina gewählt. Aus diesem Anlaß richtete die Belgrader israelitische Gemeinde an das serbische Ministerium Mitjetovics eine Dankadreffe. Marokko. Pep, 20. Januar. Der „P. L '' schreibt: Ein Brief aus Madrid, der uns heute zukommt, meldet uns, daß bereits die meisten Staaten die Ratifications-Urkunden der Madrider Convention, welch' letztere bekanntermaßen Beschlüße für die religiöse Gleichheit in Marokko gefaßt hat, an die Vertreter in Tanger gesendet haben und daß der vereinbarte Austausch jener Urkunden demnächst stattfinden werde. Hoffentlich wird diese, unter der Mitwirkung aller civilisirten Staaten — auch die Bereinigten Staaten von Nordamerika sind dabei — zu Stande gekommene Convention die Regierung von Marokko bestimmen. Christen und Juden jenes Maß von Gleichheit zu gewähren, das ihnen in anderen muselmanischen Staaten nicht mehr vorenthalten wird. Vorläufig ist solch' ein praktischer Erfolg noch nicht zu constatiren, denn unser Correspondent bemerkt, daß gerade in der * jüngsten Zeit die Frevel und Gewalttbaten gegen Israeliten in Tanger sich so vermehrt haben, daß man darin säst eine Verhöhnung der seitens der marokkanischen Regierung in der Madrider Convention eingegangenen Verpflichtungen sehen könnte. Man vermuthet, daß der neue, etwas fanatische Großvezir diesen Vorgängen nicht fremd sei. Der Sultan selbst sei wohl kein übelgesinnter Mann, aber unselbstständig und unthätig. Da die meisten Großmächte in Tanger diplomatisch vertreten siud, so ist zu erwarten, daß der Sultan bei Zeiten auf den Sinn nnd die Bedeutung der Madrider Convention aufmerksam gemacht werden wird. Bonn, 23. Januar. (Notizen.) Aus Pest wird uns geschrieben: Am II. Januar starb in Tapolcza (Ungarn) Rabbiner Abraham Neuhaus, ein wegen seiner Friedfertigkeit und seiner talmudischen Gelehrsamkeit in weiteren Kreisen geschätzter Mann. — Bei der jüngst stattgefundenen Trauung Leopold von Rothschild's in London waren der Prinz von Wales und Lord Beaconsfield anwesend. Die „Köln. Ztg." bemerkt hierzu: „England ist offenbar noch von der Besorgniß verschont, durch die in ihm lebenden Juden in seiner Nationalität geschädigt zu werden. Gestern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.